Die populäre Kultur hat viele Schurken hervorgebracht. Die meisten von ihnen tragen ihre Bosheit wie eine Uniform. Sie lachen hämisch, drohen offen, morden mit sichtbarer Lust und lassen keinen Zweifel daran, dass sie die Antagonisten der Geschichte sind. Solche Figuren beruhigen fast schon, denn sie bestätigen eine einfache moralische Ordnung: Hier das Gute, dort das Böse. Das Gewissen des Publikums bleibt sauber, die Frontlinien sind klar gezogen. Wirklich beunruhigend werden dagegen jene Gestalten, die freundlich lächeln, höflich formulieren, kultiviert auftreten und dennoch einen Abgrund in sich tragen. Sie wirken vernünftig, während sie das Unvernünftige rechtfertigen. Sie erscheinen menschlich, während sie Unmenschliches organisieren. Sie präsentieren sich als Verteidiger der Moral, während sie die Moral zerstören.
Genau deshalb gehört Oberst Hans Landa aus Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“ zu den eindringlichsten Schurken der modernen Filmgeschichte. Nicht weil er besonders grausam wäre – die Geschichte des Kinos kennt weitaus blutrünstigere Figuren –, sondern weil er Intelligenz, Bildung, Charme und Höflichkeit mit moralischer Verwahrlosung verbindet. Landa wirkt nicht wie ein Monster. Er wirkt wie der Nachbar, der Universitätsprofessor, der elegante Beamte, der stets die richtigen Worte findet. Er trinkt Milch, führt Konversationen über Sprache und Kultur, analysiert präzise und argumentiert brillant. Sein eigentliches Grauen liegt darin, dass er nicht einen einzigen Augenblick lang glaubt, ein Bösewicht zu sein. Er betrachtet sich als rationalen Mann, der lediglich seine Pflicht erfüllt und die bestehende Ordnung verteidigt. Gerade diese Selbstgewissheit macht ihn furchterregend.
Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbsttäuschung. Kaum jemand steht morgens vor dem Spiegel und beschließt, heute ein Ungeheuer zu sein. Fast jeder konstruiert eine Geschichte, in der die eigene Rolle ehrenhaft erscheint. Der Dieb wird zum Kämpfer gegen Ungerechtigkeit. Der Unterdrücker wird zum Bewahrer der Ordnung. Der Fanatiker wird zum Verteidiger der Wahrheit. Die Geschichte der Menschheit ist überfüllt mit Personen, die überzeugt waren, im Dienst des Guten zu handeln, während sie Elend, Krieg und Verfolgung verursachten. Die größten Katastrophen entstanden selten durch Menschen, die erklärten, sie wollten das Böse. Sie entstanden durch Menschen, die behaupteten, das Gute mit allen Mitteln durchsetzen zu müssen.
Der Schriftsteller und Philosoph Arthur Koestler bemerkte einst, dass Grausamkeiten oft nicht aus Bosheit, sondern aus Überzeugung geboren werden. In ähnlicher Weise schrieb der Historiker Barbara Tuchman über die zerstörerische Kraft politischer Selbstgewissheit. Und Hannah Arendt prägte mit ihrer Analyse der „Banalität des Bösen“ einen Begriff, der bis heute verstört. Das Erschreckende am Bösen sei häufig nicht seine Dämonie, sondern seine Gewöhnlichkeit. Es komme nicht immer mit Hörnern und Schwefelgeruch daher. Manchmal erscheint es geschniegelt in Formulare gegossen, höflich formuliert und mit den besten Absichten ausgestattet.
Hier liegt auch der Schlüssel zum Verständnis religiösen Extremismus. Islamistische Bewegungen erscheinen ihren Anhängern nicht als Verbrecherorganisationen. Sie betrachten sich als moralische Avantgarde. Der Selbstmordattentäter sieht sich nicht als Mörder, sondern als Märtyrer. Der Terrorist betrachtet sich nicht als Feind der Menschheit, sondern als Vollstrecker eines göttlichen Auftrags. Der Fanatiker empfindet seine Gewalt nicht als Verbrechen, sondern als Tugend. Genau darin liegt die Gefahr.
Wer aus Habgier handelt, kennt Grenzen. Wer aus Angst handelt, kennt ebenfalls Grenzen. Wer jedoch glaubt, im Namen Gottes, der Geschichte, der Nation oder einer absoluten Wahrheit zu handeln, verliert leicht jede Begrenzung. Denn gegen eine gewöhnliche Motivation kann das Gewissen Einspruch erheben. Gegen eine angeblich heilige Mission wird das Gewissen dagegen zum Störfaktor erklärt. Sobald die eigene Sache als vollkommen gerecht gilt, verwandelt sich jede Grausamkeit in eine Notwendigkeit. Folter wird zur Verteidigung. Mord wird zur Reinigung. Terror wird zur Gerechtigkeit. Die Sprache beginnt, sich selbst zu vergiften.
Die Geschichte liefert dafür ein erschöpfendes Archiv. Die Inquisition glaubte, Seelen zu retten. Revolutionäre Tribunale glaubten, die Freiheit zu verteidigen. Totalitäre Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts glaubten, die Menschheit zu erlösen. Jeder Fanatismus schreibt sich selbst die Rolle des Helden zu. Niemand errichtet Konzentrationslager mit dem offiziellen Ziel, unmenschlich zu sein. Niemand rechtfertigt Terror mit dem Wunsch nach Terror. Stets wird ein höheres Ziel beschworen. Stets erscheint die eigene Bewegung als letzte Bastion der Tugend. Das Ergebnis bleibt dennoch dasselbe: Menschen sterben für Ideen, die sich selbst für unfehlbar halten.
Islamistische Extremisten unterscheiden sich in diesem Mechanismus nicht von anderen totalitären Bewegungen. Ihre Ideologie verspricht moralische Gewissheit in einer komplexen Welt. Sie bietet einfache Antworten auf schwierige Fragen. Sie teilt die Menschheit in Gläubige und Ungläubige, Gerechte und Verdorbene, Auserwählte und Feinde. Für den Fanatiker entsteht daraus eine berauschende Klarheit. Zweifel verschwinden. Ambivalenzen verschwinden. Die Last des eigenen Nachdenkens verschwindet. Die Welt wird zu einem Comic mit eindeutig verteilten Rollen. Der Extremist erhält darin selbstverständlich die Hauptrolle des Helden.
Die Ironie besteht darin, dass gerade diese Selbstwahrnehmung ihn dem klassischen Schurken ähnlicher macht, als ihm lieb sein dürfte. Hans Landa hätte sich vermutlich ebenfalls empört dagegen verwahrt, als Bösewicht bezeichnet zu werden. Er hätte auf Gesetze verwiesen, auf Befehle, auf Ordnung und Notwendigkeit. Vielleicht hätte er sogar argumentiert, er diene dem Frieden. Das Böse besitzt häufig eine erstaunliche Begabung für elegante Rechtfertigungen. Es bevorzugt die Sprache der Vernunft, solange sie ihm nützt.
Besonders gefährlich wird es, wenn eine Ideologie jede Kritik als Angriff auf das Gute interpretiert. In diesem Augenblick endet das Gespräch und beginnt der Kreuzzug. Wer sich selbst für den alleinigen Vertreter der Wahrheit hält, benötigt keine Argumente mehr. Gegner werden nicht widerlegt, sondern entmenschlicht. Kritik wird nicht beantwortet, sondern bestraft. Die Realität wird nicht untersucht, sondern an die Ideologie angepasst. Der Fanatismus entwickelt dann eine eigentümliche Logik: Je mehr Leid er verursacht, desto stärker fühlt er sich bestätigt. Jeder Widerstand wird zum Beweis seiner Mission.
Der französische Schriftsteller Albert Camus warnte davor, dass Ideologien aus Menschen Mörder machen können, ohne dass diese aufhören, sich tugendhaft zu fühlen. Vielleicht liegt hierin eine der wichtigsten politischen und moralischen Erkenntnisse überhaupt. Die Frage lautet nicht, wer sich selbst für gut hält. Das tun fast alle. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche Grenzen jemand seinem eigenen Handeln setzt. Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass niemand seine Überzeugungen für absolut erklärt. Sie lebt vom Zweifel, von Kritik, von Selbstkorrektur und von der Einsicht, dass auch die eigene Position fehlbar sein könnte.
Der Fanatiker verachtet genau diese Unsicherheit. Er hält Zweifel für Schwäche und Kompromisse für Verrat. Er sucht keine Wahrheit, sondern Gewissheit. Die Gewissheit wiederum wirkt wie eine Droge. Sie macht das Denken bequem und die Gewalt verführerisch. Wer sich für den Helden der Geschichte hält, entdeckt plötzlich erstaunlich viele Gründe, andere Menschen zu opfern. Nicht trotz seines moralischen Sendungsbewusstseins, sondern gerade wegen ihm.
Vielleicht liegt hier die eigentliche Lehre jener großen Schurkenfiguren, die sich selbst für anständig halten. Das Gefährlichste am Menschen ist nicht seine Fähigkeit zum Hass. Hass ist sichtbar. Das Gefährlichste ist seine Fähigkeit, Hass in Tugend zu verwandeln. Sobald Gewalt als Moral verkleidet wird, sobald Grausamkeit als Pflicht erscheint und sobald Mord als Dienst an einer höheren Sache gilt, entsteht jene dunkle Zone der Geschichte, in der Fanatiker aller Farben, Fahnen und Glaubensrichtungen einander plötzlich erstaunlich ähnlich werden.
Der wahre Gegensatz verläuft daher nicht zwischen Menschen, die sich für gut halten, und Menschen, die sich für böse halten. Er verläuft zwischen jenen, die bereit sind, ihre Überzeugungen zu hinterfragen, und jenen, die sich selbst bereits für die endgültige Antwort auf alle Fragen halten. Die einen erkennen die Grenzen menschlicher Erkenntnis an. Die anderen erklären sich zum Sprachrohr der absoluten Wahrheit.
Und die Geschichte hat leider oft gezeigt, welche der beiden Gruppen gefährlicher ist.