Es gibt Bauwerke, die zu Symbolen werden. Die Chinesische Mauer wurde zum Symbol imperialer Beharrlichkeit. Die Berliner Mauer wurde zum Symbol der Teilung. Der Zaun von Gaza zu Ägypten hingegen ist ein Symbol von etwas weit Modernerem: der bemerkenswerten Fähigkeit der internationalen Politik, gleichzeitig das eine zu sagen und das genaue Gegenteil zu tun.
Wer sich die gewaltigen Befestigungsanlagen an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ansieht, könnte zunächst an die Kulisse eines dystopischen Science-Fiction-Films denken. Mehrere Sicherheitszonen, meterhohe Barrieren, Zäune, Stacheldraht, Überwachungssysteme und militärische Sicherungsmaßnahmen bilden ein Bollwerk, das den Eindruck vermittelt, als wolle man dort entweder eine Alien-Invasion aufhalten oder verhindern, dass der letzte Tropfen Wasser die Sahara verlässt. Tatsächlich verfolgt die Anlage einen weit bescheideneren Zweck: Es soll verhindert werden, dass Menschen aus Gaza nach Ägypten gelangen.
Und damit beginnt eines der faszinierendsten Kapitel moderner politischer Rhetorik.
Über Jahrzehnte hinweg wurde die palästinensische Sache in zahllosen Reden, Resolutionen, Konferenzen und Gipfeltreffen beschworen. Kaum ein politisches Thema wurde in der arabischen Welt häufiger mit Pathos, Empörung, Solidaritätsbekundungen und moralischer Entrüstung begleitet. Die Palästinenser wurden als Brüder bezeichnet, als Teil einer gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Kultur, einer gemeinsamen Identität. Politiker überboten sich gegenseitig in Erklärungen der Unterstützung. Fernsehkameras filmten ernste Gesichter. Resolutionen wurden verabschiedet. Gipfeltreffen abgehalten. Erklärungen verlesen. Weitere Erklärungen vorbereitet. Anschließend wurden Arbeitsgruppen eingerichtet, um die Erklärungen zu den Erklärungen auszuarbeiten.
Doch dann tauchte ein praktisches Problem auf.
Was geschieht eigentlich, wenn diese Brüder plötzlich vor der eigenen Haustür stehen?
An diesem Punkt beginnt die Poesie oft zu enden und die Geografie ihren Auftritt.
Die Antwort Ägyptens besteht aus Metall. Sehr viel Metall. Metall in industriellen Mengen.
Offenbar existiert in der internationalen Politik eine interessante Unterscheidung zwischen der Unterstützung eines Volkes und der Bereitschaft, dieses Volk tatsächlich ins eigene Land zu lassen. Die erste Variante ist relativ kostengünstig. Sie benötigt hauptsächlich Mikrofone, Pressemitteilungen und gelegentliche Konferenzen in klimatisierten Hotels. Die zweite Variante erfordert Wohnungen, Schulen, Arbeitsplätze, Infrastruktur, Sicherheitsmaßnahmen und staatliche Verwaltung. Spätestens hier wird aus der großen moralischen Oper eine nüchterne Haushaltsdebatte.
Natürlich begründet Ägypten seine Politik mit Sicherheitsinteressen. Die Regierung verweist auf die Gefahr extremistischer Gruppen, auf Schmuggelnetzwerke, auf die komplizierte Lage auf der Sinai-Halbinsel und auf die Sorge, eine dauerhafte Umsiedlung von Gaza-Bewohnern könne letztlich die politische Lösung des Konflikts untergraben. Diese Argumente sind keineswegs aus der Luft gegriffen. Staaten handeln selten nach Gedichten. Sie handeln nach Interessen. Das ist weder neu noch besonders überraschend.
Bemerkenswert ist vielmehr die Kluft zwischen öffentlicher Rhetorik und praktischer Politik.
Die gleiche Region, die jahrzehntelang erklärte, die Palästinenser seien Teil der eigenen Gemeinschaft, behandelt die Vorstellung ihrer Ansiedlung oft wie einen administrativen Albtraum von biblischem Ausmaß. Die Begeisterung für Solidarität scheint direkt proportional zur geografischen Entfernung zu sein. Je weiter entfernt das Problem bleibt, desto leidenschaftlicher werden die Solidaritätsbekundungen. Kommt es näher, erscheinen plötzlich Sicherheitsgutachten, Grenzzäune und Notstandspläne.
Der britische Schriftsteller George Orwell bemerkte einst, politische Sprache diene oft dazu, „Lügen wahrhaftig und Mord respektabel erscheinen zu lassen“. Vielleicht hätte er ergänzen können, dass sie gelegentlich auch dazu dient, Solidarität grenzenlos erscheinen zu lassen – solange die Grenze geschlossen bleibt.
Der ägyptische Zaun erzählt daher eine Geschichte, die weit über den Nahostkonflikt hinausreicht. Sie erzählt von der universellen Eigenart politischer Systeme, Moral als Exportprodukt und Realpolitik als Binnenpolitik zu behandeln. Die öffentliche Bühne liebt große Worte. Die Grenzanlage liebt große Zäune . Beide existieren oft erstaunlich harmonisch nebeneinander.
Dabei entsteht ein eigentümliches Schauspiel. Internationale Aktivisten erklären, andere Staaten müssten mehr Verantwortung übernehmen. Regionale Politiker beklagen mangelnde Solidarität des Westens. Westliche Politiker beklagen mangelnde Solidarität der Region. Die Region beklagt wiederum den Westen. Der Westen beklagt die Region. Die Vereinten Nationen veröffentlichen Berichte. Experten veranstalten Konferenzen. Kommentatoren schreiben Leitartikel. Und währenddessen steht der Zaun schweigend in der Wüste und verrichtet ihre Arbeit mit jener brutalen Ehrlichkeit, die Metall gelegentlich gegenüber politischen Reden besitzt.
Denn Metall lügt nicht.
Ein Zaun ist vielleicht das aufrichtigste politische Statement überhaupt. Sie benötigt keine Pressekonferenz. Sie kennt keine diplomatischen Formulierungen. Sie veröffentlicht keine Erklärungen. Sie sagt lediglich: Bis hierher und nicht weiter.
Deshalb wirkt die ägyptische Grenzanlage auf viele Beobachter so irritierend. Nicht weil Zäune ungewöhnlich wären. Staaten bauen seit Jahrtausenden Mauern und Zäune. Sondern weil sie eine unangenehme Wahrheit sichtbar macht: Die tatsächliche Politik eines Staates lässt sich oft präziser an seinen Grenzanlagen ablesen als an seinen Sonntagsreden.
Die Frage „Warum will Ägypten die Palästinenser nicht?“ ist daher vielleicht zu einfach formuliert. Wahrscheinlicher ist, dass Ägypten etwas anderes nicht will: die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Konsequenzen einer massenhaften Aufnahme von Menschen aus einem Kriegsgebiet. Das mag moralisch kritisiert werden. Es mag politisch verteidigt werden. Vor allem aber macht es deutlich, dass Staaten meist nicht nach Gefühlen handeln, sondern nach Kosten-Nutzen-Kalkülen.
Und genau darin liegt die satirische Pointe.
Die Weltpolitik liebt die Sprache der Menschheit, der Brüderlichkeit, der Solidarität und der universellen Verantwortung. Wenn jedoch die Rechnung präsentiert wird, erinnert sie sich plötzlich an Grenzen, Zuständigkeiten und nationale Interessen.
Am Ende steht deshalb in der Wüste nicht nur ein Zaun aus Stahl, Beton und Stacheldraht. Dort steht auch ein Denkmal der politischen Ehrlichkeit. Unfreiwillig, unromantisch und bemerkenswert schweigsam. Während Minister, Diplomaten und Kommentatoren weiterhin über Menschlichkeit diskutieren, gibt der Zaun eine viel kürzere Antwort.
Sie besteht aus Stacheldraht.