Der Mann, der über die Runden denkt

Gefragt, wie er zu seinen 21.000 Euro Gehalt stehe und ob das angemessen oder zu viel sei, antwortete der selbst ernannte Marxist und österreichische Vizekanzler Andi Babler mit jener Mischung aus Lakonie und Selbstverständlichkeit, die nur lang geübte politische Routine hervorbringt: „Das ist ein Gehalt, mit dem man über die Runden kommt!“ — ein Satz, der sich anhört wie ein beiläufig hingeworfener Kieselstein und doch Kreise zieht bis an die Ränder der politischen Wahrnehmung, weil er mit einer Nonchalance operiert, die weniger erklärt als vielmehr verschiebt, weniger rechtfertigt als vielmehr normalisiert, sodass am Ende nicht mehr das Einkommen erklärungsbedürftig erscheint, sondern die Frage selbst.

Babler als Mehrfachfunktion in Reinform

Andi Babler ist dabei kein Zufallsprodukt politischer Laufbahnen, sondern gewissermaßen deren konsequente Verdichtung, ein Mensch, der nicht einfach Ämter innehatte, sondern sie sammelte wie andere Briefmarken, sorgfältig, mit erkennbarem System und einem Sinn für Kombinationen, die sich gegenseitig verstärken; Stadtrat und Gemeindebediensteter zugleich, Bürgermeister und Mitarbeiter des Bürgermeisters in Personalunion, dazu Vorstand eines Wasserverbandes und saisonaler Heurigenwirt, später Bundesrat, Parteivorsitzender, Klubchef – ein Kaleidoskop institutioneller Rollen, das sich bei jeder Drehung neu zusammensetzt und dabei stets ein konstantes Element bewahrt: die bemerkenswerte Fähigkeit, diese Vielzahl nicht als Akkumulation, sondern als Selbstverständlichkeit erscheinen zu lassen, als wäre das alles weniger Ausdruck politischer Karriere als vielmehr eine Art kommunalpolitischer Naturzustand.

Der Marxist mit Gehaltszettel

Besonders reizvoll wird diese Konstellation durch die ideologische Rahmung, die Babler sich selbst verleiht, denn der selbsternannte Marxist bewegt sich hier in einem Spannungsfeld, das Karl Marx vermutlich eher als dialektisches Kuriosum denn als konsequente Praxis interpretiert hätte; der Kampf gegen „die Reichen“ erhält eine ganz eigene Note, wenn er von jemandem geführt wird, dessen Einkommensstruktur sich weniger durch Askese als durch bemerkenswerte Vielschichtigkeit auszeichnet, und so entsteht ein Bild, das zugleich widersprüchlich und erstaunlich stabil ist: der Kritiker ökonomischer Ungleichheit als ihr funktionaler Nutznießer, der Gegner der Akkumulation als ihr routinierter Praktiker, allerdings stets eingebettet in den beruhigenden Hinweis, dass all dies letztlich nur dazu diene, irgendwie über die Runden zu kommen, als wäre die Runde selbst ein sehr dehnbarer Kreis.

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Öffentliche Kassen, private Gelassenheit

Was diese Konstellation zusätzlich veredelt, ist die Herkunft der Mittel, denn während andere Mehrfachverdiener zumindest gelegentlich auf private Einkommensquellen verweisen können, bleibt Bablers ökonomisches Ökosystem auffallend eng an den öffentlichen Raum gebunden, jener große, diffuse Topf, der sich aus Steuern speist und in politischen Sonntagsreden gern als Ausdruck solidarischer Gemeinschaft beschworen wird; hier jedoch wird er zur stillen Grundlage einer Karriere, die sich nicht nur durch Engagement, sondern eben auch durch bemerkenswerte monetäre Kontinuität auszeichnet, eine Kontinuität, die so selbstverständlich wirkt, dass sie kaum je thematisiert wird, es sei denn, jemand stellt die unhöfliche Frage nach der Höhe – woraufhin die Antwort bereits bereitliegt, geschniegelt, gebügelt und rhetorisch entwaffnend schlicht.

Der Heurige als moralische Nebenbühne

Und dann wäre da noch jene Episode, die in ihrer stillen Absurdität fast schon literarische Qualität besitzt: der Vielverdiener und Bürgermeister, der nebenbei einen Heurigen betreibt und zur Weinlese freiwillige Helfer einlädt, ein Bild von rustikaler Bodenständigkeit, das so perfekt inszeniert wirkt, dass es beinahe schon wieder authentisch erscheint; hier treffen sich politische Macht, wirtschaftliche Aktivität und gemeinschaftliches Engagement in einer Szenerie, die irgendwo zwischen Heimatfilm und Sozialexperiment oszilliert, während im Hintergrund die unausgesprochene Frage mitschwingt, ob diese Form der Freiwilligkeit nicht auch eine gewisse Ironie in sich trägt, eine Ironie, die sich erst dann vollständig entfaltet, wenn man sie in den Kontext der übrigen Einkommensverhältnisse stellt, wie ein leiser Akkord, der das gesamte Stück in ein anderes Licht taucht.

Die Eleganz der Selbstverharmlosung

Was bei all dem bleibt, ist weniger Empörung als eine gewisse Faszination für die Eleganz, mit der Andi Babler es versteht, komplexe Realitäten auf einfache Formeln zu reduzieren, ohne dass diese Reduktion sofort als solche erkannt wird; es ist die Kunst, aus einem Viel an Positionen ein Wenig an Eindruck zu erzeugen, aus einer Vielzahl von Funktionen eine einzige, scheinbar bescheidene Rolle zu formen, die sich mühelos in das Narrativ des bodenständigen Politikers einfügt, der eigentlich nichts weiter will, als eben über die Runden zu kommen, auch wenn diese Runden mitunter eher an großzügig gezogene Kreise erinnern.

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Epilog eines gut geölten Widerspruchs

So bleibt Andi Babler eine Figur, die weniger durch ihre Widersprüche irritiert als durch die Geschmeidigkeit, mit der sie diese Widersprüche integriert, ein politisches Chamäleon, das nicht die Farbe wechselt, sondern den Hintergrund so lange beschreibt, bis er zur eigenen Farbe wird; und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe, dass hier kein offener Bruch inszeniert wird, kein dramatischer Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sondern vielmehr eine sanfte Verschiebung, eine Art rhetorischer Feinschliff, der aus einem potenziellen Skandal eine beiläufige Bemerkung macht – einen Satz, der klingt, als wäre er kaum der Rede wert, und gerade deshalb so lange nachhallt.