Der Duft des Faulen

Es gehört zu den feinen Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich in rhetorischer Dauerbewegung gefällt, das Stillhalten als moralisches Problem entdeckt hat; dass also nicht mehr der Exzess, nicht mehr die Verschwendung, sondern das schlichte Liegenlassen zum Skandal erhoben wird, zum ökonomischen Fehlverhalten mit latentem Sündenregister, und dass folgerichtig ein politischer Ton entsteht, der das Sparen nicht mehr als Tugend duldet, sondern als eine Art unsolidarischen Müßiggang brandmarkt. Wenn in diesem Kontext ein Betrag von rund zehn Billionen Euro, verteilt auf europäische Haushalte, als „faul“ etikettiert wird, dann schwingt darin nicht nur eine ökonomische Diagnose mit, sondern ein moralischer Zugriff, der das Privateigentum in eine Art vorläufigen Zustand versetzt, in eine Warteschleife, aus der es – wohin auch immer – abgerufen werden kann. Das Geld, so scheint es, hat seine Unschuld verloren; es ist nicht mehr das Resultat individueller Vorsicht, nicht mehr die materialisierte Angst vor dem Unvorhersehbaren, sondern ein Reservoir, das seiner Bestimmung noch nicht zugeführt wurde, ein ungeduldiger Rohstoff, der sich weigert, den ihm zugedachten historischen Auftrag zu erfüllen. Und so entsteht jene eigentümliche rhetorische Volte, in der Vorsorge zur Reserve wird, in der das Sparbuch – einst Symbol kleinbürgerlicher Solidität – zur ungenutzten Ressource umgedeutet wird, die es zu mobilisieren gilt, als sei sie ein schlafender Kontinent.

Die Metamorphose des Sparers

In dieser semantischen Verschiebung vollzieht sich eine leise, aber folgenreiche Transformation: Der Sparer, einst ein vorsichtiger Bürger, wird zum unwilligen Investor, dessen Hauptvergehen darin besteht, sich der großen Erzählung des Wachstums zu entziehen. Das Geld auf dem Konto ist nicht länger Ausdruck von Autonomie, sondern ein Indiz von Passivität, ein stiller Protest gegen die Zumutung permanenter Verwertung, und genau darin liegt offenbar sein Problem. Denn Einlagen, so unerquicklich das für die Dramaturgie der großen Pläne auch sein mag, sind keineswegs totes Kapital; sie sind das unspektakuläre Fundament der Kreditvergabe, die unscheinbare Basis eines Systems, das gerade deshalb funktioniert, weil nicht jeder Euro gleichzeitig in heroischen Projekten verglüht. Wer dennoch darauf besteht, dieses Geld als leblos zu bezeichnen, verfolgt weniger eine analytische als eine teleologische Absicht: Es soll bewegt werden, gelenkt, kanalisiert, vorzugsweise in jene Bereiche, die zuvor als „strategisch“ definiert wurden – ein Wort, das so viel Klarheit suggeriert und doch meist nur die elegante Umschreibung politischer Prioritäten darstellt. Die Rendite, so wird versichert, werde folgen; das Risiko hingegen bleibt ein diskreter Begleiter, der höflich verschwiegen wird, als handle es sich um einen ungebetenen Gast, der die Feierlaune trüben könnte.

TIP:  Die neue Unschuld der alten Parolen

Architektur der Lenkung

Die angekündigte Spar- und Investitionsunion erscheint in diesem Licht weniger als technokratisches Projekt denn als architektonisches Vorhaben, das die Flüsse des Kapitals neu vermessen will, mit einer Mischung aus Verbriefung, regulatorischer Feinjustierung und jener schwer greifbaren, aber wirkmächtigen Kategorie der „Anreize“, die in der politischen Sprache häufig die Rolle des sanften Zwangs übernimmt. Banken und Versicherer sollen ihre Anlagen neu ausrichten, Aufsichtsstrukturen werden harmonisiert, Märkte vertieft – ein großes Orchester, das sich auf ein Stück vorbereitet, dessen Partitur noch nicht vollständig vorliegt, dessen Aufführung jedoch bereits mit beeindruckenden Zahlen beworben wird. Bis zu 470 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen stehen im Raum, eine Summe, die so konkret wirkt, dass sie fast schon als Versprechen durchgeht, obwohl sie letztlich auf Annahmen, Modellen und jener optimistischen Grundstimmung basiert, ohne die kein politisches Großprojekt je auskommt. Sollte die Einigkeit unter den 27 ausbleiben, so wird versichert, würden eben die Willigen voranschreiten – eine Formulierung, die zugleich Entschlossenheit signalisiert und die leise Drohung enthält, dass Konsens kein zwingendes Erfordernis mehr ist, wenn das Ziel nur hinreichend dringlich erscheint.

Die bekannte Schablone

Wer sich an frühere Konstruktionen erinnert fühlt, liegt kaum falsch, denn die dramaturgische Abfolge besitzt eine bemerkenswerte Konstanz: Zunächst wird eine Lücke diagnostiziert – Investitionsdefizit, Innovationsrückstand, strategische Abhängigkeit –, sodann wird das private Kapital als schlafende Reserve identifiziert, die es zu aktivieren gilt, und schließlich wandert die Kontrolle über die Rahmenbedingungen schrittweise nach oben, dorthin, wo sie sich besser koordinieren lässt und zugleich der direkten Nachvollziehbarkeit entzieht. Es ist ein vertrautes Muster, das sich bereits bei verschiedenen Fonds und Programmen beobachten ließ, und es lebt von der impliziten Annahme, dass zentrale Steuerung effizienter sei als die Summe individueller Entscheidungen, selbst wenn diese Annahme empirisch keineswegs immer glänzt. Der leise Zynismus dieser Konstruktion liegt darin, dass ausgerechnet jene Instanzen, deren Umgang mit öffentlichen Milliarden nicht selten als intransparent oder zumindest erklärungsbedürftig wahrgenommen wird, nun den Anspruch erheben, auch über die stillen Reserven der privaten Haushalte eine Art ordnende Hand zu legen – nicht direkt, versteht sich, sondern über Regeln, Anreize und Aufsicht, jene elegante Dreifaltigkeit der modernen Governance.

TIP:  Republik im Reality-Format

Eigentum im Konjunktiv

Formal, und das ist der juristische Anker in diesem bewegten Gewässer, bleibt das Geld selbstverständlich im Eigentum seiner Besitzer; niemand wird enteignet, kein Tresor gewaltsam geöffnet, kein Konto per Dekret geleert. Und doch entsteht eine Realität, in der dieses Eigentum zunehmend im Konjunktiv steht, in der es zwar besteht, aber nicht mehr in Ruhe gelassen wird, in der es subtil dazu angehalten wird, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Es ist der vielleicht raffinierteste Weg der Einflussnahme: nicht der offene Zugriff, sondern die Gestaltung der Umgebung, in der Entscheidungen getroffen werden, die langsame Verschiebung dessen, was als vernünftig, als rentabel, als nahezu alternativlos gilt. „Was produktiv ist“, so könnte man in einem seltenen Anflug von Offenheit formulieren, „entscheidet nicht mehr allein derjenige, dem das Kapital gehört, sondern auch jene, die den Rahmen definieren, in dem dieses Kapital sich zu bewähren hat.“ Und während diese Entscheidungsschichten sich übereinanderlegen, wächst eine eigentümliche Spannung zwischen dem Versprechen der Freiheit und der Praxis der Lenkung, zwischen der Rhetorik des Marktes und der Realität politisch gesetzter Prioritäten.

Das Lächeln der Alternativlosigkeit

Am Ende bleibt ein Bild, das zugleich komisch und unerquicklich ist: ein Kontinent, der mit einem gewissen Ernst erklärt, dass Geld, das nicht sofort in Bewegung ist, im Grunde ein Problem darstellt, und der daraus die Notwendigkeit ableitet, genau diese Bewegung zu organisieren, zu beschleunigen, zu kanalisieren – selbstverständlich zum Wohle aller, versteht sich, mit dem diskreten Zusatz, dass die Definition dieses Wohls nicht unbedingt dort entsteht, wo die Ersparnisse ursprünglich gebildet wurden. Es ist das Lächeln der Alternativlosigkeit, das hier aufblitzt, jenes leicht überhebliche, leicht erschöpfte Lächeln, das signalisiert, dass die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind, und dass es klüger sei, sich ihnen anzupassen, als auf überholten Vorstellungen von Ruhe, Vorsorge und individueller Entscheidung zu beharren. Und vielleicht liegt gerade in dieser Mischung aus Ernst und Augenzwinkern die eigentliche Pointe: dass eine Politik, die das „faule“ Geld mobilisieren will, am Ende vor allem eines demonstriert – eine bemerkenswerte Ungeduld gegenüber allem, was sich der permanenten Verwertung entzieht, und eine ebenso bemerkenswerte Kreativität darin, diese Ungeduld in Regeln zu gießen, die so sanft daherkommen, dass sie fast schon wie Angebote wirken.