Die große Austreibung der Geschichte

Deutschland hat eine neue Lieblingsbeschäftigung entdeckt. Früher baute man Kathedralen, später Eisenbahnen, dann Autobahnen, Universitäten, Kraftwerke und gelegentlich sogar funktionierende Verwaltungen. Heute dagegen beschäftigt sich ein erheblicher Teil der kulturellen Oberaufsicht mit einer Tätigkeit, die weder Strom erzeugt noch Brücken baut, aber ein außerordentlich angenehmes Gefühl moralischer Überlegenheit vermittelt: dem rückwirkenden Exorzismus der Vergangenheit. Ganze Heerscharen von Erinnerungspädagogen, Kontextualisierungsbeauftragten, Namensprüfern, Historienhygienikern und Vergangenheitskuratoren ziehen durchs Land wie mittelalterliche Inquisitoren, allerdings mit Laptop statt Weihwasser. Wo einst Ketzer gesucht wurden, werden heute Straßenschilder inspiziert. Wo früher Hexenbesen verbrannten, verschwinden Namensplaketten. Die moderne Republik entwickelt sich zur ersten Zivilisation der Weltgeschichte, die glaubt, historische Probleme ließen sich durch Umbenennung lösen. Die Vergangenheit wird dabei behandelt wie ein schlecht gealterter Social-Media-Beitrag: löschen, sperren, überschreiben, fertig.

Der jüngste Triumph dieser Bewegung ereignete sich auf Sylt. Der Hindenburgdamm, jene technische Meisterleistung, die seit fast einem Jahrhundert die Insel mit dem Festland verbindet, soll fortan Syltdamm heißen. Die Entscheidung besitzt jene eigentümliche Mischung aus pädagogischem Eifer und kreativer Erschöpfung, die viele kulturpolitische Projekte der Gegenwart kennzeichnet. Jahrzehntelang hatte der Name niemanden daran gehindert, die Geschichte der Weimarer Republik zu studieren. Nun soll ausgerechnet die Umbenennung dazu beitragen, die Erinnerung wachzuhalten. Das erinnert an die Idee, Bibliotheken zu schließen, um das Lesen attraktiver zu machen.

Die Republik der nachträglichen Feldherren

Paul von Hindenburg gehört zweifellos nicht zu den unproblematischen Figuren deutscher Geschichte. Sein Anteil am Untergang der Weimarer Republik wird seit Jahrzehnten erforscht und diskutiert. Doch die gegenwärtige Debatte besitzt eine bemerkenswerte Eigenheit: Sie wird häufig von Menschen geführt, die über den Vorteil verfügen, das Jahr 1933 bereits zu kennen. Mit diesem Wissensvorsprung ausgestattet, urteilt es sich ausgesprochen komfortabel. Geschichte wird zur rückwärts gelesenen Gebrauchsanweisung.

Der französische Historiker Marc Bloch bemerkte einst, Unwissenheit über die Vergangenheit gefährde das Verständnis der Gegenwart. Die moderne Variante scheint zu lauten: Wer die Vergangenheit ausreichend vereinfacht, versteht überhaupt nichts mehr, fühlt sich dabei aber hervorragend. Hindenburg wird nicht mehr als historische Figur betrachtet, sondern als moralischer Prüfstein. Das Ergebnis ist eine Geschichtsschreibung, die weniger an Wissenschaft erinnert als an einen Gerichtssaal, in dem ausschließlich die Anklage zugelassen ist.

TIP:  Unangenehme Entscheidungen

Dabei entsteht ein merkwürdiges Paradox. Ausgerechnet jene Gesellschaft, die ständig von Differenzierung, Ambivalenz und Komplexität spricht, entwickelt gegenüber historischen Persönlichkeiten eine geradezu kindliche Schwarz-Weiß-Malerei. Wer den Erwartungen des Jahres 2026 nicht genügt, wird symbolisch aus dem öffentlichen Raum entfernt. Das Verfahren ähnelt einer gigantischen Personalbeurteilung über die Jahrhunderte hinweg. Die Toten müssen sich fortlaufend neuen Compliance-Richtlinien unterwerfen.

Der Triumph der Namensreiniger

Längst geht es nicht mehr nur um Hindenburg. Das Umbenennungsfieber hat sich zu einer Art kulturellem Volkssport entwickelt. Straßen, Plätze, Schulen, Kasernen und Universitäten werden auf ideologische Verunreinigungen untersucht wie Hotelzimmer auf Bettwanzen. Die Suche kennt dabei kein Ende, denn jede historische Persönlichkeit bietet Material für Beanstandungen.

Otto von Bismarck war Imperialist. Christoph Kolumbus war Kolonisator. Martin Luther war Antisemit. Richard Wagner ebenfalls. Wilhelm II. gilt ohnehin als hoffnungsloser Fall. Selbst Arthur Schopenhauer oder Erich Kästner geraten unter Verdacht. Man gewinnt den Eindruck, als würde eine gigantische Kommission daran arbeiten, sämtliche Namen zwischen Karl dem Großen und Helmut Schmidt aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.

Das eigentliche Problem dieser Entwicklung besteht nicht in einzelnen Umbenennungen. Gesellschaften dürfen historische Bewertungen verändern. Das Problem liegt in der zugrunde liegenden Logik. Diese Logik behauptet, Erinnerung entstehe durch Entfernung. Je weniger Namen sichtbar sind, desto mehr werde gelernt. Je gründlicher die Vergangenheit aus dem Alltag verschwindet, desto stärker sei das historische Bewusstsein.

George Orwell hätte seine helle Freude daran gehabt. In „1984“ lautet eine Parole des Regimes: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“ Die moderne Variante wirkt freundlicher, verfolgt jedoch mitunter einen ähnlichen Impuls. Die Geschichte soll nicht mehr widersprüchlich, unbequem und voller Grautöne erscheinen. Sie soll pädagogisch verwertbar werden.

Die Sprache unter Quarantäne

Besonders faszinierend wird der Säuberungseifer dort, wo er sich auf die Sprache richtet. Wörter geraten inzwischen unter Generalverdacht wie einst verdächtige Personen an Grenzübergängen. Begriffe werden nicht mehr danach beurteilt, was sie bedeuten, sondern danach, welche Gefühle sie möglicherweise bei irgendjemandem auslösen könnten.

TIP:  WIR BRAUCHEN KEINE NA(h)TO(d)-ERFAHRUNG

Das Ergebnis erinnert an eine permanente linguistische Großreinigung. Wörter verschwinden, weil sie koloniale, rassistische, patriarchale oder anderweitig problematische Assoziationen hervorrufen könnten. Der sprachliche Wortschatz schrumpft dabei paradoxerweise im Namen der Vielfalt. Ausgerechnet jene Bewegung, die Diversität feiert, entwickelt eine erstaunliche Homogenität der Ausdrucksformen.

Der Schriftsteller Karl Kraus bemerkte einmal: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ Die heutigen Sprachinspektoren betrachten Wörter dagegen so lange, bis sie überhaupt nichts mehr sehen. Etymologie wird durch Verdacht ersetzt. Geschichte durch Empfindlichkeit. Bedeutungen durch Assoziationsketten.

So entsteht eine Kultur, in der Sprache zunehmend nicht mehr Werkzeug des Denkens ist, sondern Gegenstand permanenter Überwachung. Wörter werden behandelt wie radioaktive Stoffe. Vor ihrer Verwendung empfiehlt sich eine ideologische Strahlenmessung.

Der Fall Preußler und die Jagd auf die Kindheit

Besonders aufschlussreich wirkt der Fall Otfried Preußler. Der Autor von „Krabat“, „Die kleine Hexe“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ galt über Jahrzehnte als Inbegriff der deutschen Kinderliteratur. Dann entdeckte man, dass ein Jugendlicher des Jahres 1940 tatsächlich im Jahr 1940 lebte.

Der Vorgang besitzt etwas Tragikomisches. Ein Mann, der als Achtzehnjähriger in die Katastrophe seiner Zeit hineingezogen wurde, fünf Jahre sowjetische Gefangenschaft überlebte und später Millionen Kindern Geschichten über Freiheit, Mut und Menschlichkeit erzählte, wird rückwirkend auf seine Jugendjahre reduziert. Das Lebenswerk schrumpft auf einige belastende Akteneinträge zusammen.

Hier offenbart sich eine bemerkenswerte anthropologische Annahme: Menschen dürfen sich offenbar nicht entwickeln. Wer mit siebzehn einen Fehler beging, trägt ihn bis ans Ende aller Zeiten. Reue, Erkenntnis, Veränderung, Lebenserfahrung – all das verliert an Bedeutung gegenüber dem archivierten Fehltritt.

Die mittelalterliche Erbsündenlehre erscheint dagegen geradezu großzügig. Dort bestand wenigstens die Möglichkeit der Erlösung.

Die Infantilisierung einer erwachsenen Gesellschaft

Hinter all diesen Debatten verbirgt sich ein tieferliegendes Phänomen. Die moderne Gesellschaft verhält sich zunehmend wie ein Kind, das entdeckt hat, dass schlechte Nachrichten verschwinden, wenn man die Augen schließt. Historische Namen lösen Unbehagen aus. Also entfernt man die Namen. Das Unbehagen bleibt zwar bestehen, aber wenigstens sieht das Straßenschild besser aus.

TIP:  Die Republik im Wartungsmodus

Der amerikanische Historiker Christopher Lasch beschrieb einst eine „Kultur des Narzissmus“. Heute ließe sich ergänzen: eine Kultur der moralischen Selbstbespiegelung. Die Vergangenheit dient nicht mehr primär dem Erkenntnisgewinn, sondern der Selbstdarstellung. Jede Umbenennung wird zur öffentlichen Versicherung eigener Tugendhaftigkeit. Das Schild am Straßeneck wird zum Spiegel, in dem sich die Gegenwart selbst bewundert.

Das Tragikomische daran besteht darin, dass gerade jene Generationen, die unablässig vor den Gefahren autoritärer Denkweisen warnen, häufig selbst eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber historischen Ambivalenzen entwickeln. Geschichte wird nicht mehr untersucht, sondern bewertet. Nicht mehr verstanden, sondern abgeurteilt.

Der Syltdamm als Denkmal der Gegenwart

Vielleicht wird eines Tages ein Historiker des 22. Jahrhunderts über den Syltdamm schreiben. Er wird feststellen, dass der Damm ursprünglich Hindenburgdamm hieß, dann umbenannt wurde und schließlich als kurioses Zeugnis einer Epoche galt, die glaubte, historische Verantwortung bestehe vor allem in der Umgestaltung von Schildern.

Möglicherweise wird dieser Historiker schmunzeln. Vielleicht wird er sich wundern, warum eine hochentwickelte Industriegesellschaft so viel Energie auf symbolische Säuberungen verwendete. Vielleicht wird er erkennen, dass hinter dem Furor weniger historisches Interesse stand als die Sehnsucht nach moralischer Reinheit.

Denn die Vergangenheit besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie lässt sich nicht exorzieren. Sie bleibt. Sie widerspricht. Sie stört. Sie erinnert daran, dass Menschen fehlbar sind, Nationen widersprüchlich handeln und Geschichte selten aus Helden und Schurken besteht.

Straßenschilder können ersetzt werden. Namen können verschwinden. Archive bleiben. Und manchmal erzählt gerade ein unbequemer Name mehr über die Geschichte eines Landes als tausend pädagogisch einwandfreie Neubenennungen.

Der Hindenburgdamm heißt nun Syltdamm. Der Damm liegt noch immer dort, wo er immer lag. Die Geschichte ebenfalls. Nur die Illusion, sie durch Umbenennung überwinden zu können, hat einen weiteren kleinen Sieg errungen – und damit möglicherweise eine weitere Niederlage des historischen Denkens.