Die Rückkehr der Vormünder

Es gibt Institutionen, deren Existenz sich nur durch einen eigentümlichen historischen Zufall erklären lässt. Sie entstehen aus einer konkreten Notwendigkeit, erfüllen ihren ursprünglichen Zweck und stehen dann vor jenem Problem, das jede Bürokratie früher oder später heimsucht: Was tun, wenn die Aufgabe verschwindet? Der gewöhnliche Mensch würde annehmen, dass in einem solchen Fall auch die Institution selbst allmählich überflüssig wird. Doch dieser Gedanke verrät eine gewisse Unkenntnis der biologischen Gesetzmäßigkeiten des Verwaltungslebens. Behörden sterben nicht. Sie entwickeln sich weiter. Sie wachsen. Sie häuten sich. Sie entdecken neue Horizonte ihrer Bedeutung. Was einst als technische Aufsicht begann, verwandelt sich in gesellschaftliche Verantwortung, aus Verantwortung wird Fürsorge, aus Fürsorge Aufsicht, aus Aufsicht Lenkung und aus Lenkung schließlich die Überzeugung, ohne die eigene Existenz könne die Demokratie womöglich bereits am nächsten Montagvormittag zusammenbrechen. Die Geschichte moderner Regulierungsapparate gleicht daher weniger einem Verwaltungsakt als einem Märchen der Gebrüder Grimm, in dem ein kleiner Hausgeist über Nacht zu einem gewaltigen Schlossdrachen heranwächst und anschließend erklärt, das Schloss habe eigentlich immer ihm gehört.

Die große Entdeckung der modernen Bürokratie

Besonders bemerkenswert ist dabei die erstaunliche Fähigkeit staatlicher und staatsnaher Apparate, ständig neue Gefahren zu entdecken. Früher fürchtete man den moralischen Niedergang durch allzu freizügige Fernsehunterhaltung, die sittliche Verwilderung durch Boulevardprogramme oder die kulturelle Katastrophe, die angeblich drohte, wenn irgendwo zwischen Wetterbericht und Samstagabendshow ein etwas zu großzügiger Ausschnitt sichtbar wurde. Heute wirken diese Sorgen beinahe rührend harmlos. Die neue Gefahr ist nicht mehr der Busen im Abendprogramm, sondern das abweichende Narrativ im digitalen Raum. Wo einst über Geschmack gestritten wurde, wird heute über Desinformation gesprochen. Wo früher die Frage lautete, ob eine Fernsehsendung anstößig sei, lautet sie heute, ob eine Meinung gesellschaftlich verantwortbar erscheint. Die Vokabeln haben sich geändert, der pädagogische Impuls dahinter nicht. Noch immer begegnet ein Teil der politischen und institutionellen Elite dem Bürger mit jener Mischung aus Sorge, Skepsis und latentem Misstrauen, die Eltern verspüren, wenn ein Dreijähriger versucht, eine Steckdose zu erforschen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Bürger inzwischen volljährig ist, Steuern zahlt, wählen darf und gelegentlich sogar komplexe Zusammenhänge versteht, ohne zuvor eine behördliche Genehmigung beantragt zu haben.

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Die neue Religion der Vertrauenswürdigkeit

Dabei hat sich eine bemerkenswerte sprachliche Verschiebung vollzogen. Früher sprach man von Wahrheit. Wahrheit war ein sperriger, anstrengender Begriff. Sie musste gesucht, diskutiert, überprüft und gelegentlich gegen die Mehrheitsmeinung verteidigt werden. Wahrheit war unhöflich, widerspenstig und hatte die unangenehme Angewohnheit, sich nicht immer an bestehende Autoritäten zu halten. Heute tritt zunehmend ein anderer Begriff an ihre Stelle: Vertrauenswürdigkeit. Das klingt freundlicher, weicher und administrativ deutlich handhabbarer. Wahrheit ist schwer zu verwalten, Vertrauenswürdigkeit dagegen lässt sich katalogisieren, zertifizieren und mit Gütesiegeln versehen. Damit entsteht eine neue gesellschaftliche Hierarchie. An ihrer Spitze stehen die offiziell Beglaubigten, die anerkannten Informationslieferanten, die institutionell geadelten Deuter der Wirklichkeit. Darunter folgen die geduldeten Stimmen, die man zwar nicht besonders schätzt, aber vorerst noch toleriert. Ganz unten jedoch finden sich jene störrischen Individuen, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen, die eigene Recherchen betreiben, unbequeme Fragen stellen oder gar auf die absurde Idee kommen, Autoritäten könnten sich irren. Sie bilden die moderne Version des Ketzers, allerdings ohne Scheiterhaufen, dafür mit Algorithmus, Sichtbarkeitsbegrenzung, Prüfverfahren und einer beeindruckenden Anzahl von Formularen.

Die Angst vor dem mündigen Bürger

Der vielleicht größte Widerspruch moderner Demokratien besteht darin, dass sie den mündigen Bürger ununterbrochen feiern und ihm gleichzeitig immer weniger zutrauen. In Sonntagsreden wird seine Urteilskraft gepriesen. In Festakten wird seine Freiheit beschworen. In Verfassungsjubiläen wird er zum eigentlichen Souverän erklärt. Doch sobald dieser Souverän beginnt, sich außerhalb der vorgesehenen Bahnen zu informieren, verwandelt er sich plötzlich in ein Risikoobjekt mit erhöhtem Betreuungsbedarf. Dann entstehen Arbeitsgruppen gegen problematische Informationsströme, Expertengremien zur Sicherung demokratischer Diskursräume und Strategiepapiere gegen manipulative Narrative. Der Bürger erscheint nicht länger als selbstverantwortliches Individuum, sondern als gefährdeter Konsument geistiger Lebensmittel, der dringend vor verdorbenen Gedanken geschützt werden müsse. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hatte einst gehofft, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Das 21. Jahrhundert scheint gelegentlich zu fürchten, dieses Experiment könnte erfolgreicher gewesen sein als erwartet. Nichts bereitet einer paternalistischen Verwaltung größere Sorgen als Menschen, die ihre Freiheit tatsächlich nutzen.

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Der Traum vom kuratierten Denken

So entsteht allmählich die Vision eines perfekt geordneten Informationsraumes. Es ist der Traum vom gepflegten Garten der öffentlichen Meinung. In diesem Garten wachsen die erwünschten Gedanken ordentlich in Reih und Glied. Zwischen ihnen bewegen sich Experten für Erkenntnishygiene, die unerwünschte Triebe identifizieren, Faktenprüfer jäten ideologisches Unkraut, während algorithmische Gärtner darauf achten, dass die Pflanzen des gesellschaftlichen Konsenses ausreichend Licht erhalten. Alles erscheint vernünftig, ausgewogen und verantwortungsvoll. Nur ein kleines Problem bleibt bestehen: Fast jede bedeutende neue Idee der Menschheitsgeschichte wäre in ihrer Entstehungsphase als störender Wildwuchs erschienen. Wissenschaftlicher Fortschritt begann selten als Konsens. Gesellschaftliche Innovation trat selten mit einem amtlichen Gütesiegel auf. Die meisten Erkenntnisse starteten ihre Karriere als Ärgernis. Wer daher den öffentlichen Diskurs zu sorgfältig pflegt, riskiert irgendwann, nicht nur Irrtümer zu beseitigen, sondern auch Entdeckungen. Das ist die Tragik jeder Wahrheitsverwaltung. Sie bekämpft nicht absichtlich den Fortschritt. Sie verwechselt ihn lediglich mit einer Regelverletzung.

Die Bürokratisierung der Wahrheit

Besonders gefährlich wird die Entwicklung dort, wo administrative Macht und moralische Gewissheit zusammentreffen. Macht allein ist in Demokratien nichts Ungewöhnliches. Moralische Überzeugungen ebenfalls nicht. Problematisch wird die Mischung. Sobald Institutionen glauben, nicht mehr lediglich Regeln zu verwalten, sondern die Gesellschaft vor gefährlichen Gedanken schützen zu müssen, verändert sich ihr Selbstverständnis grundlegend. Aus Verwaltung wird Mission. Aus Kontrolle wird Erziehungsarbeit. Aus Regulierung entsteht ein Kreuzzug gegen das Falsche, Irrige und Unerwünschte. Dabei wächst zwangsläufig die Versuchung, den offenen Streit der Argumente durch die geordnete Verteilung zugelassener Wahrheiten zu ersetzen. Der Bürger darf dann zwar weiterhin alles sagen, aber die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob gesprochen werden darf. Sie lautet, wer gehört wird. Wer Sichtbarkeit erhält. Wer Reichweite bekommt. Wer im digitalen Marktplatz einen Standplatz erhält und wer in die dunkle Seitenstraße der Unsichtbarkeit verwiesen wird. Formale Freiheit bleibt bestehen, während praktische Wirksamkeit zunehmend administriert wird.

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Die ewige Wiederkehr der Inquisition

Die Geschichte besitzt einen eigentümlichen Sinn für Ironie. Jede Generation ist überzeugt, die Irrtümer ihrer Vorgänger überwunden zu haben, und entwickelt dennoch ihre eigene Variante derselben Versuchung. Früher entschieden religiöse Autoritäten über die Rechtgläubigkeit. Später entschieden politische Bewegungen über die richtige Gesinnung. Heute entstehen neue Wahrheitsapparate unter den Bannern von Sicherheit, Resilienz, Verantwortung und Vertrauenswürdigkeit. Die Begriffe wechseln, die Mechanismen bleiben erstaunlich vertraut. Immer wieder taucht die Vorstellung auf, Freiheit müsse durch Kontrolle gerettet werden. Immer wieder erscheint der Gedanke, Wahrheit könne besser verwaltet als gesucht werden. Immer wieder wächst die Sehnsucht nach wohlmeinenden Instanzen, die den Bürgern die Last eigener Urteile abnehmen. Doch gerade darin liegt die eigentliche Gefahr. Eine freie Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass ausschließlich richtige Meinungen sichtbar sind. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Irrtümer, Provokationen, Fehlannahmen, Extravaganzen und unbequeme Gedanken überhaupt existieren dürfen. Denn die Alternative zur Freiheit ist selten die Wahrheit. Meistens ist sie lediglich eine Behörde, die behauptet, über die Wahrheit besser Bescheid zu wissen als alle anderen. Und die Geschichte zeigt mit unerbittlicher Regelmäßigkeit, dass genau an diesem Punkt die Komödie der Aufklärung in die Farce der Bevormundung umzuschlagen beginnt.