N° 2000: Der langsame Selbstmord einer Demokratie

Es gehört zu den hartnäckigsten historischen Legenden der politischen Folklore, dass die Weimarer Republik eines Tages friedlich vor sich hin existierte, bis plötzlich eine Horde braun uniformierter Fanatiker auftauchte, die demokratische Ordnung mit Gewalt beseitigte und Deutschland in die Katastrophe führte. Diese Erzählung besitzt den angenehmen Vorteil einfacher Moral: Hier die Demokratie, dort ihre Feinde. Hier das Gute, dort das Böse. Das Problem besteht lediglich darin, dass Geschichte selten den dramaturgischen Regeln eines Schwarz-Weiß-Films folgt. Demokratien sterben nur selten an einem einzigen Schlag. Sie sterben meistens an Fieber, Vernachlässigung, Selbstüberschätzung und chronischer Unfähigkeit. Die Nationalsozialisten waren zweifellos die Totengräber der Weimarer Republik. Aber ein Totengräber gräbt keine Gräber für Gesunde. Er erscheint erst, wenn der Patient bereits aufgebahrt ist. Die eigentliche Krankheit hatte sich über Jahre entwickelt. Wer ausschließlich auf den Mann mit dem Spaten blickt, übersieht die lange medizinische Vorgeschichte.

Gerade deshalb bleibt Weimar bis heute von erschreckender Aktualität. Nicht weil Geschichte sich wiederholt – das tut sie nie –, sondern weil menschliches Verhalten eine bemerkenswerte Neigung besitzt, dieselben Fehler in immer neuen Verpackungen zu präsentieren. Die Kulissen ändern sich, die Technologien entwickeln sich weiter, die Parolen werden modernisiert, doch Macht, Eitelkeit, ideologische Verbohrtheit und politische Kurzsichtigkeit altern erstaunlich schlecht.

Eine Demokratie ohne Demokraten

Der vielleicht größte Widerspruch der Weimarer Republik bestand darin, dass sie über eine demokratische Verfassung verfügte, aber über erstaunlich wenige überzeugte Demokraten. Der Historiker Hans Mommsen sprach von einer Republik ohne Republikaner. Damit war nicht gemeint, dass niemand Wahlen mochte. Gemeint war vielmehr, dass große Teile der politischen Elite den demokratischen Staat lediglich duldeten, solange er den eigenen Interessen diente. Konservative träumten von der Rückkehr monarchischer Autorität, revolutionäre Linke hofften auf die Räterepublik, Nationalisten sehnten sich nach einem autoritären Staat, Militärs fühlten sich häufig mehr dem alten Kaiserreich verpflichtet als der neuen Ordnung, und selbst zahlreiche Beamte betrachteten die Republik als historischen Betriebsunfall.

Eine Verfassung kann vieles regeln, aber sie kann keine Loyalität erzeugen. Papier besitzt keine Überzeugungskraft. Gesetze ersetzen keine politische Kultur. Wer Demokratie lediglich als Verwaltungsform versteht, unterschätzt ihren eigentlichen Kern. Demokratie lebt nicht von Institutionen allein, sondern von der Bereitschaft ihrer Bürger und Eliten, Niederlagen zu akzeptieren, Kompromisse auszuhalten und Gegner nicht automatisch als Feinde zu behandeln.

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Die Kunst, einander zu verachten

Die politische Landschaft Weimars entwickelte sich zunehmend zu einer Arena gegenseitiger Verachtung. Parlamente wurden weniger als Orte gemeinsamer Verantwortung verstanden als Bühnen permanenter moralischer Selbstinszenierung. Jede Partei erklärte sich selbst zum letzten verbliebenen Verteidiger des Vaterlandes, während sämtliche Konkurrenten entweder Verräter, Klassenfeinde, Reaktionäre oder Revolutionäre sein mussten. Sachfragen verschwanden zunehmend hinter ideologischen Identitätskämpfen.

Dabei entsteht eine eigentümliche Dynamik. Sobald politische Gegner nicht mehr als legitime Konkurrenten erscheinen, sondern als moralisch minderwertige Wesen, verliert jede demokratische Debatte ihren Sinn. Wer glaubt, ausschließlich Engel stünden auf der eigenen Seite und ausschließlich Dämonen auf der anderen, benötigt keine Argumente mehr. Es genügt Empörung. Moral ersetzt Analyse. Lautstärke ersetzt Vernunft.

Die Geschichte zeigt dabei eine erstaunliche Konstanz: Je häufiger Politiker behaupten, Demokratie retten zu wollen, desto häufiger behandeln sie Andersdenkende wie demokratische Schadstoffe. Demokratie wird plötzlich nicht mehr als Verfahren verstanden, sondern als Besitzstand einer einzigen politischen Richtung.

Der Staat verliert seine Autorität

Max Weber definierte den Staat einst über sein Gewaltmonopol. Doch ein Staat besitzt nicht nur Waffen und Gesetze. Er benötigt vor allem Vertrauen. Sobald Bürger den Eindruck gewinnen, staatliche Institutionen handelten parteiisch, willkürlich oder ausschließlich im Interesse bestimmter Gruppen, beginnt die Autorität langsam zu erodieren. Dieser Prozess verläuft selten spektakulär. Er ähnelt eher einem Fundament, das langsam unterspült wird. Von außen wirkt das Gebäude stabil. Im Inneren entstehen längst Risse.

Weimar litt unter einer Vielzahl solcher Risse. Justiz, Verwaltung, Militär und Politik zogen häufig nicht in dieselbe Richtung. Die Legitimität staatlicher Entscheidungen wurde zunehmend infrage gestellt. Wer sich vom Staat nicht mehr vertreten fühlt, beginnt nach Alternativen zu suchen. Nicht unbedingt nach besseren, sondern zunächst nach lauteren. Populisten aller Richtungen verstehen dieses psychologische Gesetz seit jeher hervorragend. Sie versprechen keine komplizierten Lösungen. Sie versprechen einfache Schuldige.

Wirtschaftliche Krisen sind Brandbeschleuniger

Die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zerstörten nicht bloß Vermögen. Sie zerstörten Vertrauen. Geld ist letztlich nichts anderes als organisierter Glaube. Wer morgens spart und abends feststellt, dass das Ersparte kaum noch ein Brot kauft, verliert nicht nur Kaufkraft, sondern auch Vertrauen in Staat, Banken und politische Verantwortung.

Krisen erzeugen Angst. Angst erzeugt den Wunsch nach Ordnung. Und Ordnung versprechen jene besonders überzeugend, die gleichzeitig behaupten, sämtliche Probleme ließen sich durch entschlossenes Durchgreifen lösen. Autoritäre Bewegungen leben selten von ihrer Ideologie allein. Sie leben von der Erschöpfung ihrer Gegner.

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Der Parlamentarismus als Dauerstreit

Parlamente gelten als Orte des Streits. Genau darin liegt ihre Stärke. Problematisch wird es erst dann, wenn Streit nicht mehr der Lösungsfindung dient, sondern zum eigentlichen politischen Geschäftsmodell wird. In den letzten Jahren Weimars zerfielen stabile Mehrheiten immer schneller. Regierungen wechselten in rascher Folge. Präsidialkabinette ersetzten parlamentarische Verantwortung zunehmend durch Notverordnungen gemäß Artikel 48 der Reichsverfassung.

Der Ausnahmezustand entwickelte sich schleichend zur Normalität. Was ursprünglich als Instrument für außergewöhnliche Krisen gedacht war, wurde immer häufiger zum politischen Alltag. Verfassungen gehen regelmäßig davon aus, dass Ausnahmebefugnisse verantwortungsvoll genutzt werden. Geschichte zeigt jedoch, dass außergewöhnliche Vollmachten eine bemerkenswerte Eigenschaft besitzen: Sie möchten selten wieder verschwinden.

Die Sehnsucht nach einfachen Antworten

Komplexität ist der natürliche Feind politischer Demagogen. Wirklichkeit ist unerquicklich kompliziert. Gute Schlagzeilen dagegen sind angenehm einfach. Wenn sämtliche Probleme auf einige wenige Feindbilder reduziert werden können, fühlt sich Politik plötzlich übersichtlich an. Die Realität protestiert zwar regelmäßig gegen solche Vereinfachungen, doch sie besitzt leider keine Pressestelle.

Hitlers Erfolg beruhte keineswegs ausschließlich auf fanatischer Begeisterung. Viele Wähler entschieden sich weniger aus ideologischer Überzeugung als aus wachsender Verzweiflung. Wer das Vertrauen verliert, dass demokratische Institutionen überhaupt noch Probleme lösen können, beginnt irgendwann, jedes Versprechen ernst zu nehmen, das wenigstens entschlossen klingt.

Die Arroganz der Eliten

Zu den tragischsten Irrtümern der Weimarer Endphase gehörte der Glaube bedeutender konservativer Eliten, man könne Adolf Hitler politisch einhegen und für eigene Zwecke instrumentalisieren. Franz von Papen meinte bekanntlich, man werde Hitler „in die Ecke drücken“. Ein Satz, der heute wie ein Denkmal politischer Selbstüberschätzung wirkt. Geschichte besitzt einen feinen Sinn für Ironie. Nicht Hitler wurde kontrolliert. Kontrolliert wurden jene, die glaubten, ihn kontrollieren zu können.

Politische Eliten überschätzen regelmäßig ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Dynamiken zu steuern. Sie betrachten Massenbewegungen gern wie Schachfiguren. Das Problem besteht lediglich darin, dass Schachfiguren gewöhnlich keine eigenen Ambitionen entwickeln. Menschen dagegen schon.

Moral ersetzt keine Kompetenz

Ein weiterer Irrtum vieler politischer Epochen besteht darin, moralische Überlegenheit mit politischer Fähigkeit zu verwechseln. Selbstverständlich braucht jede Demokratie ethische Maßstäbe. Doch Moral allein verwaltet keine Haushalte, stabilisiert keine Währungen, löst keine Energieprobleme und ersetzt keine funktionierende Verwaltung.

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Regierungen verlieren selten deshalb an Zustimmung, weil ihre Gegner besonders überzeugend wären. Sie verlieren Zustimmung häufig deshalb, weil Bürger den Eindruck gewinnen, Probleme würden vor allem kommentiert, symbolisch bearbeitet oder kommunikativ umrahmt, aber nicht tatsächlich gelöst. Zwischen moralischer Selbstbeschreibung und praktischer Regierungsfähigkeit klafft dann eine immer größere Lücke.

Die Republik starb nicht an einem Tag

Es existiert kein exaktes Todesdatum der Weimarer Republik. Demokratien sterben selten punktuell. Sie verlieren schrittweise ihre Widerstandskraft. Zunächst sinkt das Vertrauen. Dann wachsen Polarisierung und gegenseitige Verachtung. Anschließend erscheinen Notmaßnahmen plötzlich normal. Institutionen werden parteipolitisch interpretiert. Extreme profitieren von wachsender Frustration. Schließlich genügt ein letzter politischer Stoß, um ein längst morsches Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Dieser langsame Prozess ist die eigentliche Lehre Weimars. Keine Demokratie wird morgens abgeschafft und abends vermisst. Sie verschwindet meist so allmählich, dass viele Bürger den eigentlichen Wendepunkt erst erkennen, wenn er längst hinter ihnen liegt.

Die eigentliche Warnung

Die Weimarer Republik scheiterte nicht, weil Demokratie grundsätzlich unmöglich wäre. Sie scheiterte, weil demokratische Kultur nicht mit demokratischen Institutionen verwechselt werden darf. Verfassungen schaffen Rahmenbedingungen. Sie garantieren jedoch weder politische Klugheit noch Verantwortungsbewusstsein noch gegenseitigen Respekt.

Die eigentliche Warnung der Weimarer Geschichte richtet sich deshalb weniger gegen bestimmte Parteien oder Ideologien als gegen politische Selbstzufriedenheit. Demokratien zerbrechen nicht nur an extremistischen Gegnern. Sie können ebenso an verantwortungslosen Eliten, an dauerhafter Polarisierung, an institutioneller Erosion, an wirtschaftlicher Unsicherheit und an der Weigerung scheitern, legitime Konflikte im Rahmen demokratischer Verfahren auszutragen.

Gerade darin liegt die bittere Ironie der Geschichte. Demokratien werden selten von außen erobert. Sehr viel häufiger öffnen sie ihre Tore selbst – langsam, gut gemeint, begleitet von moralischer Gewissheit, parteipolitischer Eitelkeit und der beruhigenden Überzeugung, die eigene Ordnung sei so stabil, dass sie ein wenig Selbstbeschädigung schon aushalten werde. Bis eines Tages die Statiker feststellen, dass nicht der Sturm das Gebäude zum Einsturz gebracht hat. Der Sturm war lediglich der letzte Besucher. Die tragenden Mauern waren längst morsch. Und während die Nachwelt über den spektakulären Zusammenbruch diskutiert, übersieht sie oft den langen, unscheinbaren Prozess, in dem der Beton Jahr für Jahr Risse bekam – nicht durch den Feind vor den Toren, sondern durch die Bewohner selbst.