Die große Republik der Unverträglichkeiten

Es gehört zu den bemerkenswertesten Errungenschaften der Gegenwart, dass eine der harmlosesten Fragen des Alltags inzwischen das Potenzial besitzt, eine biografische Generalinventur auszulösen. „Gibt es irgendwelche Unverträglichkeiten?“ war einst eine organisatorische Nachfrage des Gastgebers, heute klingt sie bisweilen wie der Beginn eines medizinischen Verhörs mit psychosozialem Begleitprogramm. Was früher mit einem schlichten „Nein, danke“ erledigt war, entwickelt sich nicht selten zu einer minutiösen Aufzählung körperlicher, seelischer, ethischer, spiritueller und politischer Empfindlichkeiten. Man verträgt kein Gluten, keine Laktose, keinen Zucker, kein Histamin, keine künstlichen Farbstoffe, keine Duftkerzen mit synthetischem Lavendel, keine Mikroaggressionen, keine Trigger, keine falschen Pronomen, keine widersprüchlichen Meinungen und vor allem keine Wirklichkeit, die sich hartnäckig weigert, den persönlichen Komfortvorstellungen zu entsprechen. Die moderne Gesellschaft hat aus der Unverträglichkeit eine Identitätskategorie geschaffen. Je länger die Liste dessen, was nicht mehr ertragen werden kann, desto vollständiger scheint das Selbstbild zu sein. Früher galt Robustheit als Tugend. Heute gilt Empfindlichkeit vielfach als Ausweis besonderer Sensibilität und moralischer Reife.

Die Generation mit Asphalt unter den Knien

Dagegen existiert jene Generation, die in den siebziger Jahren groß wurde und deren Kindheit heute beinahe wie eine anthropologische Feldstudie aus einer untergegangenen Zivilisation wirkt. Damals bestand Freizeit nicht aus Bildschirmzeitmanagement, sondern aus Straßen, Wiesen, Baustellen, Bächen, Bäumen und Fahrrädern, deren Bremsen oft eher als unverbindliche Empfehlung verstanden wurden. Gespielt wurde draußen, bis aus irgendeinem geöffneten Küchenfenster der Name durch die Siedlung hallte und unmissverständlich klar war, dass das Abendessen auf dem Tisch stand. GPS bestand aus Ortskenntnis, Kommunikation aus Zurufen und soziale Netzwerke aus den Kindern der Nachbarschaft. Wer verschwand, wurde irgendwann gesucht. Wer auftauchte, bekam etwas zu essen.

Die kulinarische Landschaft dieser Jahre würde heute vermutlich mehrere Ernährungsberater gleichzeitig in Ohnmacht fallen lassen. Toast Hawaii war keine kulturelle Entgleisung, sondern Ausdruck grenzenlosen Fortschrittsoptimismus. Dosenpfirsiche galten als exotisch, Brausepulver als chemisches Wunderwerk und ein Leberwurstbrot als tragfähige Grundlage für einen langen Nachmittag voller Abenteuer. Niemand sprach von „Clean Eating“, „Superfoods“ oder „bewussten Nährstoffentscheidungen“. Es hieß schlicht Mittagessen. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die philosophische Debatte über regionale Herkunft, CO₂-Fußabdruck oder emotionale Beziehung zum Brokkoli fand schlicht nicht statt, weil der Brokkoli selbst vielerorts noch als exotischer Gast betrachtet wurde.

TIP:  Dunja Hayali und die Suche nach der „inneren (Un)sicherheit“

Die Pädagogik des Schürfknies

Wer damals stürzte, absolvierte keinen therapeutischen Prozess, sondern einen biologischen. Asphalt war kein Trauma, sondern eine Oberfläche. Schürfwunden wurden mit bemerkenswert überschaubarem medizinischem Aufwand behandelt: ein wenig Wasser, ein Pflaster, manchmal etwas Spucke und fast immer jener Satz, der vermutlich generationsübergreifend Millionen kleiner Verletzungen heilte: „Das wird schon wieder.“ Die elterliche Diagnostik folgte einer beeindruckend effizienten Methodik. Blutete es nicht übermäßig und stand kein Körperteil in einem Winkel ab, der gegen die Anatomie sprach, war die Sache im Wesentlichen erledigt. Das heutige Krisenmanagement hätte daraus vermutlich einen mehrstufigen Maßnahmenkatalog mit psychologischer Nachbetreuung, pädagogischer Aufarbeitung und digitaler Dokumentation entwickelt. Damals genügte oft ein Eis, dessen Zutatenliste niemand gelesen hatte und dessen Herkunft niemand lückenlos zurückverfolgen konnte. Erstaunlicherweise überlebten die meisten Beteiligten.

Natürlich war diese Welt keineswegs idyllisch. Eltern machten Fehler. Manche Härte war tatsächlich Härte und nicht bloß Gelassenheit. Verletzungen wurden gelegentlich unterschätzt, Gefühle nicht immer ernst genommen. Nostalgie ist ein schlechter Historiker. Dennoch entstand aus dieser Mischung aus Pragmatismus, Improvisation und einer gewissen Unaufgeregtheit eine bemerkenswerte Fähigkeit, zwischen wirklichen Problemen und alltäglichen Widrigkeiten zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung scheint heute stellenweise verloren gegangen zu sein.

Die Inflation der Katastrophen

Jede Epoche produziert ihre eigenen Übertreibungen. Doch selten wurde der Alltag mit einer solchen Hingabe dramatisiert wie in der Gegenwart. Aus einer Lieferverzögerung wird eine Zumutung. Aus einer Meinungsverschiedenheit ein Angriff auf die Persönlichkeit. Aus einem unfreundlichen Blick eine Grenzverletzung. Aus schlechtem Wetter eine mentale Herausforderung. Aus einem Montag eine Krise existenziellen Ausmaßes. Ganze Industrien leben inzwischen davon, den Menschen zu erklären, wie gefährlich gewöhnliche Unannehmlichkeiten angeblich seien und welche Spezialprodukte, Coachings oder Selbstoptimierungsprogramme dringend benötigt würden, um den Weg durch den Dschungel alltäglicher Zumutungen zu überstehen.

Der moderne Mensch bewegt sich dabei wie ein Hochleistungssensor durch die Welt. Überall lauern Trigger, Mikrobelastungen, negative Energien und emotionale Risiken. Jede Kleinigkeit wird seziert, analysiert, kategorisiert und möglichst öffentlich verarbeitet. Die banalste Alltagserfahrung erhält den Charakter eines persönlichen Heldenepos. Wer früher einfach einen schlechten Tag hatte, verfügt heute nicht selten über eine mehrteilige Leidenschronik mit therapeutischem Kommentar, begleitet von einer digitalen Gemeinde, die jedes Missgeschick mit der Ernsthaftigkeit einer Staatskrise kommentiert.

TIP:  Die Reinheitsprüfung

Der Lifestyle der moralischen Empfindsamkeit

Besonders faszinierend ist die Verwandlung des Lebensstils in ein moralisches Gesamtkunstwerk. Ernährung ist längst nicht mehr bloß Ernährung, sondern Weltanschauung. Kaffee ist kein Getränk mehr, sondern ein Bekenntnis. Kleidung ist kein Stoff, sondern politische Kommunikation. Einkaufen gleicht einer Gewissensprüfung, und der Gang in den Supermarkt erinnert stellenweise an eine mündliche Doktorprüfung in Ethik, Nachhaltigkeit, Klimabilanz und sozialer Verantwortung. Wer versehentlich zur falschen Hafermilch greift oder einen Joghurt kauft, dessen Verpackung nicht den aktuellen Zeitgeist widerspiegelt, läuft Gefahr, sich moralisch ähnlich schuldig zu fühlen wie frühere Generationen nach einem Banküberfall.

Selbstverständlich sind Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und gesunde Ernährung vernünftige Anliegen. Niemand wird ernsthaft für Verschwendung oder Rücksichtslosigkeit plädieren. Doch jede vernünftige Idee besitzt eine Karikatur ihrer selbst. Sobald aus einer Empfehlung eine Ersatzreligion wird und aus jedem Einkaufszettel ein Glaubensbekenntnis, verwandelt sich Alltag in Dauerprüfung. Der Mensch lebt dann nicht mehr, sondern absolviert fortlaufend eine moralische Führerscheinprüfung, deren Bewertungsmaßstäbe sich täglich ändern.

Die Kunst, nicht aus allem ein Drama zu machen

Der eigentliche Unterschied zwischen den Generationen liegt vielleicht gar nicht in den Lebensumständen, sondern im Umgang mit ihnen. Die Welt war früher keineswegs einfacher. Sie war oft gefährlicher, unbequemer und in vieler Hinsicht ungerechter. Aber sie wurde nicht permanent zum emotionalen Großereignis erklärt. Es existierte eine gewisse Gelassenheit gegenüber den Unvollkommenheiten des Lebens. Nicht jede Schwierigkeit erforderte einen Krisenstab, nicht jede Enttäuschung eine öffentliche Verarbeitung, nicht jede Unbequemlichkeit eine gesellschaftliche Debatte.

Diese Haltung hatte einen unscheinbaren, aber wertvollen Nebeneffekt: Sie schuf Widerstandskraft. Nicht jene martialische Härte, die Gefühle verachtet, sondern jene leise Robustheit, die weiß, dass das Leben gelegentlich kratzt, stößt, enttäuscht und schmerzt, ohne deshalb gleich seine Legitimation zu verlieren. Der britische Schriftsteller G. K. Chesterton bemerkte einmal sinngemäß, dass das Abenteuer nichts anderes sei als eine Unannehmlichkeit, die richtig betrachtet wird. Heute scheint bisweilen das Gegenteil zu gelten: Schon die geringste Unannehmlichkeit wird behandelt, als wäre sie ein episches Abenteuer.

TIP:  Die bequeme Legende vom Mittelalter

Die letzte große Unverträglichkeit

Vielleicht besteht die eigentliche Unverträglichkeit gar nicht gegenüber Gluten, Laktose oder Histamin. Vielleicht richtet sie sich gegen eine Kultur der permanenten Übersteigerung, in der jede Kleinigkeit aufgeblasen wird, bis sie das Format einer Weltanschauung erreicht. Gegen jenes künstlich erzeugte Drama, das aus jeder Alltagsszene eine Tragödie formt und aus jeder persönlichen Befindlichkeit eine Angelegenheit von globaler Bedeutung. Gegen die erstaunliche Fähigkeit moderner Gesellschaften, das Normale zur Ausnahme und die Ausnahme zum Normalzustand zu erklären.

Die Generation der siebziger Jahre war gewiss nicht besser als andere. Sie war nicht klüger, moralischer oder tapferer. Sie hatte ihre eigenen Irrtümer, blinden Flecken und Absurditäten. Doch sie verfügte oft über eine Eigenschaft, die heute beinahe altmodisch wirkt: die Fähigkeit, manches einfach auszuhalten, ohne daraus sofort ein identitätsstiftendes Großprojekt zu machen. Vielleicht ist genau das jene selten gewordene Form der Gelassenheit, die sich nicht zertifizieren, nicht digital vermarkten und nicht als Lifestyle verkaufen lässt.

Und falls am Ende doch noch einmal gefragt wird, ob irgendwelche Unverträglichkeiten bestehen, könnte eine Antwort genügen, die weder medizinisch noch ernährungswissenschaftlich gemeint ist: Ja. Gegen Übertreibung. Gegen künstlich erzeugtes Drama. Gegen die erstaunliche Neigung einer Zeit, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – und anschließend ein interdisziplinäres Symposium über das emotionale Wohlbefinden des Elefanten einzuberufen.