Die Republik der vorsichtigen Gedanken

Zu den bemerkenswertesten Errungenschaften der modernen Universität gehört die Fähigkeit, die Freiheit des Denkens feierlich zu preisen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass möglichst niemand auf den Gedanken kommt, sie tatsächlich auszuprobieren. Kaum eine Institution spricht häufiger von Offenheit, Vielfalt, Toleranz und intellektueller Neugier, und kaum eine Institution entwickelt gleichzeitig ein so ausgeprägtes Gespür dafür, welche Fragen besser nicht gestellt, welche Thesen besser nicht vertreten und welche Schlussfolgerungen besser nicht veröffentlicht werden sollten. Die Wissenschaft, einst das große Abenteuer der menschlichen Erkenntnis, hat sich mancherorts in eine Art geistigen Sicherheitsbetrieb verwandelt, dessen wichtigste Aufgabe nicht mehr die Entdeckung des Unbekannten, sondern die Vermeidung des Unerwünschten ist. Dabei geschieht das Erstaunlichste nicht etwa durch staatliche Zensur. Der Staat sitzt selten mit rotem Stift in Seminaren und Fakultätssitzungen. Die eigentliche Einschränkung entsteht viel subtiler, viel eleganter und deshalb viel wirksamer: durch Selbstzensur. Nicht die Polizei klopft an die Tür des Hörsaals. Die Professoren schließen sie von innen.

Der klassische Zensor war eine leicht erkennbare Figur. Er trug Uniformen, besaß Stempel und Verbotslisten und verfügte über die unangenehme Eigenschaft, offen auszusprechen, was nicht gesagt werden durfte. Gegen ihn konnte man protestieren. Man konnte ihn karikieren. Man konnte sich als Opfer einer Unterdrückung erkennen. Die moderne Variante arbeitet raffinierter. Sie braucht keine Gesetze und keine Verhaftungen. Sie benötigt lediglich ein akademisches Klima, in dem jeder weiß, welche Meinungen als tugendhaft gelten und welche Karrierewege gefährden könnten. In einem solchen System wird das Schweigen freiwillig. Niemand muss gezwungen werden. Die Betroffenen erledigen die Arbeit selbst. Der Philosoph Alexis de Tocqueville bemerkte bereits im 19. Jahrhundert, die Mehrheit könne einen geistigen Druck ausüben, der wirksamer sei als viele staatliche Verbote. Was damals als theoretische Beobachtung erschien, hat heute in zahlreichen wissenschaftlichen Milieus bemerkenswerte praktische Relevanz gewonnen.

Die Angst vor dem falschen Satz

Eine Umfrage unter Hochschullehrern, die sich durch politische Korrektheit eingeschränkt fühlen, wird häufig als Beleg für einen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit interpretiert. Sofort entstehen Bilder von autoritären Regierungen, ideologischen Apparaten und finsteren Ministerien. Doch gerade diese Interpretation lenkt vom eigentlichen Problem ab. Die Einschränkung kommt oftmals nicht von außen. Sie wächst im Inneren der Institutionen. Sie entsteht in Fakultäten, Forschungsgruppen, Berufungskommissionen und wissenschaftlichen Netzwerken. Sie wird nicht befohlen, sondern erwartet. Sie wird nicht durchgesetzt, sondern vorausgesetzt.

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Der Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts steht daher vor einer eigentümlichen Herausforderung. Er muss nicht mehr nur herausfinden, ob eine These wahr ist. Er muss zunächst abschätzen, ob sie sozial verträglich ist. Die Frage nach der Evidenz tritt gelegentlich hinter die Frage nach den möglichen Reaktionen zurück. Welche Empörung könnte entstehen? Welche Aktivistengruppe könnte protestieren? Welcher Kollege könnte eine Distanzierung verlangen? Welcher Förderantrag könnte in Gefahr geraten? Welche Schlagzeile könnte auf sozialen Medien kursieren? Die wissenschaftliche Methode wird ergänzt durch eine neue Disziplin: die Risikobewertung unerwünschter Gedanken.

George Orwell schrieb einst, gewisse Ideen würden nicht deshalb unterdrückt, weil ein offizielles Verbot existiere, sondern weil Menschen instinktiv verstanden hätten, dass ihre Äußerung Nachteile mit sich bringen könne. Der Satz wirkt heute erstaunlich aktuell. Die moderne Universität produziert keine Scheiterhaufen. Sie produziert Unsicherheiten. Und Unsicherheit ist für die Freiheit oft gefährlicher als Repression. Gegen ein Verbot kann man rebellieren. Gegen die diffuse Angst vor sozialer Ächtung ist Widerstand erheblich schwieriger.

Die Verwaltung der Tugend

Besonders faszinierend ist die Entstehung einer akademischen Kultur, die sich selbst als außergewöhnlich kritisch versteht, dabei aber erstaunlich empfindlich auf Kritik reagiert. Es handelt sich um ein Milieu, das jede Machtstruktur analysieren möchte, außer den eigenen. Jede Hierarchie wird dekonstruiert, solange sie außerhalb der Universität existiert. Innerhalb der Universität hingegen entstehen neue moralische Rangordnungen, die mit bemerkenswerter Strenge bewacht werden.

Dabei entwickelt sich eine eigentümliche Bürokratie der Tugend. Leitfäden erklären die korrekte Sprache. Ausschüsse formulieren Empfehlungen. Kommissionen erarbeiten Sensibilisierungskonzepte. Arbeitsgruppen erstellen Positionspapiere. Das akademische Leben beginnt gelegentlich an eine Mischung aus Verwaltungsbehörde und theologischer Fakultät zu erinnern. Die Sprache der Erkenntnis wird von der Sprache der Gesinnungsprüfung begleitet. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass die moralische Haltung wichtiger geworden ist als die intellektuelle Leistung.

Der Schriftsteller und Naturwissenschaftler C. P. Snow beschrieb einst die Wissenschaft als eine Kultur der Skepsis. Skepsis bedeutete Zweifel an Autoritäten, Zweifel an Gewissheiten und Zweifel an den eigenen Überzeugungen. Heute scheint mancherorts eine neue Form der Skepsis entstanden zu sein: Skepsis gegenüber allen Ansichten, außer denjenigen, die bereits als moralisch korrekt anerkannt wurden. Diese werden mit einer Gewissheit verteidigt, die frühere Generationen eher aus religiösen Auseinandersetzungen kannten.

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Die Karriere des vorsichtigen Geistes

Selbstzensur entsteht selten aus Feigheit allein. Sie entsteht aus Rationalität. Der junge Wissenschaftler betrachtet seine Lage nüchtern. Befristete Verträge, begrenzte Fördermittel, knappe Professuren und intensiver Konkurrenzdruck schaffen Anreize zur Vorsicht. Wer Jahrzehnte seines Lebens investiert hat, um eine akademische Laufbahn aufzubauen, entwickelt verständlicherweise wenig Begeisterung für intellektuelle Selbstgefährdung.

Die Folge ist eine bemerkenswerte Evolution akademischer Verhaltensweisen. Forschungsfragen werden sorgfältig ausgewählt. Formulierungen werden entschärft. Ergebnisse werden mit moralischen Absicherungen versehen. Kontroverse Themen werden gemieden. Der wissenschaftliche Mut wird nicht abgeschafft, sondern ökonomisch unattraktiv gemacht. Die Universität verwandelt sich schrittweise in ein Ökosystem, in dem besonders jene Positionen gedeihen, die keinen Ärger verursachen.

Charles Darwin hätte an dieser Entwicklung vermutlich seine Freude gehabt. Die natürliche Selektion wirkt schließlich nicht nur auf biologische Organismen. Auch Ideen konkurrieren um ihr Überleben. Allerdings bevorzugt die moderne akademische Umwelt gelegentlich nicht die stärksten oder wahrsten Ideen, sondern die risikoärmsten. Es überleben nicht unbedingt die Erkenntnisse mit der größten Erklärungskraft, sondern jene mit der geringsten Wahrscheinlichkeit, einen Shitstorm auszulösen.

Die große Ironie der Aufklärung

Die vielleicht größte Ironie besteht darin, dass ausgerechnet Institutionen, die sich auf die Tradition der Aufklärung berufen, gelegentlich Verhaltensweisen fördern, die dem Geist der Aufklärung widersprechen. Die Aufklärung entstand aus dem Mut, etablierte Gewissheiten infrage zu stellen. Sie war unbequem, respektlos und provokant. Ihre Vertreter galten oft als gefährliche Störenfriede. Voltaire, Diderot oder Kant wären kaum durch ihre besondere Anpassungsfähigkeit bekannt geworden.

Heute hingegen wird intellektuelle Harmonie bisweilen höher geschätzt als produktiver Streit. Die Universität präsentiert sich als Ort kritischen Denkens und entwickelt gleichzeitig Mechanismen, die bestimmte Kritikrichtungen entmutigen. Das Ergebnis erinnert an einen Boxring, in dem alle Kämpfer die Freiheit besitzen, jeden Schlag auszuführen – solange er in dieselbe Richtung geht.

Dabei lebt Wissenschaft gerade von Irrtümern, Provokationen und Tabubrüchen. Jede bedeutende Erkenntnis begann als Minderheitenmeinung. Jede wissenschaftliche Revolution war zunächst eine Zumutung. Wer die Geschichte der Wissenschaft betrachtet, entdeckt eine Galerie von Menschen, die bestehende Überzeugungen infrage stellten und dafür verspottet wurden. Die Vorstellung, Fortschritt entstehe durch maximale Konformität, gehört zu den kurioseren Irrtümern der Gegenwart.

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Die Universität als Echoraum

Das Endstadium dieser Entwicklung ist nicht die offene Unterdrückung, sondern die freiwillige Verengung des Denkraums. Niemand wird zum Schweigen gezwungen. Die Betroffenen entscheiden selbst, welche Gedanken besser unausgesprochen bleiben. Gerade deshalb ist das Phänomen so schwer zu bekämpfen. Es gibt keinen Tyrannen, den man stürzen könnte. Kein Gesetz, das man abschaffen könnte. Kein Ministerium, das man schließen könnte.

Es existiert lediglich ein kulturelles Klima, in dem sich immer mehr Menschen dieselben Fragen stellen: Ist diese Aussage klug? Ist sie akzeptabel? Ist sie sicher? Und irgendwann wird die entscheidende Frage gar nicht mehr gestellt: Ist sie wahr?

An diesem Punkt beginnt die eigentliche Gefahr. Nicht für einzelne Wissenschaftler. Nicht einmal für einzelne Universitäten. Sondern für die Wissenschaft selbst. Denn Erkenntnis entsteht dort, wo Menschen bereit sind, das Falsche zu riskieren, um das Richtige zu finden. Eine Wissenschaft, die vor allem darauf bedacht ist, niemanden zu irritieren, wird möglicherweise vieles erreichen: Förderprogramme, Leitlinien, Sensibilisierungskonzepte und Konsenspapiere. Was sie womöglich verliert, ist ihre wichtigste Eigenschaft: die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Und vielleicht liegt genau darin die tragikomische Pointe unserer Zeit. Die Universitäten haben jahrhundertelang gegen äußere Zensur gekämpft. Gegen Könige, Kirchen, Ideologien und Diktaturen. Nun droht die Einschränkung der geistigen Freiheit ausgerechnet dort zu wachsen, wo ihre Verteidiger sitzen. Nicht als Verbot, sondern als Gewohnheit. Nicht als Befehl, sondern als Reflex. Nicht als Kette, sondern als innere Stimme, die flüstert, noch bevor ein Gedanke ausgesprochen wird: Vielleicht lieber nicht.

Wenn eine Universität diesen Zustand erreicht, ist die Zensur nicht mehr vor dem Tor. Sie hat bereits einen Schreibtisch im Fakultätsgebäude erhalten.