Die Kunst des kontrollierten Niedergangs

Es gibt Zivilisationen, die an äußeren Feinden zugrunde gehen. Andere scheitern an Naturkatastrophen, Seuchen oder militärischer Unterlegenheit. Die moderne westliche Industrienation hingegen hat einen eleganteren Weg gefunden. Sie organisiert ihren Niedergang als ambitioniertes Verwaltungsprojekt, begleitet von Hochglanzbroschüren, Strategiepapieren, Nachhaltigkeitslogos und einer Kommunikationsabteilung, die selbst den Einsturz einer Brücke noch als „Transformationschance für klimafreundliche Mobilität“ verkaufen würde.

Sollte jemals ein Lehrbuch mit dem Titel Wie ruiniert man eine erfolgreiche Volkswirtschaft in zehn einfachen Schritten erscheinen, wäre das erste Kapitel überraschend kurz. Es bestünde aus nur einem Satz: Energie verteuern. Das zweite Kapitel wäre kaum länger: Die Sozialsysteme überfordern. Wer ganz sicher gehen möchte, verbindet beides zu einem integrierten Gesamtkonzept und nennt es anschließend Fortschritt.

Eine Industrienation lebt nicht von Pressekonferenzen, sondern von Kilowattstunden. Stahl wird nicht mit Haltung gegossen, Aluminium nicht mit moralischer Überlegenheit geschmolzen, Chemieunternehmen produzieren keine Grundstoffe aus Applaus und ein Hochofen reagiert ausgesprochen unbeeindruckt auf Hashtags. Die Physik besitzt leider keine demokratische Abstimmungskultur. Sie bleibt stur. Ein Megawatt bleibt ein Megawatt. Fehlt es, hilft auch kein Runder Tisch.

Früher galt billige Energie als Standortvorteil. Heute scheint sie fast schon als moralisches Fehlverhalten betrachtet zu werden. Strompreise entwickeln sich zu einer Art Charakterprüfung. Wer sie bezahlen kann, beweist Verantwortung. Wer sie kritisiert, leidet angeblich lediglich an mangelnder Zukunftsbegeisterung. Dass zahlreiche Unternehmen ihre Produktion dorthin verlagern, wo Energie deutlich günstiger ist, wird mit jener Gelassenheit kommentiert, mit der Kapitäne den Untergang eines Schiffes beobachten, solange die Bordkapelle noch spielt.

Dabei besitzt die politische Sprache eine bemerkenswerte Fähigkeit, Tatsachen in Euphemismen zu verwandeln. Aus einer Deindustrialisierung wird eine Transformation. Arbeitsplatzverluste heißen Strukturwandel. Produktionsverlagerungen werden zu internationalen Wertschöpfungsnetzwerken. Wohlstandsverluste erscheinen als notwendiger Beitrag zur Rettung des Planeten. Irgendwann dürfte selbst der Stromausfall als temporäre Dekarbonisierung der Beleuchtungswirtschaft bezeichnet werden.

Fast noch faszinierender entwickelt sich jedoch die zweite große Säule des Experiments: die Sozialpolitik. Jeder Sozialstaat lebt von einer simplen mathematischen Voraussetzung. Mehr Menschen müssen einzahlen als Leistungen beziehen. Diese Erkenntnis besitzt ungefähr denselben Schwierigkeitsgrad wie die Feststellung, dass ein Eimer irgendwann leer ist, wenn ständig Wasser entnommen und kaum etwas nachgefüllt wird. Dennoch scheint gerade diese Logik regelmäßig als überraschende Neuentdeckung behandelt zu werden.

TIP:  "Plan Z" - ohne Wiederkehr

Großzügigkeit gilt inzwischen als Staatsphilosophie. Großzügigkeit gegenüber jedem, der Ansprüche anmeldet. Weniger großzügig zeigt sich das System allerdings gegenüber jenen, die seine Finanzierung sicherstellen sollen. Dort entdeckt der Fiskus plötzlich ungeahnte Kreativität. Einkommen werden besteuert, Vermögen diskutiert, Erbschaften kritisch betrachtet, Unternehmensgewinne skeptisch beäugt, Energie zusätzlich belastet, Mobilität reguliert und Konsum moralisch bewertet. Der Leistungsträger entwickelt sich langsam zur bedrohten Spezies. Er besitzt zwar noch alle staatsbürgerlichen Pflichten, aber zunehmend weniger Privilegien, überhaupt erfolgreich sein zu dürfen.

Es entsteht eine paradoxe Gesellschaft. Produktivität wird misstrauisch beobachtet. Erfolg gilt als verdächtig. Gewinn riecht nach Ausbeutung. Wettbewerb erscheint unerquicklich. Risiko übernimmt möglichst der Staat, der bekanntlich niemals eigenes Geld besitzt, sondern stets jenes verteilt, das andere zuvor erwirtschaftet haben. Die Rechnung funktioniert erstaunlich lange. Zumindest solange genügend Menschen glauben, dass Geld auf Ministeriumsdruckern wächst.

Der britische Premierminister des 19. Jahrhunderts, Benjamin Disraeli, bemerkte einst, dass es drei Arten von Lügen gebe: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken. Heute müsste diese Liste vermutlich um eine vierte Kategorie ergänzt werden: Modellrechnungen bis zum Jahr 2050. Sie besitzen den Vorteil, grundsätzlich erst dann überprüfbar zu sein, wenn sämtliche Verantwortlichen längst pensioniert oder zu internationalen Beratern aufgestiegen sind.

Hinzu kommt die bemerkenswerte Kultur des moralischen Absolutismus. Früher wurde über politische Maßnahmen gestritten. Heute werden Charaktereigenschaften diagnostiziert. Wer niedrigere Energiepreise fordert, gefährdet angeblich die Zukunft kommender Generationen. Wer auf finanzielle Grenzen sozialer Systeme hinweist, zeigt angeblich mangelnde Solidarität. Wer wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als Voraussetzung jeder Umverteilung betrachtet, wird gelegentlich behandelt, als hätte er vorgeschlagen, das Rad wieder abzuschaffen.

George Orwell hätte vermutlich seine helle Freude an dieser Sprachentwicklung gehabt. Sein berühmtes Konzept des Neusprechs erscheint heute weniger wie dystopische Literatur als vielmehr wie ein Handbuch moderner Regierungskommunikation. Begriffe verändern ihre Bedeutung mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Freiheit bedeutet Regulierung. Verzicht wird Wohlstand. Schulden heißen Investitionen. Verbote firmieren als Ermöglichungsinstrumente. Je größer die Diskrepanz zwischen Realität und offizieller Beschreibung wird, desto umfangreicher wachsen Broschüren und Kommunikationskampagnen.

TIP:  Mainstream Agenda Setting

Besonders bemerkenswert bleibt die erstaunliche Gelassenheit, mit der wirtschaftliche Zusammenhänge ignoriert werden. Wohlstand entsteht nicht durch Verteilung, sondern durch Wertschöpfung. Dieser Satz besitzt ungefähr dieselbe Originalität wie die Erkenntnis, dass Bäume ohne Wurzeln Schwierigkeiten bekommen. Dennoch scheint er regelmäßig erklärt werden zu müssen. Eine Volkswirtschaft funktioniert eben nicht wie ein Wunschkonzert, sondern eher wie ein Uhrwerk. Entfernt man genügend Zahnräder, läuft es irgendwann nur noch symbolisch.

Natürlich existieren reale Herausforderungen. Klimawandel, demografische Entwicklung, geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche verlangen nach klugen Antworten. Gerade deshalb wirkt es erstaunlich, wenn manche politischen Konzepte den Eindruck erwecken, sämtliche Probleme gleichzeitig lösen zu wollen, indem zunächst jene Grundlagen geschwächt werden, auf denen Wohlstand überhaupt entsteht. Es erinnert an einen Gärtner, der den Baum fällt, um leichter an die Äpfel zu gelangen.

Ironischerweise bleibt der Optimismus dennoch unerschütterlich. Jede weitere Belastung gilt als Investition. Jede neue Regulierung als Vereinfachung. Jede zusätzliche Behörde als Bürokratieabbau. Jeder höhere Strompreis als Innovationsbeschleuniger. Jede Steuer als Entlastung. Jede Krise als Erfolgsgeschichte in Vorbereitung. Sollte eines Tages tatsächlich nichts mehr funktionieren, dürfte vermutlich erklärt werden, dies sei der endgültige Beweis dafür, dass noch nicht entschlossen genug transformiert worden sei.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Genialität dieses historischen Experiments. Ein gewöhnlicher Niedergang erzeugt Protest. Ein ideologisch veredelter Niedergang erzeugt Arbeitsgruppen, Expertenkommissionen und Hochglanzpräsentationen. Während Fabriken schließen, entstehen Leitbilder. Während Investitionen abwandern, wachsen Strategiepapiere. Während die Mittelschicht schrumpft, expandiert die Verwaltung. Die Realität verliert gegen die Rhetorik nach Punkten.

Und doch besitzt jede Satire einen ernsten Kern. Keine Gesellschaft lebt dauerhaft von Symbolpolitik. Kein Sozialstaat kann dauerhaft mehr verteilen als erwirtschaftet wird. Keine Industrienation bleibt konkurrenzfähig, wenn Energie zum Luxusgut und unternehmerischer Erfolg zum moralischen Problem erklärt werden. Wirtschaftlicher Wohlstand ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis harter Arbeit, technischer Innovation, funktionierender Institutionen und vernünftiger Rahmenbedingungen. Werden diese Voraussetzungen systematisch geschwächt, hilft irgendwann weder Optimismus noch Kommunikation.

TIP:  Korrelation vs. Kausalität

Vielleicht besteht die größte Ironie der Gegenwart darin, dass ausgerechnet jene Länder, die ihren Wohlstand über Generationen mit Ingenieurskunst, Fleiß und marktwirtschaftlicher Dynamik aufgebaut haben, heute gelegentlich so handeln, als sei wirtschaftlicher Erfolg ein selbstnachwachsender Rohstoff. Doch Wohlstand wächst nicht auf Bäumen. Er wächst in Werkshallen, Laboratorien, mittelständischen Betrieben und Köpfen, die Ideen entwickeln, Risiken eingehen und Werte schaffen. Wer diese Grundlagen leichtfertig aufs Spiel setzt, braucht keine äußeren Gegner mehr. Die Geschichte zeigt, dass manche Zivilisationen den aufwendigsten Weg in den Niedergang wählen: Sie organisieren ihn selbst, gründen dafür mehrere Behörden, veröffentlichen eine Nachhaltigkeitsstrategie und verleihen sich am Ende gegenseitig Preise für gelungene Transformation.