Die Kunst der störungsfreien Verdrängung

Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen moderner Institutionen, dass sie immer häufiger jene Themen vermeiden, zu deren Behandlung sie ursprünglich geschaffen wurden. Krankenhäuser sprechen über Verwaltungsreformen, Universitäten über Nachhaltigkeitsstrategien, Kirchen über Markenidentität, und gelegentlich gelangt auch ein Holocaust-Museum zu der Einsicht, dass eine Veranstaltung über Antisemitismus womöglich zu kontrovers sein könnte. An diesem Punkt betritt die Gegenwart die Bühne der Satire nicht mehr als Stoff, sondern als Konkurrentin. Denn welcher Satiriker könnte sich eine Pointe ausdenken, die absurder wäre als die Vorstellung, dass ein Museum, das der Erinnerung an die Folgen des Antisemitismus gewidmet ist, eine Konferenz über Antisemitismus absagt, weil Menschen gegen eine Konferenz über Antisemitismus protestieren?

Die moderne Gesellschaft hat für solche Vorgänge eine elegante Sprache entwickelt. Früher hätte man von Einschüchterung gesprochen. Heute spricht man von „Sensibilitäten“. Früher hätte man gesagt, jemand werde zum Schweigen gebracht. Heute heißt es, man wolle „Spannungen vermeiden“. Früher wäre eine Drohung als Drohung bezeichnet worden. Heute ist sie ein „Ausdruck zivilgesellschaftlichen Engagements“. Die sprachliche Kosmetikindustrie arbeitet rund um die Uhr.

Die vier Schritte zur erfolgreichen Verhinderung unerwünschter Debatten

Das Verfahren selbst ist erfreulich unkompliziert und verdient daher die Bezeichnung eines demokratischen Standardmodells.

Schritt eins besteht darin, eine Protestaktion anzukündigen. Die tatsächliche Durchführung ist dabei zweitrangig. Bereits die Möglichkeit einer Demonstration entfaltet eine erstaunliche Wirkung. Institutionen reagieren auf angekündigte Empörung inzwischen ähnlich wie mittelalterliche Dörfer auf die Nachricht von herannahenden Reiterhorden. Noch bevor der erste Demonstrant erscheint, werden Krisensitzungen einberufen, Kommunikationsberater konsultiert und Sicherheitskonzepte erstellt. Die bloße Aussicht auf Unruhe genügt oftmals vollständig.

Schritt zwei verlangt, den Veranstalter in ausreichende Nervosität zu versetzen. Dies geschieht idealerweise durch den Hinweis, die Veranstaltung könne „problematisch wahrgenommen werden“. Dieser Satz gehört zu den mächtigsten Formeln des öffentlichen Lebens. Er besitzt die Fähigkeit, Menschen binnen Sekunden jede Überzeugung auszutreiben. Kaum jemand fragt noch, ob etwas richtig oder falsch ist. Entscheidend ist, ob es möglicherweise den Eindruck erwecken könnte, etwas Falsches zu sein. Die moderne Welt lebt nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern in der Vorahnung möglicher Reaktionen auf die Wirklichkeit.

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Schritt drei besteht darin, die Veranstaltung als „politisiert“ zu bezeichnen. Dies ist ein besonders eleganter Kunstgriff. Das Wort besitzt die wunderbare Eigenschaft, jede Debatte augenblicklich zu diskreditieren, ohne ihren Inhalt überhaupt diskutieren zu müssen. Dass Antisemitismus ein politisches Thema sein könnte, erscheint in diesem Zusammenhang als unerhörte Überraschung. Offenbar existiert die Erwartung, Antisemitismus möge künftig ausschließlich meteorologisch behandelt werden, etwa als eine Art atmosphärisches Phänomen zwischen Hochdruckgebieten und saisonalen Pollenbelastungen.

Schritt vier schließlich bildet den Höhepunkt der Methode: Die Veranstaltung wird verlegt. Nicht verboten, nicht offiziell untersagt, sondern lediglich an einen anderen Ort verschoben. Das besitzt den Vorteil, dass niemand behaupten kann, etwas sei zensiert worden. Die Debatte darf stattfinden – nur eben nicht dort, wo sie ursprünglich stattfinden sollte. Diese Form der Einschränkung ähnelt der freundlichen Einladung, frei zu sprechen, allerdings außerhalb des Gebäudes, hinter dem Parkplatz und vorzugsweise in sicherer Entfernung von Kameras.

Die bemerkenswerte Angst vor dem Thema

Besonders faszinierend an der Episode ist die Logik, die ihr zugrunde liegt. Das Nationale Holocaust-Museum in Amsterdam erklärte, es wolle nicht zum Mittelpunkt einer politischen Auseinandersetzung werden. Dieser Satz verdient einen Ehrenplatz im Museum der institutionellen Selbstwidersprüche.

Ein Holocaust-Museum existiert nicht deshalb, weil Geschichte ein besonders interessantes Hobby darstellt. Es existiert, weil Antisemitismus reale Folgen hatte und weiterhin hat. Die Erinnerung an die Vergangenheit besitzt ihren Sinn gerade darin, die Gegenwart zu verstehen. Wenn jedoch die Gegenwart an die Tür klopft und in Gestalt einer Debatte über heutigen Antisemitismus Einlass begehrt, wird plötzlich erklärt, die Angelegenheit sei zu politisch.

Man stelle sich vergleichbare Situationen vor. Ein Feuerwehrmuseum lehnt eine Konferenz über Brände ab, weil das Thema Feuer zu kontrovers sei. Ein Seefahrtsmuseum sagt einen Vortrag über Schiffe ab, weil sich Menschen über maritime Fragen streiten könnten. Ein Zoologischer Garten untersagt Diskussionen über Tiere, um Konflikte zwischen Katzen- und Hundefreunden zu vermeiden.

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Die Satire müsste sich anstrengen, um hier noch mitzuhalten.

Die unfreiwilligen Referenten der Konferenz

Der eigentliche Höhepunkt liegt jedoch in der unfreiwilligen Beteiligung der Protestierenden selbst. Denn indem Aktivisten eine Konferenz über Antisemitismus zu verhindern versuchten, lieferten sie den Organisatoren die eindrucksvollste Demonstration ihrer Ausgangsthese.

Kaum eine Podiumsdiskussion hätte plastischer zeigen können, wie schwierig die öffentliche Behandlung des Themas geworden ist. Keine PowerPoint-Präsentation, keine Statistik und keine wissenschaftliche Studie hätte die Problematik anschaulicher illustrieren können als der praktische Versuch, die Veranstaltung selbst aus ihrem ursprünglichen Veranstaltungsort zu verdrängen.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire wird häufig – wenn auch in vereinfachter Form – mit dem Gedanken verbunden, dass die Freiheit der Rede gerade dort verteidigt werden müsse, wo Meinungsverschiedenheiten bestehen. Die Gegenwart scheint eine neue Version entwickelt zu haben: Meinungsfreiheit wird selbstverständlich bejaht, solange niemand widerspricht. Sobald jedoch Widerspruch droht, beginnt die Suche nach dem nächstgelegenen Ausgang.

Die Kirche als unbeabsichtigte Pointe

Dass die Veranstaltung schließlich in eine Kirche verlegt wurde, verleiht der Geschichte eine zusätzliche literarische Qualität. Das Holocaust-Museum zog sich zurück, während eine Kirche die Diskussion aufnahm. Die Symbolik wirkt beinahe zu kunstvoll, um wahr zu sein.

Man könnte meinen, irgendein Romanautor habe die Handlung überarbeitet und beschlossen, der Geschichte noch einen ironischen Schlussakkord hinzuzufügen. Doch die Wirklichkeit besitzt oft einen ausgeprägteren Sinn für Groteske als jede Fiktion.

Am Ende bleibt ein Vorgang, der weit über Amsterdam hinausweist. Nicht weil eine einzelne Konferenz verlegt wurde. Veranstaltungen wechseln ständig ihre Orte. Bemerkenswert ist vielmehr die Botschaft, die dabei entsteht. Wenn bereits die Beschäftigung mit Antisemitismus als zu konfliktträchtig erscheint, dann wird das Problem nicht kleiner, sondern sichtbarer.

Die Geschichte enthält deshalb eine paradoxe Lehre. Wer eine Debatte über Antisemitismus verhindern möchte, sollte zunächst versuchen, eine Debatte über Antisemitismus zu verhindern. Kaum eine Methode demonstriert die Notwendigkeit solcher Diskussionen überzeugender. Die Gegner der Konferenz wurden dadurch zu ihren unfreiwilligsten Unterstützern. Sie erschienen nicht auf dem Podium, hielten keine Vorträge und veröffentlichten keine Tagungsbände. Dennoch lieferten sie den eindrucksvollsten Beitrag der gesamten Veranstaltung.

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Und so bleibt als satirische Quintessenz eine Erkenntnis, die irgendwo zwischen Komik und Tragik schwebt: Nichts beweist die Notwendigkeit einer Konferenz über Antisemitismus so überzeugend wie der Versuch, eine Konferenz über Antisemitismus zu verhindern.