Es gibt Meldungen, die zunächst wie schlecht übersetzte Satire klingen, wie ein verlorener Entwurf aus dem Archiv eines zweitklassigen Kabarettisten, der nach drei Tassen Mokka und einer existenziellen Krise beschlossen hatte, eine Behörde für metaphysische Haarpolitik zu erfinden. Und doch erreicht gelegentlich eine Aussage die Öffentlichkeit, die jeder Parodie den Arbeitsplatz streitig macht. Ein islamischer Gelehrter in Spanien erklärte sinngemäß: Männer ohne Bärte könnten bei anderen Männern unkeusche Gedanken hervorrufen, da sie wie Frauen aussähen; deshalb müssten Männer Bärte tragen. Ein Satz wie aus einer Parallelwelt, in der das Schicksal der Zivilisation offenbar nicht von Kriegen, Inflation, Energieversorgung oder Bildungsfragen abhängt, sondern von der alarmierenden Existenz glattrasierter Wangenknochen. Der Mensch steht im Jahr 2026 auf dem Gipfel technologischer Entwicklung, künstliche Intelligenzen schreiben Texte, Maschinen lernen, Fahrzeuge fahren selbstständig – und irgendwo wird noch immer über die revolutionäre Bedrohung durch das Kinn diskutiert. Die Menschheit betritt den Mars, und gleichzeitig tagt offenbar der Hohe Rat zur Bekämpfung des verdächtig femininen Untergesichts.
Die große Flucht vor der Eigenverantwortung
Die eigentliche Komik liegt jedoch nicht im Bart. Der Bart ist nur das Requisit, der unglückliche Statist in einem viel älteren Drama: der panischen Flucht vor persönlicher Verantwortung. Denn hinter solchen Vorstellungen steckt ein bemerkenswerter Gedanke: Nicht die eigenen Impulse seien zu kontrollieren, nicht die eigenen Gedanken, nicht die eigene Disziplin, sondern die Umgebung. Die Gesellschaft soll umgebaut werden, damit der Einzelne sich selbst nicht begegnen muss. Das ist eine uralte Versuchung. Wer an der eigenen Selbstbeherrschung scheitert, beginnt irgendwann, Architektur, Kleidung, Sprache, Kunst und schließlich Gesichter zu regulieren. Der innere Konflikt wird nach außen verlegt wie giftiger Sondermüll.
Der Philosoph Arthur Schopenhauer bemerkte einst: „Jeder hält die Grenzen seines Gesichtsfeldes für die Grenzen der Welt.“ Man könnte hinzufügen: Manche halten die Grenzen ihrer Selbstkontrolle für den Maßstab, nach dem alle anderen zu leben haben. Ein erstaunlicher Mechanismus. Der Mensch entdeckt nicht etwa seine Schwäche und arbeitet an ihr. Nein. Der Mensch erklärt seine Schwäche zur allgemeinen Norm. Das eigene Problem wird zur Weltanschauung befördert, geschniegelt – nein, gerade dieses Wort verdient hier Verbannung – also feierlich auf einen ideologischen Thron gehoben und mit moralischen Bannern dekoriert.
Das Kinn als Gefahr für die öffentliche Ordnung
Man stelle sich den Verwaltungsapparat vor, den solche Logik konsequent hervorbringen müsste. Wenn Bartlosigkeit gefährlich ist, wäre dann ein besonders markantes Kinn eine Hochrisikozone? Müsste es Warnschilder geben? Wären Wangenknochen künftig genehmigungspflichtig? Entstünde eine Sondereinheit der Gesichtspolizei? Vielleicht würden Inspektoren mit ernster Miene vor Cafés patrouillieren und die Gesichtsbehaarung vermessen wie Zöllner Schmuggelware.
Kafka hätte vermutlich kapituliert. Selbst seine Bürokratie-Albträume wirkten im Vergleich beinahe pragmatisch. Denn dort war wenigstens unklar, warum die Behörden handelten. Hier wäre die Begründung bekannt – und gerade deshalb viel beunruhigender. Denn die zentrale Idee lautet: Die Gedanken einiger Menschen sollen durch die Gesichter anderer Menschen gesteuert werden. Der Weg von dort zu absurden Gesellschaftsmodellen ist kürzer als ein frisch gestutzter Bart.
George Orwell schrieb: „Orthodoxie bedeutet, nicht denken zu müssen.“ Eine Kultur des permanenten Regulierens persönlicher Regungen durch äußere Verbote enthält genau diese Gefahr. Denn sie ersetzt Charakterbildung durch Überwachung. Statt Selbstdisziplin tritt Kontrolle. Statt Reife tritt Vorschrift. Statt Verantwortung tritt eine Verwaltung der Versuchung.
Die ewige Jagd nach dem Schuldigen außerhalb des Spiegels
Bemerkenswert ist die historische Wiederholung. Immer wieder entstanden Systeme, die menschliche Schwächen nicht als Teil der menschlichen Natur betrachteten, sondern als Folgen äußerer Reize. Nicht die eigene Gier war schuld, sondern fremder Wohlstand. Nicht die eigene Aggression, sondern andere Meinungen. Nicht die eigene Unsicherheit, sondern andere Kleidung. Nicht die eigene Disziplinlosigkeit, sondern das Gesicht eines Mitmenschen.
Der Spiegel wurde zum Feind erklärt. Denn Spiegel besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie antworten nicht ideologisch. Sie zeigen bloß zurück.
Gerade deshalb entwickelt jede dogmatische Denkweise irgendwann eine seltsame Leidenschaft für Nebensächlichkeiten. Dort, wo die Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren zu mühsam erscheint, beginnt der Kreuzzug gegen Symptome. Das Kinn wird politisch. Haare werden weltanschaulich. Kleidung wird metaphysisch. Irgendwann sitzt eine Gesellschaft vor einem Berg ungelöster Probleme und diskutiert hochkonzentriert über Gesichtsfrisuren.
Die Tragödie der autoritären Fantasie
Der eigentliche Kern solcher Aussagen ist nicht Frömmigkeit. Es ist Autoritarismus mit religiösem Kostümfundus. Denn eine Religion kann Trost bieten, Sinn, Moral, Gemeinschaft und Orientierung. Eine Ideologie dagegen erkennt man oft daran, dass sie den Menschen nicht als verantwortliches Wesen betrachtet, sondern als wandelndes Sicherheitsrisiko.
In dieser Sichtweise ist der Mensch kein moralisches Subjekt mehr, sondern eine Art chemische Reaktion auf äußere Reize. Sieht er A, denkt er B. Entfernt man A, verschwindet B. Eine erschreckend mechanische Vorstellung vom Menschen. Sie reduziert Persönlichkeit auf Reflexe und Ethik auf Raumgestaltung.
Und genau darin liegt die Ironie: Wer angeblich den Menschen schützen möchte, spricht ihm gerade jene Würde ab, die Schutz überhaupt erst sinnvoll macht – die Fähigkeit zur Entscheidung.
Europas spätes Erwachen im Theater der Absurditäten
Vielleicht erklärt sich die wachsende Irritation vieler Europäer weniger aus Feindseligkeit als aus Erschöpfung. Denn über Jahrzehnte wurden selbst offenkundige Absurditäten häufig mit einer Mischung aus Verlegenheit und moralischer Schockstarre betrachtet. Man wollte um jeden Preis Verständnis zeigen, Differenzierung demonstrieren, kulturelle Sensibilität beweisen. Alles ehrenwerte Impulse. Doch gelegentlich entsteht dabei eine merkwürdige Situation: Jemand behauptet, ein bartloses Gesicht bedrohe die öffentliche Moral – und der Raum antwortet nicht mit Gelächter, sondern mit vorsichtigem Stirnrunzeln, als müsse zunächst ein Expertenrat tagen.
Aber manche Behauptungen verlieren ihren Nimbus, sobald man sie laut wiederholt. Nicht weil Religion lächerlich wäre. Nicht weil Gläubige lächerlich wären. Sondern weil jede Idee, religiös oder säkular, irgendwann denselben Test bestehen muss: Darf über sie gelacht werden, wenn sie offenkundig Unsinn produziert?
Und vielleicht beginnt geistige Reife genau dort: beim Mut, Absurdität wieder als Absurdität zu benennen. Selbst wenn sie feierlich vorgetragen wird. Selbst wenn sie sich in heilige Begriffe kleidet. Und selbst dann, wenn irgendwo ein äußerst besorgter Funktionär des Ministeriums für Gesichtsverwaltung bereits nervös auf ein verdächtig bartloses Kinn starrt.