Eine der eigentümlichsten Marotten moderner Gesellschaften besteht darin, gleichzeitig an die völlige Austauschbarkeit aller Dinge und an deren ewige Fortexistenz zu glauben. Nichts soll eine feste Identität besitzen, alles soll wandelbar, offen, flexibel und beliebig rekonstruierbar sein – und dennoch soll ausgerechnet die eigene Kultur unter diesen Bedingungen unversehrt bleiben. Die Kathedrale möge stehen bleiben, auch wenn niemand mehr weiß, weshalb sie gebaut wurde. Die Bibliothek möge erhalten bleiben, auch wenn niemand ihre Bücher liest. Die Oper möge erklingen, auch wenn niemand ihre Sprache versteht. Das kulturelle Erbe soll sich gleichsam selbst konservieren wie ein Marmeladenglas im Keller der Geschichte.
Dabei spricht die historische Erfahrung eine andere Sprache. Kulturen sind keine Naturgesetze. Sie besitzen keinen Ewigkeitsanspruch. Sie entstehen, wachsen, blühen, altern und verschwinden. Das gilt für die alten Ägypter ebenso wie für die Römer, für die Byzantiner ebenso wie für die Azteken. Von all diesen Zivilisationen sind Ruinen geblieben, gelegentlich beeindruckende Ruinen, manchmal sogar touristisch hervorragend vermarktete Ruinen, doch keine von ihnen existiert mehr als lebendige Kultur. Die Menschen gingen, und mit ihnen verschwand jene unsichtbare Welt aus Gewohnheiten, Symbolen, Wertvorstellungen und Erinnerungen, die eine Kultur überhaupt erst ausmacht.
Die moderne Vorstellung, eine Kultur könne unabhängig von den Menschen fortbestehen, die sie tragen, erinnert an die Hoffnung, ein Orchester könne weiterhin Beethoven spielen, nachdem sämtliche Musiker das Gebäude verlassen haben. Gewiss, die Instrumente stehen noch da. Die Notenblätter liegen ordentlich sortiert auf den Pulten. Vielleicht brennt sogar noch das Licht im Konzertsaal. Nur erklingt keine Musik mehr.
Die Kathedrale ohne Gläubige
Das Abendland wird häufig beschrieben, als handle es sich um eine Ansammlung besonders schöner Steine. Man verweist auf Dome, Schlösser, Universitäten, Museen und Bibliotheken. All dies ist zweifellos beeindruckend. Doch diese Bauwerke sind nicht die Kultur selbst. Sie sind lediglich ihre sichtbaren Spuren.
Eine gotische Kathedrale ist zunächst einmal ein sehr großer Haufen kunstvoll bearbeiteter Steine. Ihre eigentliche Bedeutung entsteht erst durch jene Menschen, die wissen, warum sie gebaut wurde, welche Geschichten ihre Fenster erzählen, welche Musik unter ihrem Gewölbe erklang und weshalb Generationen bereit waren, für ihre Errichtung Vermögen auszugeben. Entfernt man dieses Verständnis, bleibt Architektur übrig. Eindrucksvolle Architektur vielleicht, aber letztlich nicht mehr als eine dekorative Kulisse.
Dasselbe gilt für Literatur. Ein Regal voller Goethe, Dante oder Molière besitzt keinen eingebauten Selbstverteidigungsmechanismus gegen das Vergessen. Die Bücher protestieren nicht. Sie schreien nicht. Sie organisieren keine Demonstrationen. Sie liegen still da und warten darauf, gelesen zu werden. Werden sie nicht gelesen, verwandeln sie sich mit bemerkenswerter Gelassenheit in bedrucktes Papier.
Der Glaube, kulturelle Traditionen könnten automatisch weiterexistieren, gehört zu den großen Mythen spätmoderner Gesellschaften. Er ähnelt der Annahme, ein Familienunternehmen werde auch nach dem Tod aller Eigentümer weiterhin dieselbe Identität besitzen, obwohl die Fabrik inzwischen in ein Einkaufszentrum verwandelt wurde.
Die Religion der Austauschbarkeit
Besonders bemerkenswert erscheint die moderne Überzeugung, jede beliebige Bevölkerung könne jede beliebige Kultur tragen. Kultur wird dabei wie eine Software behandelt, die sich problemlos auf neue Hardware übertragen lässt. Die Menschen gelten als austauschbare Datenträger, auf denen dieselben Inhalte beliebig installiert werden können.
Doch historische Erfahrungen sprechen eher für das Gegenteil. Kulturen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis langer historischer Entwicklungen, gemeinsamer Erfahrungen, kollektiver Erinnerungen und oftmals auch gemeinsamer Mythen. Sie werden nicht einfach übernommen wie die Bedienungsanleitung eines Staubsaugers.
Der französische Schriftsteller Jean Raspail formulierte diese Sorge in seinem vielfach diskutierten Roman „Das Heerlager der Heiligen“ mit drastischer Schärfe. Seine berühmte Passage über die Eichentür, die Bibliothek und die Terrasse wirkt bis heute deshalb so provokant, weil sie weniger von Zerstörung handelt als von Gleichgültigkeit. Nicht der Hass erscheint als größte Gefahr für kulturelle Güter, sondern die völlige Bedeutungslosigkeit, in die sie absinken könnten.
Denn nichts stirbt schneller als etwas, dessen Sinn vergessen wurde.
Das Museum Europa
Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Tragik der europäischen Selbstwahrnehmung. Europa neigt dazu, sich zunehmend als Museum zu verstehen. Museen besitzen bekanntlich eine faszinierende Eigenschaft: Sie enthalten Dinge, die einmal lebendig waren.
Der Besucher bewundert die Exponate. Er betrachtet sie respektvoll. Er macht Fotos von ihnen. Anschließend kauft er im Museumsshop einen Kühlschrankmagneten und fährt nach Hause.
Genau diese museale Haltung droht auch gegenüber der eigenen kulturellen Tradition. Shakespeare wird verehrt, aber nicht gelesen. Bach wird bewundert, aber nicht gehört. Dante wird zitiert, aber nicht verstanden. Die großen Werke bleiben erhalten, während die geistige Welt, die sie hervorgebracht hat, allmählich verblasst.
So entsteht eine paradoxe Situation. Nie zuvor wurden die kulturellen Schätze Europas besser konserviert. Nie zuvor standen sie einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung. Und nie zuvor schien das Wissen um ihre eigentliche Bedeutung fragiler zu sein.
Das Reich der Konsumenten
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Moderne Gesellschaften produzieren hervorragende Konsumenten, aber nur noch selten kulturelle Erben. Der Konsument fragt nicht, woher etwas kommt. Er fragt, was es kostet. Er interessiert sich für den Gebrauchswert, nicht für die Herkunft.
Eine Kultur jedoch lebt gerade von Menschen, die sich als Erben verstehen. Wer sich als Erbe begreift, empfindet Verantwortung gegenüber dem Überlieferten. Wer sich lediglich als Konsument versteht, betrachtet alles als vorübergehendes Angebot.
Aus dieser Perspektive erscheint die Vorstellung einer dauerhaft stabilen Vielvölkergesellschaft mit gemeinsamem kulturellem Fundament keineswegs selbstverständlich. Jede Gesellschaft benötigt verbindende Narrative, gemeinsame Erinnerungen und einen Mindestbestand an kulturellen Selbstverständlichkeiten. Fehlen diese, entsteht keine neue Synthese, sondern häufig eine Ansammlung nebeneinander existierender Lebenswelten, die sich gegenseitig tolerieren, ignorieren oder gelegentlich bekämpfen.
Die romantische Hoffnung, allein Vielfalt werde zwangsläufig neue Hochkulturen hervorbringen, besitzt ungefähr denselben empirischen Status wie die Annahme, eine zufällig zusammengeschüttete Werkzeugkiste werde irgendwann von selbst eine Kathedrale errichten.
Der lange Abschied
Vielleicht besteht die eigentliche Ironie der Gegenwart darin, dass viele Gesellschaften erst dann bemerken, was sie verloren haben, wenn es bereits verschwunden ist. Der Verlust kultureller Kontinuität vollzieht sich selten dramatisch. Keine Sirenen ertönen. Keine Fahnen werden eingeholt. Kein offizieller Akt verkündet das Ende einer Zivilisation.
Stattdessen geschieht alles schrittweise. Ein Brauch verschwindet. Eine Sprache verliert an Bedeutung. Ein literarischer Kanon wird vergessen. Ein historisches Bewusstsein löst sich auf. Generation für Generation wird ein wenig weniger weitergegeben, bis irgendwann niemand mehr bemerkt, dass überhaupt etwas fehlt.
Dann stehen die Kathedralen noch immer am selben Platz. Die Bibliotheken existieren weiterhin. Die Museen öffnen pünktlich ihre Tore.
Und doch hat sich etwas Grundlegendes verändert.
Nicht die Steine sind verschwunden.
Sondern jene Menschen, für die diese Steine einmal eine Geschichte erzählten.