Es gehört zu den beständigen Rätseln der Moderne, dass ausgerechnet jene Menschen, die sich selbst für die Speerspitze der Aufklärung halten, mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit dort landen, wo Bücher brennen, Gefängnisse wachsen und Leichenberge entstehen. Kaum eine Figur verkörpert dieses Paradox eindrucksvoller als Jean-Paul Sartre, jener allgegenwärtige Hohepriester des europäischen Nachkriegsintellektualismus, dessen Pfeife, Nickelbrille und existentialistische Schwermut jahrzehntelang als Markenzeichen des engagierten Denkens galten. Während gewöhnliche Sterbliche damit beschäftigt waren, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, hatte Sartre bereits eine höhere Stufe philosophischer Erleuchtung erklommen: Für ihn war Wahrheit nur noch eine Funktion politischer Nützlichkeit. Was der Revolution diente, war wahr. Was ihr schadete, war falsch. Und wenn die Wirklichkeit sich weigerte, diese elegante Formel zu bestätigen, dann hatte die Wirklichkeit eben Unrecht.
So kam es, dass im Jahr 1968, während auf den Schulhöfen Pekings Lehrer von ihren eigenen Schülern zusammengeschlagen wurden, während Professoren gedemütigt, Wissenschaftler verfolgt und Bibliotheken geplündert wurden, in Paris ein Mann saß, der all dies betrachtete und darin eine Form höherer Demokratie erkannte. Die Kulturrevolution erschien Sartre nicht als das, was sie war – eine gigantische politische Massenhysterie, entfesselt von einem alternden Diktator zur Rettung seiner Macht –, sondern als ein Fest der Befreiung. Die roten Armbinden der jugendlichen Schläger wurden in den europäischen Salons zu Symbolen des Fortschritts umgedeutet. Dass diese Fortschrittssymbole gerade damit beschäftigt waren, Professoren mit Knüppeln zu erschlagen, wurde als nebensächliches Detail behandelt. Revolutionen, so die elegante Formel der westlichen Linken, seien eben nicht steril.
Die Geschichte besitzt einen grausamen Sinn für Ironie. Ausgerechnet Sartre, der sein Leben lang über Freiheit geschrieben hatte, jubelte einer Bewegung zu, deren Hauptbeschäftigung darin bestand, freie Menschen zu vernichten. Während er in den Cafés des Quartier Latin über die Selbstverwirklichung des Individuums philosophierte, wurden in China Individuen systematisch ausgelöscht. Lehrer wurden auf Bühnen gezerrt, mussten spitze Hüte tragen, wurden bespuckt, geschlagen und öffentlich erniedrigt. Ganze Familien verschwanden. Karrieren, Biographien und Lebenswerke wurden ausgelöscht wie Kreideschrift auf einer Tafel. Doch aus der Distanz von achttausend Kilometern wirkte der Schrecken offenbar angenehm abstrakt. Blut verliert viel von seiner roten Farbe, wenn es durch die Seiten einer ideologischen Zeitung betrachtet wird.
Die Verwechslung von Moral und Mode
Es ist leicht, Sartre heute als bloßen Narren abzutun. Doch damit würde man die eigentliche Tragödie verkennen. Sartre war keineswegs dumm. Er war vielmehr ein Beispiel für jene besondere Form von Intelligenz, die sich irgendwann von der Wirklichkeit emanzipiert. Der gewöhnliche Mensch irrt sich, weil ihm Informationen fehlen. Der ideologische Intellektuelle irrt sich, weil er glaubt, Informationen nicht mehr zu benötigen.
Die Katastrophe begann mit einer verhängnisvollen Verwechslung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Teilen der westlichen Intellektuellenszene die Vorstellung, Wissen sei vor allem ein Herrschaftsinstrument. Vernunft wurde nicht mehr als Werkzeug zur Erkenntnis verstanden, sondern als Maske der Unterdrückung. Wissenschaft galt als bürgerlich, Expertise als elitär, Kompetenz als verdächtig. Der Lehrer war nicht länger jemand, der mehr wusste, sondern jemand, der Macht ausübte. Der Professor wurde vom Vermittler von Wissen zum Symbol gesellschaftlicher Ungleichheit.
Damit war der Weg frei für jene groteske Verdrehung, die während der Kulturrevolution ihren blutigen Höhepunkt fand. Wenn Wissen Herrschaft ist, dann erscheint die Zerstörung von Wissen als Befreiung. Wenn Bildung Unterdrückung bedeutet, dann wird die Demütigung von Lehrern zum Akt der Emanzipation. Wenn Experten lediglich privilegierte Klassenvertreter sind, dann wird ihre Vernichtung zu einer Form sozialer Gerechtigkeit.
Kaum jemals wurde eine Idee konsequenter zu Ende gedacht als in Maos China. Und kaum jemals zeigte sich deutlicher, wie mörderisch schlechte Ideen werden können, wenn ein Staat beschließt, sie ernst zu nehmen.
Die Ökonomie der Dummheit
Besonders bemerkenswert an Sartres Begeisterung ist dabei nicht nur ihre moralische Blindheit, sondern ihre ökonomische Ahnungslosigkeit. Denn hinter der Kulturrevolution stand letztlich derselbe Irrtum, der bereits zahllose sozialistische Experimente ruiniert hatte: die Überzeugung, Wissen könne zentralisiert werden.
Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises hatte bereits 1920 erklärt, warum sozialistische Planung zwangsläufig scheitern müsse. Friedrich August von Hayek vertiefte später die Analyse und zeigte, dass das entscheidende Wissen einer Gesellschaft niemals in den Köpfen einiger Planer existiert, sondern millionenfach verteilt ist. Es steckt in Erfahrungen, Gewohnheiten, Fähigkeiten, Preisen, Verträgen, Traditionen und individuellen Entscheidungen. Es lebt in Werkstätten, Büros, Bauernhöfen und Universitäten. Es kann nicht befohlen, beschlagnahmt oder verstaatlicht werden.
Doch genau das versuchte Mao. Und genau das feierte Sartre.
Die Kulturrevolution war gewissermaßen der praktische Feldversuch zur Widerlegung sämtlicher antiökonomischer Träumereien des 20. Jahrhunderts. Ein Land erklärte seinen Lehrern den Krieg, verachtete seine Wissenschaftler, zerstörte seine Bildungseinrichtungen und machte ideologische Reinheit zur höchsten Qualifikation. Das Ergebnis überraschte ungefähr so sehr wie ein Schiffbruch nach dem Abschaffen der Navigation.
Dabei lag die Ironie offen zutage. Jeder einzelne Professor, der von Rotgardisten misshandelt wurde, besaß mehr produktives Wissen als ganze Parteikomitees. Jeder Ingenieur, der in ein Umerziehungslager geschickt wurde, stellte einen größeren Wert für die Gesellschaft dar als sämtliche ideologischen Parolen seiner Peiniger. Doch gerade weil Wissen ungleich verteilt ist, empfinden Ideologen es oft als Provokation. Die Existenz eines Experten erinnert sie daran, dass nicht alle Meinungen gleich viel wert sind.
Die Romantik der Ferne
Ein bemerkenswertes Gesetz der politischen Schwärmerei lautet, dass die Begeisterung für Revolutionen mit der geografischen Entfernung zunimmt. Kaum jemand wollte freiwillig in den Gulag ziehen. Nur wenige Intellektuelle meldeten sich begeistert zum Aufenthalt in einem chinesischen Umerziehungslager. Die Bewunderung für autoritäre Experimente blühte bevorzugt dort, wo Flugtickets teuer und Informationen knapp waren.
China wurde dadurch zu einer gigantischen Projektionsfläche. Millionen Menschen litten unter Terror, Hunger und Verfolgung, während westliche Akademiker darin die Geburt eines neuen Menschen erblickten. Je weniger sie über die Realität wussten, desto größer wurde ihre Begeisterung. Die Entfernung fungierte gewissermaßen als moralischer Weichzeichner.
Sartre war darin keineswegs allein. Das 20. Jahrhundert produzierte eine ganze Aristokratie der politischen Selbsttäuschung. Sie reisten nach Moskau und sahen keine Lager. Sie reisten nach Havanna und sahen keine Gefängnisse. Sie blickten nach Peking und sahen keine Leichen. Stattdessen entdeckten sie stets dieselbe wundersame Erscheinung: Hoffnung.
Die Opfer hatten dagegen die unangenehme Angewohnheit, nicht theoretisch zu existieren. Sie starben konkret.
Der Graben und die Trauerfeier
Als Sartre 1980 starb, säumten Zehntausende die Straßen von Paris. Die Republik verabschiedete einen ihrer berühmtesten Denker. Zeitungen veröffentlichten Nachrufe. Politiker würdigten sein Engagement. Studenten trugen seine Bücher. Der große Intellektuelle wurde als moralische Instanz gefeiert.
Es war ein würdiges Begräbnis.
Die Professoren von Peking erhielten kein solches Begräbnis. Viele von ihnen verschwanden namenlos. Manche wurden in Massengräbern verscharrt. Andere starben in Gefängnissen oder Arbeitslagern. Wieder andere wurden von ihren eigenen Schülern erschlagen, deren revolutionärer Eifer ihnen zuvor als Tugend beigebracht worden war.
Zwischen diesen beiden Schicksalen liegt die eigentliche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Auf der einen Seite die Opfer, die den Preis ideologischer Experimente zahlten. Auf der anderen Seite die Intellektuellen, die diese Experimente rechtfertigten und anschließend unbehelligt zur nächsten Mode weiterzogen.
Der Knüppelträger verschwand irgendwann in der Geschichte. Der Philosoph blieb in den Bibliotheken.
Vielleicht besteht die größte Ungerechtigkeit moderner Ideologien nicht darin, dass sie Menschen töten. Geschichte kennt viele Mörder. Ihre eigentliche Besonderheit liegt darin, dass sie ihren Apologeten erlauben, gleichzeitig Täter und Moralisten zu sein. Der Mann mit dem Knüppel wird als Verbrecher erkannt. Der Mann mit dem Essayband gilt weiterhin als Humanist.
Und so bleibt von Sartres Begeisterung für Mao nicht bloß ein Irrtum, sondern eine Warnung. Die Warnung, dass Intelligenz keine Immunität gegen Torheit verleiht. Dass Bildung nicht vor Fanatismus schützt. Und dass der Weg zur politischen Katastrophe oft nicht von Dummköpfen gepflastert wird, sondern von hochgebildeten Menschen, die irgendwann beschlossen haben, die Wirklichkeit ihrer Theorie anzupassen.
Die Professoren von Peking hatten gegen ihre Mörder keine Chance. Gegen ihre Bewunderer in Paris hatten sie noch weniger.