Die große Verwechslung

Es gehört zu den bemerkenswertesten kulturellen Leistungen der Gegenwart, dass ein Begriff, der einst eine politische Richtung bezeichnete, heute als universeller Sammelbehälter für alles dient, was missfällt. „Rechts“ ist längst keine Beschreibung mehr. Es ist ein Reflex. Ein Geräusch. Eine Art politischer Feueralarm, der ausgelöst wird, sobald jemand eine unbequeme Frage stellt, einen unerwünschten Gedanken äußert oder es wagt, an einem Dogma zu rütteln, das sich gerade als alternativlos ausgibt. Wo früher politische Kategorien zur Orientierung dienten, dienen sie heute zunehmend zur Ausgrenzung. Die intellektuelle Landkarte wurde nicht erweitert, sondern eingeebnet. Zwischen konservativ und nationalistisch, zwischen liberal und autoritär, zwischen Skepsis und Radikalismus verlaufen keine Grenzen mehr. Es gibt nur noch eine riesige, graue Fläche namens „rechts“, auf der alles abgeladen wird, was dem Zeitgeist nicht vollständig entspricht. Wer sich über Migrationspolitik Sorgen macht, ist rechts. Wer die Europäische Union kritisiert, ist rechts. Wer an traditionellen Familienmodellen festhält, ist rechts. Wer die Energiewende hinterfragt, ist rechts. Wer die Inflation erwähnt, die Kriminalitätsstatistik liest oder die Frage stellt, ob jede gesellschaftliche Entwicklung tatsächlich ein Fortschritt ist, wird ebenfalls verdächtig. In dieser bemerkenswerten Logik wird irgendwann sogar das Wetter rechts sein, sofern es den falschen Demonstrationszug verregnet.

Die Inflation des Verdachts

Politische Begriffe unterliegen normalerweise einer gewissen Abnutzung. Doch selten wurde ein Begriff so hemmungslos überdehnt wie das Wort „rechts“. Seine Verwendung erinnert an eine Währung in einem kollabierenden Staat. Anfangs besitzt sie noch einen gewissen Wert. Dann wird immer mehr davon gedruckt. Schließlich kostet ein Brot eine Million und niemand weiß mehr, was eine Million eigentlich bedeutet. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorwurf, rechts zu sein. Wird jeder konservative Bürger, jeder wirtschaftsliberale Kommentator, jeder skeptische Wissenschaftler, jeder unbequeme Journalist und jeder missliebige Nachbar gleichermaßen als rechts etikettiert, verliert der Begriff seinen Sinn. Wer jeden Gegner zum Extremisten erklärt, schafft keine Klarheit. Er erzeugt semantischen Nebel. Das politische Gespräch verwandelt sich in eine Art sprachliches Lasertag-Spiel, bei dem nicht mehr Argumente zählen, sondern Trefferanzeigen.

Dabei liegt die eigentliche Ironie darin, dass jene Menschen, die unaufhörlich vor Extremismus warnen, oft selbst dazu beitragen, die Unterscheidungsfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft zu zerstören. Denn Demokratie lebt nicht von Zustimmung, sondern von Differenzierung. Sie lebt davon, Unterschiede erkennen zu können. Wer jedoch jede konservative Position in die Nähe des Extremismus rückt, verwischt genau jene Grenzen, die eigentlich geschützt werden sollen. Am Ende steht ein paradoxes Ergebnis: Die echten Extremisten profitieren von der allgemeinen Begriffsverwirrung, weil niemand mehr erkennt, wo die Grenze tatsächlich verläuft. Wenn ein gemäßigter Konservativer und ein radikaler Revolutionär gleichermaßen als Gefahr gelten, verliert die Warnung vor der wirklichen Gefahr ihre Glaubwürdigkeit.

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Der Traum von der moralischen Einheitsgesellschaft

Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich ein bemerkenswerter Wunschtraum: die Vorstellung einer Gesellschaft, in der politische Konflikte verschwinden, weil eine Seite bereits im Besitz der endgültigen Wahrheit ist. In einer solchen Welt gibt es keine legitimen Meinungsverschiedenheiten mehr. Es gibt lediglich Fortschrittliche und Zurückgebliebene, Erleuchtete und Verirrte, Gute und Verdächtige. Politik wird zur Moralveranstaltung. Wer zustimmt, gilt als anständig. Wer widerspricht, muss charakterlich fragwürdig sein.

Der große Vorteil dieses Modells liegt auf der Hand. Es erspart mühsame Debatten. Warum sich mit Argumenten auseinandersetzen, wenn eine Etikette genügt? Warum komplexe Probleme diskutieren, wenn ein moralischer Bannspruch schneller wirkt? Der politische Gegner wird nicht widerlegt, sondern diagnostiziert. Seine Positionen müssen nicht mehr analysiert werden. Es reicht, sie in die richtige Schublade zu legen. Dort liegen sie dann ordentlich sortiert neben anderen gefährlichen Gegenständen wie unbequemen Statistiken, unerwünschten Forschungsergebnissen und historischen Erinnerungen, die gerade nicht in das aktuelle Narrativ passen.

George Orwell beschrieb einst die politische Sprache als Instrument zur Verteidigung des Unhaltbaren. Die Gegenwart hat diesen Gedanken um eine moderne Variante ergänzt: Sprache dient zunehmend dazu, Diskussionen zu beenden, bevor sie überhaupt beginnen können. Das Etikett ersetzt das Argument. Die Gesinnungsprüfung ersetzt die Analyse.

Die seltsame Karriere des demokratischen Widerspruchs

Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass verschiedene Interessen, Werte und Weltanschauungen miteinander konkurrieren dürfen. Sie lebt von Reibung. Von Streit. Von Konflikten. Nicht trotz dieser Dinge, sondern wegen ihnen. Doch in vielen öffentlichen Debatten entsteht der Eindruck, als sei Dissens selbst bereits ein Problem. Wer widerspricht, stört. Wer Zweifel äußert, verzögert. Wer Kritik formuliert, gefährdet angeblich den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Diese Haltung führt zu einer bemerkenswerten Verkehrung der Verhältnisse. Ausgerechnet die Menschen, die auf offene Diskussionen pochen, werden häufig als Gefahr für die Offenheit dargestellt. Währenddessen präsentieren sich diejenigen als Verteidiger der Demokratie, die ganze Themenbereiche möglichst rasch aus dem demokratischen Streit entfernen möchten. Die Debatte über Migration soll beendet sein. Die Debatte über Identität soll beendet sein. Die Debatte über Energiepolitik soll beendet sein. Die Debatte über europäische Integration soll beendet sein. Demokratie wird gelobt, solange sie zum gewünschten Ergebnis führt. Zeigt sie unerwartete Resultate, beginnt plötzlich die Suche nach pädagogischen Maßnahmen zur Korrektur des Wählerverhaltens.

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Es ist die alte Versuchung aller politischen Lager: die Liebe zur Demokratie, solange die Demokratie gehorcht.

Die Arroganz der selbsternannten Mitte

Besonders interessant ist dabei die Rolle jener Akteure, die sich selbst als politische Mitte bezeichnen. Die Mitte war einst ein Ort zwischen unterschiedlichen Positionen. Heute erscheint sie gelegentlich eher als exklusiver Club mit strengen Zutrittsregeln. Wer die falsche Meinung äußert, wird hinauskomplimentiert und findet sich unvermittelt am Rand des politischen Spektrums wieder.

Das Spektrum selbst wird dabei ständig neu vermessen. Nicht die Mitte bewegt sich, sondern die Teilnehmer. Wer gestern noch als gemäßigter Bürger galt, kann heute bereits als verdächtiger Grenzgänger erscheinen. Die Koordinaten verschieben sich schneller als die Wettervorhersage. Der eigentliche Trick besteht darin, dass die Definition dessen, was als normal gilt, fortlaufend verändert wird. Wer nicht Schritt hält, wird automatisch zum Außenseiter erklärt.

Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für solche Prozesse. Fast immer waren die Beteiligten überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Fast nie bemerkten sie, wie sehr sie selbst zur Verengung des Meinungskorridors beitrugen. Die Überzeugung, moralisch überlegen zu sein, ist ein ausgesprochen wirksames Betäubungsmittel gegen Selbstkritik.

Warum die Demokratie mehr Mut braucht

Eine Demokratie muss nicht jede Meinung gutheißen. Sie muss nicht jede Position übernehmen. Sie muss auch nicht jeden Unsinn feiern, der geäußert wird. Aber sie muss in der Lage sein, zwischen Unsinn und Ketzerei, zwischen Irrtum und Extremismus, zwischen Opposition und Feindschaft zu unterscheiden. Genau diese Fähigkeit droht verloren zu gehen, wenn politische Etiketten wahllos verteilt werden.

Der eigentliche Schutz der Demokratie besteht nicht darin, möglichst viele Menschen aus dem Diskurs auszuschließen. Er besteht darin, möglichst viele Menschen im Diskurs zu halten. Eine Gesellschaft, die jede unbequeme Stimme stigmatisiert, produziert keine Einigkeit. Sie produziert Verbitterung. Sie schafft keine Stabilität. Sie erzeugt Misstrauen. Vor allem aber zerstört sie jene Gesprächskultur, von der demokratische Systeme abhängig sind.

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Die Geschichte zeigt mit erstaunlicher Regelmäßigkeit, dass Gesellschaften selten an zu viel Debatte zugrunde gehen. Gefährlicher wird es meist dort, wo Debatten durch moralische Verdammungsurteile ersetzt werden. Denn sobald die Frage nicht mehr lautet, ob ein Argument richtig oder falsch ist, sondern ob der Sprecher überhaupt sprechen darf, hat sich der Schwerpunkt der Demokratie verschoben. Dann wird nicht mehr um Ideen gerungen, sondern um Legitimität.

Das Ende der Diskussion ist nie der Anfang der Freiheit

Wer jede unbequeme Meinung in die rechte Ecke stellt, verteidigt nicht die Demokratie. Er beschädigt ihre wichtigste Infrastruktur: die freie Debatte. Die Demokratie ist kein Gewächshaus für empfindliche Gewissheiten, sondern ein Marktplatz konkurrierender Überzeugungen. Sie lebt davon, dass Positionen aufeinanderprallen, dass Argumente geprüft werden und dass Irrtümer sichtbar werden können. Wer diesen Prozess durch Etiketten ersetzt, verwandelt Politik in ein Ritual der Ausgrenzung.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wer rechts ist. Die entscheidende Frage lautet, warum eine freie Gesellschaft zunehmend Schwierigkeiten hat, zwischen legitimer Opposition und tatsächlichem Extremismus zu unterscheiden. Solange jede Abweichung vom herrschenden Konsens als Verdachtsmoment gilt, wird die politische Sprache immer schriller, die Debatte immer ärmer und das gegenseitige Verständnis immer geringer werden.

Am Ende bleibt eine bittere Pointe: Ausgerechnet jene Menschen, die vor der Gefährdung der Demokratie warnen, könnten unbeabsichtigt zu ihren eifrigsten Saboteuren werden. Nicht weil sie zu wenig Demokratie wollen, sondern weil sie nur noch eine Demokratie akzeptieren, in der die falschen Meinungen möglichst selten vorkommen. Doch eine Demokratie ohne falsche Meinungen ist ungefähr so realistisch wie ein Ozean ohne Wasser, ein Parlament ohne Streit oder ein Wahlkampf ohne Versprechen, die später niemand gewesen sein will.