Die Generäle des guten Gewissens

Es gibt Epochen, in denen Staaten von Strategen geführt werden. Und es gibt Epochen, in denen Strategien durch Moralpredigten ersetzt werden, geopolitische Interessen durch Haltungsnoten und militärische Analyse durch jene Form von Erregungsmanagement, die in politischen Talkshows als „Verantwortung“ bezeichnet wird. Die westliche Debatte über den Ukrainekrieg gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Selten zuvor wurde so viel über Waffen gesprochen und gleichzeitig so wenig über Krieg nachgedacht. Selten wurde eine Eskalation mit solcher Begeisterung begleitet von Menschen, deren militärische Erfahrung sich auf Computerspiele, Universitätsseminare und die regelmäßige Betrachtung von Lagekarten im Fernsehen beschränkte.

In dieser Atmosphäre wirkte die Stimme des ehemaligen Brigadegenerals Erich Vad wie das unerwartete Geräusch eines Feueralarms während einer Festveranstaltung. Während Politiker, Kommentatoren und professionelle Empörungsunternehmer sich gegenseitig in martialischer Entschlossenheit überboten, erlaubte sich ein Mann mit jahrzehntelanger militärischer Erfahrung die unerhörte Bemerkung, Krieg sei eine ernste Angelegenheit. Allein diese Feststellung hatte bereits den Charakter einer Provokation. Wer darauf hinwies, dass zwischen der Lieferung immer schwererer Waffen und einer unkontrollierbaren Eskalation möglicherweise ein Zusammenhang bestehen könnte, wurde behandelt wie ein Besucher, der während einer enthusiastischen Weinverkostung auf die Existenz von Alkoholismus aufmerksam macht.

Die Republik der geopolitischen Amateurdarsteller

Besonders bemerkenswert war dabei die Entstehung einer neuen politischen Figur: des geopolitischen Amateurhelden. Dieser Typus besitzt weder militärische Ausbildung noch diplomatische Erfahrung, dafür aber eine unerschütterliche Gewissheit. Er weiß stets, welche Waffen noch geliefert werden müssen, welche roten Linien überschritten werden dürfen und welche Risiken in Wahrheit gar keine Risiken sind. Seine strategische Analyse besteht häufig aus dem Satz: „Man darf sich nicht einschüchtern lassen.“ Dass dieselbe Formulierung auch kurz vor historischen Katastrophen regelmäßig Verwendung fand, wird großzügig übersehen.

Die moderne Politik hat ohnehin eine eigentümliche Beziehung zur Expertise entwickelt. Virologen wurden während der Pandemie zu Hohepriestern der öffentlichen Vernunft erhoben. Beim Thema Krieg hingegen schien plötzlich das Gegenteil zu gelten. Je weniger militärische Erfahrung vorhanden war, desto größer wirkte oft das Selbstvertrauen. Ehemalige Generäle, Geheimdienstler oder Diplomaten wurden nicht etwa deshalb angehört, weil sie jahrzehntelang in den entsprechenden Bereichen tätig gewesen waren. Vielmehr entstand gelegentlich der Eindruck, ihre Erfahrung sei ein Makel. Wer die Realität des Krieges kennt, neigt nämlich dazu, weniger begeistert von ihm zu sein als jene, die ihn nur aus Leitartikeln kennen.

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So entstand eine bemerkenswerte Umkehrung aller Vernunftprinzipien. Der erfahrene Offizier wurde zum Verdächtigen, der leidenschaftliche Twitter-Kommentator zum Strategen. Die politische Debatte verwandelte sich in eine Art moralisches Castingformat, bei dem nicht die Qualität der Argumente entschied, sondern die Lautstärke der Empörung. Wer Verhandlungen forderte, galt als naiv. Wer weitere Eskalationsschritte verlangte, wurde als Realist gefeiert. Es war eine Zeit, in der Begriffe ihre Bedeutung wechselten wie Aktienkurse während einer Spekulationsblase.

Die Religion der Eskalation

Jede Epoche entwickelt ihre eigenen Glaubenssätze. Im Mittelalter diskutierte man über Engel auf Nadelspitzen. In der Gegenwart diskutiert man über Raketenreichweiten. Die Struktur ähnelt sich verblüffend. Zweifel gelten als Ketzerei. Vorsicht erscheint als Schwäche. Skepsis wird zum moralischen Verbrechen.

Der bemerkenswerteste Glaubenssatz dieser neuen Religion lautet, jede Waffenlieferung sei zugleich ein Schritt zum Frieden. Je größer die Zerstörungskraft der gelieferten Systeme, desto näher scheine angeblich die friedliche Lösung zu rücken. Diese Logik besitzt die innere Eleganz eines Brandbekämpfers, der zusätzliche Benzinkanister bestellt, um das Feuer schneller zu löschen.

Vad gehörte zu jenen wenigen Stimmen, die darauf hinwiesen, dass militärische Mittel stets politischen Zielen untergeordnet sein müssten. Genau an diesem Punkt wurde die Debatte unerquicklich. Denn die Frage nach dem politischen Endzustand stellte plötzlich unangenehme Probleme. Sollte Russland vollständig besiegt werden? Sollte die Ukraine alle Gebiete zurückerobern? Sollte ein Regimewechsel in Moskau stattfinden? Sollte ein Waffenstillstand erreicht werden? Sollte ein Kompromiss gesucht werden? Je genauer gefragt wurde, desto deutlicher zeigte sich, dass viele der lautesten Befürworter militärischer Maßnahmen erstaunlich unpräzise Vorstellungen über das eigentliche Ziel besaßen.

Der Krieg als Fernsehserie

Hinzu kam eine mediale Dynamik, die Krieg zunehmend wie eine Fortsetzungsserie behandelte. Jede Woche neue Wendungen. Neue Waffen. Neue Helden. Neue Schlagzeilen. Die Komplexität internationaler Machtpolitik wurde auf Episodenlänge komprimiert. Zuschauer konnten mitfiebern, kommentieren und moralische Urteile fällen, ohne jemals mit den tatsächlichen Konsequenzen ihrer Forderungen konfrontiert zu werden.

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Das Fernsehen besitzt bekanntlich eine besondere Fähigkeit: Es verwandelt Entfernungen in Illusionen. Tausend Kilometer erscheinen wie wenige Meter. Explosionen wirken spektakulär. Karten vermitteln Kontrolle. Der Eindruck entsteht, als sei Krieg ein abstraktes Schachspiel, bei dem lediglich Figuren verschoben werden. Tatsächlich handelt es sich um eine Maschine zur Produktion von Leid, Verstümmelung, Vertreibung und Tod. Diese banale Wahrheit verschwindet jedoch leicht hinter den Kulissen des permanenten Nachrichtenbetriebs.

Gerade deshalb wirkte die Mahnung zur Diplomatie so irritierend. Diplomatie ist langweilig. Sie produziert keine dramatischen Bilder. Keine heldenhaften Schlagzeilen. Keine moralischen Höhenflüge. Diplomatie bedeutet Geduld, Kompromiss, Ambivalenz und die Bereitschaft, mit Gegnern zu sprechen. Für viele moderne Debattenkulturen ist das ungefähr so attraktiv wie eine Steuererklärung.

Die Kunst, den Dritten Weltkrieg auszuschließen

Besonders faszinierend war die Sicherheit, mit der zahlreiche Kommentatoren Risiken ausschlossen. Ein Dritter Weltkrieg? Unmöglich. Eine direkte Konfrontation zwischen Atommächten? Ausgeschlossen. Eine unbeabsichtigte Eskalation? Nicht denkbar.

Die Geschichte allerdings besitzt eine geradezu boshafte Vorliebe dafür, Menschen zu widerlegen, die das Wort „ausgeschlossen“ verwenden. Der Erste Weltkrieg begann bekanntlich nicht deshalb, weil alle Beteiligten ihn wollten. Er begann, weil zahlreiche Akteure glaubten, die Lage kontrollieren zu können. Die Geschichte Europas gleicht einem Friedhof übersteigerter Zuversicht.

Vad erinnerte an diese unangenehme Tatsache. Nicht weil er den Untergang prophezeite, sondern weil strategisches Denken stets die schlimmsten Möglichkeiten berücksichtigen muss. Wer ein Kernkraftwerk betreibt, plant nicht nur für sonnige Tage. Wer Kriegspolitik betreibt, sollte ähnlich verfahren. Die Tatsache, dass ein Risiko klein erscheint, bedeutet nicht, dass es ignoriert werden darf. Gerade bei atomaren Großmächten genügt bereits eine geringe Wahrscheinlichkeit, um höchste Vorsicht zu rechtfertigen.

Die letzte Tugend der Nüchternheit

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Provokation von Erich Vad. Nicht in einzelnen Aussagen, nicht in konkreten Forderungen, sondern in einer Haltung. Es handelt sich um die Haltung der strategischen Nüchternheit. Sie fragt nicht zuerst nach moralischer Befriedigung, sondern nach Folgen. Nicht nach Symbolen, sondern nach Ergebnissen. Nicht danach, wie entschlossen eine Maßnahme wirkt, sondern wohin sie führt.

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Eine solche Haltung ist in Zeiten politischer Erregung selten populär. Die Öffentlichkeit bevorzugt Helden und Schurken, einfache Antworten und eindeutige Gewissheiten. Strategisches Denken hingegen lebt von Unsicherheit, Wahrscheinlichkeiten und unbequemen Fragen. Es erinnert daran, dass internationale Politik kein Abenteuerroman ist und dass Kriege sich nur selten an moralische Drehbücher halten.

So bleibt das paradoxe Bild einer Epoche, in der ausgerechnet diejenigen als naiv galten, die vor den Gefahren der Eskalation warnten, während jene als Realisten gefeiert wurden, die Risiken systematisch unterschätzten. Vielleicht wird die Geschichtsschreibung eines Tages mit milder Ironie auf diese Jahre zurückblicken. Sie wird feststellen, dass ganze Heerscharen politischer Kommentatoren voller Begeisterung mit Streichhölzern hantierten und jeden Skeptiker für einen Defätisten hielten. Und sie wird womöglich die Frage stellen, die jede Generation ihren Vorgängern stellt: Wie konnte eine Gesellschaft so überzeugt von ihrer Vernunft sein und gleichzeitig so wenig Interesse an den Grenzen ihrer eigenen Gewissheiten zeigen?