Die große europäische Waschmaschine

Es gibt Epochen, die später in Schulbüchern als Zeitalter der Vernunft erscheinen, obwohl sie von den Zeitgenossen eher als ein kollektiver Anfall institutionalisierter Verwirrung erlebt wurden. Man wird vermutlich einst auf die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts zurückblicken wie auf jene Jahre, in denen ganze Gesellschaften lernten, gleichzeitig an widersprüchliche Dinge zu glauben, ohne dabei auch nur die geringste kognitive Verrenkung zu verspüren. Das Kunststück bestand darin, wirtschaftliche Selbstschädigung als moralischen Triumph zu feiern, strategische Abhängigkeiten als Souveränitätsgewinn zu verkaufen und jede Frage nach Kosten sofort als Beweis mangelnder Gesinnung zu interpretieren. Wer nachrechnete, galt als verdächtig. Wer applaudierte, als verantwortungsbewusst. Und während sich die öffentliche Debatte zunehmend in ein moralisches Puppentheater verwandelte, in dem die Rollen von Gut und Böse bereits vor Beginn des Stückes verteilt waren, standen Millionen Bürger vor ihren Stromrechnungen und fragten sich, weshalb geopolitische Tugend plötzlich so erstaunlich teuer geworden war.

Die moderne Politik besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie verwandelt jede komplexe Entwicklung in eine einfache Geschichte. Geschichten sind schließlich leichter zu verkaufen als Zusammenhänge. Also entstanden Erzählungen von Helden und Schurken, von historischen Missionen und unvermeidlichen Opfern. Die Realität dagegen blieb unerquicklich kompliziert. Russische Rohstoffe verschwanden nicht aus der Weltwirtschaft. Sie begannen lediglich eine längere Reise. Was früher direkt floss, wurde nun umetikettiert, umgeleitet, umgeladen und mit ausreichend bürokratischem Weihwasser besprengt, damit aus derselben Ware plötzlich eine moralisch akzeptable Ware wurde. Der Planet erlebte gewissermaßen die Geburt einer neuen Logistikreligion. Das Öl legte weitere Seemeilen zurück, das Gas nahm Umwege von biblischem Ausmaß, die Kosten stiegen, und irgendwo entlang dieser Route verdienten Vermittler, Händler, Reeder, Broker und Zwischenstationen prächtig. Die Ware blieb dieselbe. Lediglich die Rechnung wurde länger.

Die Kirche der heiligen Sanktion

Jede Zeit hat ihre Dogmen. Frühere Jahrhunderte diskutierten über die Anzahl der Engel auf einer Nadelspitze. Das moderne Europa debattiert über Sanktionen mit einer vergleichbaren Mischung aus Ernsthaftigkeit und metaphysischer Hoffnung. Die Grundannahme lautet, dass wirtschaftliche Schmerzen stets die anderen treffen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass die Schmerzen auch die eigene Bevölkerung erreichen, dann handelt es sich selbstverständlich um notwendige Schmerzen, edle Schmerzen, demokratische Schmerzen, wertebasierte Schmerzen. Schmerzen mit Haltung gewissermaßen.

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Die bemerkenswerteste Leistung bestand darin, die Frage nach Nutzen und Wirksamkeit nahezu vollständig durch die Frage nach moralischer Reinheit zu ersetzen. Ob eine Maßnahme funktionierte, erschien zunehmend zweitrangig. Wichtig war, dass sie gut aussah. In einer Welt der politischen Selbstdarstellung wurde Symbolpolitik zur Königswissenschaft. Das politische Establishment entwickelte eine Vorliebe für Pressekonferenzen, die aussahen wie die Siegesmeldungen einer Armee, deren Kartenmaterial allerdings von der Realität getrennt worden war. Jede neue Sanktion wurde präsentiert wie die entscheidende Wendung der Geschichte. Wenige Monate später folgte die nächste entscheidende Wendung der Geschichte. Dann noch eine. Und noch eine. Irgendwann erinnerte das Ganze an einen Fortsetzungsroman, dessen Autor das Ende vergessen hatte.

Die Republik der Zwischenhändler

Währenddessen entstand eine jener Situationen, die Satiriker lieben und Volkswirte mit Kopfschmerzen zurücklassen. Dieselben Rohstoffe, die man offiziell nicht mehr wollte, erschienen plötzlich in neuer Verpackung und zu neuen Preisen. Das erinnerte an die klassische Szene eines Jahrmarkts, auf dem ein Besucher empört erklärt, niemals mit dem Mann am linken Stand Geschäfte zu machen, um anschließend begeistert dieselbe Ware beim Mann am rechten Stand zu kaufen, der lediglich einen anderen Hut trägt.

Die Gewinner solcher Konstellationen sind selten die großen Ideale, sondern meist die unscheinbaren Figuren der zweiten Reihe. Händler, Vermittler, Finanzdienstleister, Transportunternehmen und alle jene diskreten Profiteure, die niemals die Titelseiten schmücken und dennoch erstaunlich häufig die besten Jahresbilanzen vorweisen können. Wenn politische Entscheidungen riesige Umwege erzeugen, entstehen entlang dieser Umwege Mautstellen. Und an jeder Mautstelle sitzt jemand, der freundlich kassiert.

Der gewöhnliche Bürger hingegen darf die Rolle des edlen Statisten übernehmen. Er finanziert die Aufführung, applaudiert bei Bedarf und wird gelegentlich daran erinnert, dass Freiheit ihren Preis habe. Selten wird ergänzt, dass bestimmte Unternehmen diesen Preis als Einnahme verbuchen.

Die hohe Kunst des geopolitischen Selbstgesprächs

Besonders faszinierend ist die europäische Neigung, jede geopolitische Entwicklung zugleich als Beweis eigener Stärke und eigener Ohnmacht zu interpretieren. Wenn etwas gelingt, ist es das Ergebnis strategischer Weitsicht. Wenn etwas misslingt, war man Opfer äußerer Kräfte. Auf diese Weise entsteht ein intellektuelles Perpetuum mobile, in dem Verantwortung niemals verloren geht, weil sie nie wirklich angekommen ist.

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In diesem Theater treten regelmäßig bekannte Figuren auf. Kommissionspräsidenten, Außenbeauftragte, Ministerpräsidenten, Präsidenten, Kanzler und ihre jeweiligen Kritiker. Die Namen wechseln, die Inszenierung bleibt. Jede Generation politischer Eliten entdeckt erneut die Überzeugung, Geschichte könne durch Pressemitteilungen gesteuert werden. Die Geschichte selbst zeigt sich davon meist unbeeindruckt. Sie bewegt sich weiter wie ein alter Güterzug, während die Kommentatoren am Bahnsteig darüber streiten, wer eigentlich die Lokomotive fährt.

Die Tragödie hinter der Farce

Die eigentliche Tragik verschwindet dabei oft hinter dem Lärm der politischen Rituale. Denn Kriege werden nicht von Kommentatoren geführt und nicht von Talkshowgästen erlitten. Hinter jeder strategischen Debatte stehen zerstörte Städte, Tote, Verwundete, Flüchtlinge und Familien, deren Schicksal sich nicht in geopolitische Diagramme einzeichnen lässt. Gerade deshalb wirkt die routinierte Moralisierung vieler Debatten so befremdlich. Wo Menschen sterben, müsste Demut beginnen. Stattdessen beginnt häufig die Produktion neuer Schlagzeilen.

Und genau hier schlägt die Farce in etwas Dunkleres um. Nicht weil bestimmte Akteure zwangsläufig böse wären, sondern weil Institutionen eine erstaunliche Fähigkeit besitzen, ihre eigene Logik wichtiger zu nehmen als die Wirklichkeit. Der Krieg wird zum Narrativ. Das Narrativ wird zur Identität. Die Identität wird zur politischen Investition. Und irgendwann entsteht eine Situation, in der niemand mehr offen über Auswege sprechen möchte, weil zu viele Karrieren auf der Fortsetzung des bisherigen Kurses beruhen.

Das Zeitalter der teuren Illusionen

Vielleicht wird man eines Tages feststellen, dass die eigentliche Ressource Europas weder Gas noch Öl noch seltene Erden waren, sondern die Fähigkeit zur nüchternen Selbstkritik. Eine Fähigkeit, die in den letzten Jahren zeitweise so knapp erschien wie bezahlbare Energie. Die Geschichte moderner Demokratien zeigt nämlich, dass Irrtümer nicht deshalb gefährlich werden, weil sie auftreten, sondern weil sie zu moralischen Verpflichtungen erklärt werden. Ein Fehler kann korrigiert werden. Ein Dogma muss verteidigt werden.

So bleibt das Bild einer politischen Landschaft, in der enorme Summen bewegt, gewaltige Opfer verlangt und historische Reden gehalten werden, während der Bürger am Ende lediglich feststellt, dass die Rechnung höher, die Probleme komplexer und die Antworten simpler geworden sind. Die große europäische Debatte erinnert deshalb manchmal an einen Mann, der verzweifelt versucht, einen Brand zu löschen, indem er immer neue Kanister in das Feuer gießt und sich anschließend über die zunehmende Hitze wundert.

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Vielleicht ist dies die eigentliche Satire unserer Zeit: Nicht dass Menschen Fehler machen. Das war schon immer so. Sondern dass ganze Gesellschaften lernen, Fehler als Erfolge zu feiern, solange sie nur ausreichend feierlich angekündigt werden. Die Geschichte hat für solche Momente einen trockenen Humor. Sie wartet geduldig, bis die Rechnungen eintreffen.