Das akademische Labor und seine Monster

Jede Epoche bringt ihre eigenen Heilslehren hervor. Manche erscheinen in Uniform, andere mit religiösem Pathos, wieder andere treten in Gestalt von ökonomischen Utopien auf. Die moderne westliche Welt hat eine bemerkenswerte Innovation hervorgebracht: die ideologische Bewegung, die gleichzeitig behauptet, gegen Machtstrukturen zu kämpfen, während sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit selbst zur Machtstruktur wird. Was einst als Randphänomen kleiner akademischer Zirkel begann, hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte von den Seminarräumen der Universitäten bis in Ministerien, Medienhäuser, Schulen, Kulturinstitutionen und Konzernzentralen ausgebreitet. Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung im Vereinigten Königreich beobachten, wo Theorien aus den Bereichen Critical Race Theory, Postkolonialismus, Gender Studies und verwandten Denkschulen längst nicht mehr nur Gegenstand wissenschaftlicher Debatten sind, sondern vielerorts den Charakter gesellschaftlicher Glaubenssätze angenommen haben.

Die Geschichte beginnt unscheinbar. Einige wenige Professoren entwickeln theoretische Modelle, die ursprünglich als Analyseinstrumente gedacht waren. Das ist weder ungewöhnlich noch verwerflich. Universitäten leben von neuen Ideen. Problematisch wird es erst dann, wenn aus Analyse Moral wird, aus Moral Dogma und aus Dogma eine umfassende Weltanschauung. In diesem Stadium verwandelt sich Wissenschaft in etwas, das ihren ursprünglichen Geist verrät. Die Frage „Ist es wahr?“ wird ersetzt durch die Frage „Ist es nützlich für die richtige Sache?“. Zweifel werden nicht mehr als Voraussetzung des Denkens betrachtet, sondern als Verdachtsmoment. Wer Fragen stellt, steht plötzlich nicht mehr im Verdacht, sich zu irren, sondern im Verdacht, böse Absichten zu verfolgen.

Die neue Priesterkaste

Der britische Journalist und Autor Douglas Murray beschrieb diesen Prozess einmal als die Entstehung einer säkularen Ersatzreligion. Die Parallelen sind tatsächlich verblüffend. Es gibt eine Erbsünde, die nicht mehr Adam und Eva betrifft, sondern historische Privilegien. Es gibt Ketzer, die ausgeschlossen werden. Es gibt Rituale der öffentlichen Selbstkritik. Es gibt eine ständig wachsende Liste sprachlicher Tabus. Und es gibt Erlösungsversprechen, die immer in der Zukunft liegen und niemals erreicht werden.

Besonders faszinierend ist dabei die bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit dieser Ideologien. Jede Kritik dient ihnen als Bestätigung. Zustimmung beweist ihre Richtigkeit. Ablehnung beweist ihre Notwendigkeit. Widerspruch zeigt lediglich, wie tief die angeblich unsichtbaren Machtstrukturen bereits wirken. Ein solches Denksystem ist nahezu unangreifbar, weil es sich gegen jede Falsifikation immunisiert. Der Philosoph Karl Popper hätte vermutlich mit erheblicher Besorgnis zugesehen. Seine Warnung vor geschlossenen ideologischen Systemen wirkt heute erstaunlich aktuell.

TIP:  Die nachträgliche Heldenerzählung

Dabei fällt auf, dass viele dieser Theorien mit einer geradezu industriellen Effizienz Konflikte produzieren. Wo früher Menschen als Individuen betrachtet wurden, erscheinen nun immer häufiger Gruppenidentitäten als entscheidende Kategorie. Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder historische Zugehörigkeiten werden zu zentralen Merkmalen gesellschaftlicher Einordnung. Ausgerechnet Bewegungen, die einst versprachen, Menschen nicht nach Herkunft oder Geschlecht zu beurteilen, neigen heute dazu, genau diese Kategorien wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Die alte Forderung nach Farblindheit wird ersetzt durch die ständige Betonung von Hautfarbe. Die Hoffnung auf Gleichbehandlung weicht der Obsession mit Gruppenmerkmalen.

Das Vereinigte Königreich als Versuchslabor

Im Vereinigten Königreich sind die Folgen dieser Entwicklung besonders sichtbar geworden. Universitäten entwickelten sich teilweise zu Räumen, in denen intellektuelle Vielfalt zwar feierlich beschworen, aber praktisch immer seltener toleriert wurde. Redner wurden ausgeladen. Debatten abgesagt. Lehrveranstaltungen standen unter Verdacht, wenn sie unbequeme Positionen zuließen. Der Begriff der „Safe Spaces“ entwickelte sich von einer nachvollziehbaren Schutzidee zu einer intellektuellen Komfortzone, in der die Begegnung mit abweichenden Meinungen zunehmend als Form von Gewalt interpretiert wurde.

Das Ergebnis ist paradox. Gesellschaften werden nicht harmonischer, sondern konfliktreicher. Misstrauen wächst. Gruppen betrachten einander zunehmend durch die Linse historischer Schuldzuweisungen. Die versprochene Befreiung führt nicht zur Überwindung von Spannungen, sondern zu ihrer dauerhaften Institutionalisierung. Es entsteht eine politische Ökonomie der Empörung, in der jeder neue Konflikt den Beweis liefert, dass noch mehr Ideologie benötigt wird.

Dabei erinnert manches an einen Arzt, der jede Nebenwirkung seines Medikaments als Beweis für eine zu geringe Dosierung interpretiert. Wird die Gesellschaft gespaltener, braucht es mehr Ideologie. Werden Debatten aggressiver, braucht es mehr Ideologie. Entstehen neue Ressentiments, braucht es noch mehr Ideologie. Die Möglichkeit, dass vielleicht das Medikament selbst einen Teil des Problems verursacht, wird selten in Betracht gezogen.

Warum totalitäre Ideen ihre eigenen Gegner erschaffen

Der vielleicht größte Irrtum dieser Strömungen liegt in ihrer Annahme, gesellschaftliche Veränderungen ließen sich dauerhaft durch moralischen Druck erzwingen. Geschichte spricht eine andere Sprache. Je kompromissloser eine Ideologie auftritt, desto stärker provoziert sie Gegenbewegungen. Jede Form von kulturellem Zwang erzeugt Widerstand. Jeder Versuch, legitime Diskussionen durch moralische Etiketten zu ersetzen, verstärkt den Wunsch vieler Menschen, genau diese Diskussionen zu führen.

TIP:  Zwei Worte

Der französische Schriftsteller Alexis de Tocqueville bemerkte bereits im 19. Jahrhundert, dass Demokratien nicht primär durch offene Tyrannei bedroht werden, sondern durch sozialen Konformitätsdruck. Genau dieser Druck wird heute vielerorts sichtbar. Wer von den vorgeschriebenen Sprachregeln abweicht, riskiert berufliche Nachteile, öffentliche Diffamierung oder soziale Ausgrenzung. Das Problem besteht dabei weniger in einzelnen Aktivisten als in der schleichenden Normalisierung dieser Mechanismen.

Doch hier zeigt sich zugleich die Schwäche totalitärer Ideen. Sie überschätzen ihre eigene Kraft. Menschen lassen sich einschüchtern, aber selten dauerhaft überzeugen. Sie können Formeln nachsprechen, ohne sie zu glauben. Sie können öffentliche Bekenntnisse ablegen und privat das Gegenteil denken. Je größer die Diskrepanz zwischen offizieller Doktrin und Alltagserfahrung wird, desto stärker wächst die Gegenreaktion.

Die Hoffnung auf das Ruder

Gerade deshalb besteht außerhalb des Vereinigten Königreichs vielerorts noch die Möglichkeit, den Kurs zu korrigieren. Nicht weil Gesellschaften immun wären, sondern weil die Entwicklung noch nicht denselben Grad institutioneller Verfestigung erreicht hat. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Wiederentdeckung eines alten Gedankens: dass offene Gesellschaften nicht auf Übereinstimmung beruhen, sondern auf Streit. Nicht auf moralischer Einstimmigkeit, sondern auf Meinungsfreiheit. Nicht auf ideologischer Reinheit, sondern auf der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.

Der eigentliche Test einer freien Gesellschaft besteht nicht darin, ob die richtigen Meinungen geäußert werden, sondern ob auch die falschen geäußert werden dürfen. Wer glaubt, eine bessere Welt entstehe durch die Eliminierung unerwünschter Ansichten, verwechselt Demokratie mit Pädagogik und Freiheit mit Beaufsichtigung.

Die große Ironie unserer Zeit besteht darin, dass manche Bewegungen, die sich selbst als besonders fortschrittlich betrachten, ausgerechnet jene Methoden übernehmen, die frühere Generationen autoritärer Systeme berüchtigt gemacht haben: Sprachkontrolle, Gesinnungsprüfung, soziale Ächtung und moralische Einschüchterung. Der Unterschied liegt oft weniger in der Technik als im Vokabular.

Vielleicht wird die Geschichte eines Tages auf diese Epoche zurückblicken und feststellen, dass ihre bemerkenswerteste Leistung nicht die Überwindung von Vorurteilen war, sondern die Erfindung immer neuer Kategorien, nach denen Menschen voneinander getrennt werden konnten. Und vielleicht wird man dann schmunzelnd feststellen, dass einige der lautesten Kämpfer gegen Diskriminierung erstaunlich viel Zeit damit verbrachten, Menschen nach Herkunft, Geschlecht und Gruppenzugehörigkeit einzuteilen.

TIP:  Der Traum von der grauen Division

Das wäre dann die letzte Pointe eines außergewöhnlichen historischen Schauspiels: Eine Bewegung, die antrat, Mauern einzureißen, begann mit dem Bau neuer Mauern. Nur wurden sie diesmal nicht aus Stein errichtet, sondern aus Begriffen, Theorien und moralischen Gewissheiten. Wie alle Mauern schützten sie ihre Erbauer zunächst vor der Außenwelt. Und wie die meisten Mauern entwickelten sie irgendwann die unangenehme Eigenschaft, auch diejenigen einzusperren, die sie errichtet hatten.