Die große Etikettenfabrik der Republik

Es gehört zu den eigentümlichsten Leistungen moderner Gesellschaften, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich selbst als aufgeklärt, wissenschaftlich und rational versteht, eine fast schon mittelalterliche Leidenschaft für Gespenster entwickelt hat. Kaum raschelt irgendwo ein konservativer Gedanke im Gebüsch, springt augenblicklich ein Chor politischer Geisterjäger hervor, schwenkt moralische Weihrauchfässer und verkündet mit der Entschlossenheit eines Dorfpfarrers des 17. Jahrhunderts, der gerade eine Hexe entdeckt zu haben glaubt: „Ein Nazi!“ Das Etikett klebt inzwischen schneller als ein Sonderangebot im Baumarkt. Wer mehr Grenzkontrollen fordert, ist verdächtig. Wer Migrationspolitik kritisiert, ohnehin. Wer über nationale Interessen spricht, bewegt sich bereits auf vermintem Gelände. Und wer schließlich auch noch das Wort „Patriotismus“ ausspricht, darf sich darauf einstellen, dass irgendwo bereits die Sirenen der historischen Alarmanlage aufheulen. Die eigentliche Tragikomödie besteht jedoch nicht darin, dass politische Begriffe emotional verwendet werden. Politik war niemals ein Seminar für nüchterne Begriffsgeschichte. Tragisch ist vielmehr, dass gerade diejenigen, die sich ständig auf Wissenschaft, Differenzierung und Diskurs berufen, häufig selbst jede begriffliche Differenzierung über Bord werfen, sobald der politische Gegner rechts der eigenen Position steht. Dann verwandelt sich das politische Spektrum in eine erstaunlich kurze Strecke: links, Mitte, rechts – und direkt dahinter beginnt angeblich bereits das Dritte Reich.

Die erstaunliche Schrumpfung des politischen Koordinatensystems

Historisch betrachtet war das politische Rechts-Links-Schema nie als moralische Werteskala gedacht. Es entstand während der Französischen Revolution aus der Sitzordnung der Nationalversammlung. Rechts saßen die Verteidiger von Monarchie, Tradition und bestehenden Institutionen, links die Anhänger tiefgreifender Veränderungen. Niemand kam damals auf die Idee, aus einer Sitzordnung eine metaphysische Einteilung in Gut und Böse abzuleiten. Erst die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verliehen dem Begriff „rechts“ eine historische Last, die bis heute nachwirkt. Diese Geschichte verpflichtet selbstverständlich zur Wachsamkeit. Wachsamkeit ist jedoch etwas grundlegend anderes als intellektuelle Schlamperei. Wer jede konservative Position automatisch als Vorstufe des Nationalsozialismus behandelt, verhält sich ungefähr so präzise wie jemand, der jeden Sozialdemokraten als verkappten Stalinisten oder jeden Umweltaktivisten als potenziellen Maoisten bezeichnet. Die Absurdität würde sofort auffallen. Im rechten Spektrum dagegen scheint eine bemerkenswerte Bereitschaft zu bestehen, sämtliche Zwischentöne großzügig mit schwarzer Farbe zu übermalen.

Konservativ ist nicht gleich extrem

Die politikwissenschaftliche Forschung unterscheidet seit Jahrzehnten relativ klar zwischen konservativen, rechtspopulistischen, rechtsradikalen, rechtsextremen und nationalsozialistischen Positionen. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche politische Phänomene mit unterschiedlichen Einstellungen zur Demokratie, zum Rechtsstaat und zur Menschenwürde. Konservatismus im klassischen Sinn – von Edmund Burke bis zu vielen christdemokratischen Traditionen Europas – möchte gesellschaftliche Veränderungen langsam, evolutionär und innerhalb des demokratischen Systems gestalten. Familie, Eigentum, kulturelle Kontinuität, Rechtsstaatlichkeit und nationale Identität gelten dabei als schützenswerte Werte. Nichts davon widerspricht zwangsläufig der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Im Gegenteil: Zahlreiche konservative Parteien gehörten über Jahrzehnte zu ihren tragenden Säulen. Es wäre daher ungefähr so sinnvoll, Helmut Kohl oder Konrad Adenauer in eine ideologische Reihe mit Neonazis zu stellen, wie Karl Marx gemeinsam mit Kim Jong-un unter der Überschrift „linke Denker“ abzuhandeln. Die historische Wirklichkeit besitzt leider die unangenehme Eigenschaft, komplizierter zu sein als manche Schlagzeile.

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Wenn Populismus zur Universalerklärung wird

Rechtspopulismus wiederum bezeichnet weniger eine geschlossene Ideologie als eine politische Methode. Das Grundmuster lautet fast immer: hier das vermeintlich reine Volk, dort die angeblich korrupte Elite. Migration, Kriminalität, nationale Souveränität oder europäische Integration werden emotional zugespitzt, häufig mit einer deutlichen Skepsis gegenüber etablierten Institutionen. Politikwissenschaftlich wird dieses Phänomen seit Jahren intensiv untersucht. Entscheidend ist jedoch, dass Populismus nicht automatisch Extremismus bedeutet. Populistische Akteure können demokratische Institutionen akzeptieren und zugleich illiberale Positionen vertreten. Genau deshalb unterscheiden Wissenschaft und Verfassungsschutz hier sorgfältig. Diese Differenzierung verschwindet allerdings häufig im politischen Alltag. Dort genügt manchmal bereits eine zugespitzte Rede über Grenzschutz, damit aus einem Populisten binnen weniger Minuten ein Nationalsozialist wird – eine ideologische Metamorphose, gegen die selbst Franz Kafka literarisch machtlos erschiene.

Dort, wo die Grenze tatsächlich verläuft

Ab dem Bereich des sogenannten Rechtsaußen beginnen jene Grauzonen, in denen wissenschaftliche Diskussionen komplizierter werden. Hier finden sich autoritäre, stark nationalistische oder anti-pluralistische Positionen, die teilweise bereits von Sicherheitsbehörden beobachtet werden. Doch selbst dort wird noch differenziert. Ein Verdachtsfall ist keine gesicherte extremistische Organisation. Eine Beobachtung ersetzt kein Gerichtsurteil. Politische Radikalität ist nicht automatisch identisch mit Verfassungsfeindlichkeit. Erst beim Rechtsextremismus verändert sich die Lage grundlegend. Hier steht nicht mehr lediglich Kritik an einzelnen politischen Entscheidungen im Mittelpunkt, sondern die Ablehnung zentraler Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung selbst. Die Gleichwertigkeit aller Menschen wird infrage gestellt, ethnische Homogenität wird angestrebt, demokratische Institutionen erscheinen als Hindernis und autoritäre Herrschaft als Lösung. Nationalsozialismus bildet schließlich eine noch spezifischere Kategorie. Seine historische Ideologie umfasst Rassenwahn, biologischen Antisemitismus, Führerprinzip, Expansionismus, Sozialdarwinismus und den industrialisierten Vernichtungswillen gegenüber Millionen Menschen. Diese Begriffe beliebig auszutauschen, wäre ungefähr so präzise, als würde jede Form von Fieber automatisch als Ebola diagnostiziert.

Die Inflation der moralischen Höchststrafe

Gerade weil der Nationalsozialismus das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte darstellt, besitzt der Begriff „Nazi“ eine außerordentliche moralische Wucht. Er markiert den äußersten Rand politischer Verachtung. Umso erstaunlicher ist seine inflationäre Verwendung. Inzwischen scheint das Wort ähnlich eingesetzt zu werden wie früher das Ausrufezeichen: immer dann, wenn die Argumente knapp werden oder moralische Überlegenheit besonders eindrucksvoll demonstriert werden soll. Das hat einen paradoxen Effekt. Je häufiger jede konservative oder rechte Position mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird, desto stärker verliert der Begriff seine historische Präzision. Wenn alles Nazi ist, ist am Ende nichts mehr eindeutig Nazi. Die tatsächlichen Neonazis verschwinden gewissermaßen im allgemeinen Etikettennebel. Die historische Einzigartigkeit ihrer Ideologie wird relativiert, weil sie sprachlich mit Positionen vermischt wird, die politikwissenschaftlich völlig anders einzuordnen sind. Ausgerechnet der inflationäre Gebrauch des schärfsten historischen Begriffs trägt damit unfreiwillig zu seiner Entwertung bei.

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Der Verfassungsschutz arbeitet nicht mit Schlagworten

Ein interessanter Kontrast ergibt sich zwischen öffentlicher Debatte und behördlicher Praxis. Sicherheitsbehörden operieren nicht mit moralischen Empörungsbegriffen, sondern mit juristischen und politikwissenschaftlichen Kategorien. Entscheidend ist dort die Haltung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, zu Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und demokratischem Pluralismus. Beobachtet wird nicht deshalb, weil jemand konservativ ist oder nationale Interessen betont, sondern weil tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen bestehen. Diese Differenzierung mag im politischen Schlagabtausch unerquicklich wirken. Sie schützt jedoch den Rechtsstaat vor genau jener Willkür, die autoritäre Systeme auszeichnet. Wer jede politische Abweichung sofort kriminalisiert oder moralisch exkommuniziert, übernimmt unfreiwillig Methoden, die man angeblich bekämpfen möchte.

Die Sehnsucht nach dem ewigen Endkampf

Vielleicht erklärt sich die gegenwärtige Begriffsverwirrung auch psychologisch. Eine Gesellschaft, die sich permanent als Bollwerk gegen den Faschismus versteht, benötigt regelmäßig neue Faschisten, um ihre eigene moralische Selbstvergewisserung aufrechtzuerhalten. Fehlt der historische Gegner, wird seine Silhouette eben großzügig nachgezeichnet. Plötzlich genügt bereits ein konservativer Kommentar zur Energiepolitik, eine Debatte über Migration oder Kritik an europäischen Institutionen, um irgendwo den ideologischen Rauchmelder auszulösen. Aus jedem politischen Streit wird ein Endkampf zwischen Demokratie und Diktatur. Aus jeder Meinungsverschiedenheit eine Neuauflage von 1933. Aus jeder Wahl eine letzte Entscheidung über das Schicksal der Menschheit. Es ist ein erstaunlich dramatisches Weltbild, das leider den Nachteil besitzt, mit der alltäglichen politischen Realität nur gelegentlich in Berührung zu kommen.

Die Ironie der permanenten Alarmbereitschaft

Wer hinter jeder Straßenecke einen Nationalsozialisten vermutet, entwickelt zwangsläufig dieselben Wahrnehmungsprobleme wie jemand, der nach dem Lesen eines medizinischen Lexikons überzeugt ist, sämtliche seltenen Tropenkrankheiten gleichzeitig zu besitzen. Jede Äußerung wird zum Symptom, jede Formulierung zum Beweis, jede Diskussion zur Bestätigung der eigenen Diagnose. Politische Debatten erinnern dann zunehmend an Hypochondrie mit historischen Begriffen. Das eigentliche Opfer dieser Dauererregung ist nicht nur die Gelassenheit, sondern die Fähigkeit zur Unterscheidung. Dabei lebt Wissenschaft gerade von Differenzierung. Sie trennt Kategorien, prüft Kriterien, untersucht Übergänge und benennt Unterschiede. Polemik hingegen liebt Vereinfachung. Satirisch betrachtet wirkt es manchmal, als hätten manche Debatten dieselbe analytische Präzision wie ein Farbtopf mit der Aufschrift „Alles rechts = Braun“.

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Begriffliche Hygiene als demokratische Pflicht

Eine lebendige Demokratie benötigt keine sprachlichen Abrissbirnen, sondern begriffliche Präzision. Zwischen konservativ, rechtspopulistisch, rechtsradikal, rechtsextrem und nationalsozialistisch bestehen erhebliche Unterschiede, die weder historische Relativierung noch politische Verharmlosung bedeuten. Im Gegenteil: Gerade die klare Abgrenzung macht es möglich, tatsächlichen Extremismus präzise zu erkennen und wirksam zu bekämpfen. Wer sämtliche politischen Gegner unterschiedslos mit dem schärfsten historischen Etikett versieht, betreibt keine Aufklärung, sondern semantische Umweltverschmutzung. Am Ende ähnelt die öffentliche Debatte einem riesigen Rauchmelder, der seit Jahren ununterbrochen Alarm schlägt. Irgendwann reagiert niemand mehr darauf – selbst dann nicht, wenn tatsächlich ein Feuer ausbricht. Das wäre wohl die bitterste Ironie einer Gesellschaft, die aus ihrer Geschichte lernen wollte und dabei gelegentlich vergaß, dass auch begriffliche Sorgfalt zum demokratischen Handwerkszeug gehört.