Gleichberechtigung bis zur Kasernentür

Es gibt politische Überzeugungen, die mit der Inbrunst religiöser Glaubenssätze vorgetragen werden und dennoch über eine erstaunliche Eigenschaft verfügen: Sie gelten immer – außer dann, wenn ihre praktische Anwendung unangenehm werden könnte. Kaum ein Begriff gehört so zuverlässig in diese Kategorie wie die Gleichberechtigung. Sie ist das Universalwerkzeug moderner Politik, die moralische Kreditkarte jeder Regierungserklärung und die rhetorische Allzweckwaffe sämtlicher Talkshows. Mit ihrer Hilfe werden Vorstände neu zusammengesetzt, Sprachregelungen erfunden, Quoten begründet, Lehrpläne verändert, Werbekampagnen umgestaltet und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen dekonstruiert. Dass Männer und Frauen gleiche Rechte besitzen sollen, wird inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, als habe Moses das elfte Gebot persönlich auf einer Steintafel hinterlassen. Umso verblüffender ist es, dass ausgerechnet dort, wo aus Rechten plötzlich Pflichten werden könnten, die eben noch unumstößliche Wahrheit eine erstaunliche Elastizität entwickelt. Die Wehrpflicht wirkt auf das moderne Gleichstellungsverständnis ungefähr so wie Weihwasser auf einen Vampir: Kaum kommt sie ins Spiel, beginnt das bislang so standfeste Gebäude moralischer Gewissheiten plötzlich bedenklich zu rauchen.

Die erstaunliche Karriere der selektiven Gleichheit

Der eigentliche Unterhaltungswert der deutschen Wehrpflichtdebatte liegt nicht in der Frage, ob eine Armee notwendig ist oder ob die sicherheitspolitische Lage eine andere geworden ist. Darüber lässt sich streiten, und vernünftige Argumente existieren auf beiden Seiten. Faszinierend wird die Angelegenheit erst dort, wo ausgerechnet jene politische Kultur, die sonst kaum einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gelten lassen möchte, plötzlich eine beinahe liebevolle Begeisterung für biologische Besonderheiten entwickelt. Dieselben Stimmen, die noch gestern erklärten, Unterschiede seien in erster Linie gesellschaftliche Konstruktionen, entdecken mit der Präzision eines Evolutionsbiologen plötzlich Muskelmasse, Hormonhaushalt und körperliche Belastbarkeit wieder. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel intellektueller Beweglichkeit. Offenbar kann ein Geschlecht gleichzeitig vollkommen gleich und gleichzeitig so unterschiedlich sein, dass es für dieselbe staatsbürgerliche Pflicht völlig andere Maßstäbe geben muss. Wer diese Logik vollständig versteht, dürfte vermutlich auch in der Lage sein, gleichzeitig Schach gegen sich selbst zu gewinnen und dabei beide Seiten verlieren zu lassen.

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Ausgerechnet Israel liefert Nachhilfeunterricht

Es besitzt eine gewisse Ironie der Weltgeschichte, dass ausgerechnet zwei ranghohe Offizierinnen der israelischen Streitkräfte der deutschen Debatte einen Spiegel vorhalten. Israel ist sicherheitspolitisch mit Deutschland kaum vergleichbar. Dort ist Landesverteidigung keine theoretische Übung für sicherheitspolitische Symposien mit belegten Brötchen und PowerPoint-Präsentationen, sondern Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags. Dennoch lautet die Empfehlung der beiden Offizierinnen bemerkenswert schlicht: Falls Deutschland wieder eine Wehrpflicht einführen wolle, solle diese selbstverständlich Männer und Frauen gleichermaßen verpflichten. Man muss diese Position nicht teilen. Aber sie besitzt den unschlagbaren Vorteil innerer Konsequenz. Denn sie behandelt Staatsbürgerschaft tatsächlich als gemeinsames Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinwesen und nicht als Speisekarte, auf der jeder ausschließlich die angenehmsten Rechte bestellt, während die weniger appetitlichen Pflichten diskret an den Nebentisch delegiert werden.

Die Wellnessgesellschaft trifft auf den Ernstfall

Vielleicht erklärt sich ein Teil der deutschen Irritation auch daraus, dass das Verhältnis zum Staat über Jahrzehnte eine bemerkenswerte Veränderung erfahren hat. Aus dem Bürger wurde zunehmend ein Kunde. Der Staat soll liefern: Sicherheit, Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur, soziale Absicherung, Klimaschutz, Digitalisierung, günstigen Wohnraum, stabile Renten, bezahlbare Energie und möglichst flächendeckendes WLAN. Pflichten erscheinen in diesem Weltbild ungefähr so zeitgemäß wie Telefonzellen oder Schreibmaschinen. Steuerzahlungen gelten bereits vielen als heroischer Beitrag zum Gemeinwohl. Alles Weitere wirkt verdächtig nach Zumutung. Dass ein demokratischer Staat im äußersten Fall nicht nur Ansprüche gewährt, sondern auch Forderungen stellen könnte, erscheint beinahe als Verstoß gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des modernen Wohlfahrtsbewusstseins. Freiheit wird dabei häufig wie ein All-inclusive-Armband verstanden: unbegrenzter Zugang zu allen Leistungen, selbstverständlich ohne den lästigen Hinweis, dass irgendwo auch jemand die Rechnung begleichen muss.

Die wundersame Verwandlung der verlorenen Zeit

Besonders beliebt ist in Deutschland das Argument, Militärdienst sei verschwendete Lebenszeit. Junge Menschen sollten studieren, reisen, Start-ups gründen, Achtsamkeit praktizieren, Work-Life-Balance optimieren oder wenigstens eine weitere Fremdsprache lernen. Kasernen wirken in dieser Vorstellung wie schlecht klimatisierte Wartezimmer der Geschichte. Die israelischen Offizierinnen schildern dagegen etwas völlig anderes. Verantwortung für Tausende Menschen, Führungsaufgaben mit Anfang zwanzig, Organisation unter enormem Druck, Krisenmanagement, Improvisation und Entscheidungsfähigkeit – Erfahrungen also, für die man in manchen deutschen Großkonzernen zunächst fünf Assessment-Center, drei Traineeprogramme und zwei Coaching-Seminare absolvieren muss, bevor die Personalabteilung großzügig die Leitung einer vierköpfigen Projektgruppe genehmigt. Natürlich macht Militärdienst niemanden automatisch zu einem besseren Menschen. Das behauptet ernsthaft auch niemand. Aber die ebenso pauschale Behauptung, dort werde ausschließlich Lebenszeit verbrannt, verrät vor allem eines: dass über militärische Realität häufig Menschen urteilen, deren intensivste Berührung mit Uniformen im Vorbeigehen am Bahnhof stattgefunden hat.

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Diversität, aber bitte mit Sicherheitsabstand

Besonders reizvoll wirkt der Hinweis der israelischen Offizierin Ella Waweya, die Streitkräfte seien einer der wenigen Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Herkunft tatsächlich miteinander leben, arbeiten und Verantwortung übernehmen. Eine bemerkenswerte Beobachtung in einer Zeit, in der westliche Gesellschaften ununterbrochen von Vielfalt sprechen und gleichzeitig immer perfektere Methoden entwickeln, sich ausschließlich mit Menschen zu umgeben, die dieselben Zeitungen lesen, dieselben Parteien wählen, dieselben Universitäten besucht haben und dieselben moralischen Gewissheiten teilen. Algorithmen sortieren Freundeskreise, Wohnviertel sortieren Einkommen, Bildungssysteme sortieren Milieus und soziale Netzwerke erledigen den Rest. Noch nie wurde Diversität so leidenschaftlich gefeiert und gleichzeitig so konsequent auf Distanz gehalten. Die Vorstellung, Menschen könnten gezwungen sein, über längere Zeit mit völlig anderen Lebensentwürfen zusammenzuarbeiten, wirkt inzwischen beinahe radikaler als manche politische Demonstration.

Die Mathematik kennt keine Ideologie

Unabhängig von allen moralischen Debatten bleibt eine ausgesprochen unromantische Tatsache bestehen: Moderne Streitkräfte benötigen Personal. Viel Personal. Nicht nur Infanteristen, sondern IT-Spezialisten, Cyberexperten, Nachrichtentechniker, Sanitätspersonal, Logistiker, Drohnenoperatoren, Sprachmittler, Kommunikationsexperten und zahllose weitere Fachkräfte. Gleichzeitig schrumpfen die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Dienst heraus, während der Nachwuchs kleiner wird. Wer unter diesen Bedingungen erklärt, auf die Hälfte der Bevölkerung könne man aus grundsätzlichen Erwägungen verzichten, demonstriert einen Optimismus, der fast schon wieder bewundernswert erscheint. Mathematik ist jedoch leider eine ausgesprochen humorlose Wissenschaft. Sie interessiert sich weder für politische Leitbilder noch für moralische Selbstbeschreibungen. Sie zählt schlicht Köpfe.

Das eigentliche Kabarett beginnt erst jetzt

Vielleicht besteht die schönste Pointe dieser ganzen Debatte darin, dass niemand so viel über Verantwortung spricht wie jene politische Kultur, die Verantwortung möglichst elegant umdefiniert, sobald sie persönliche Konsequenzen haben könnte. Gleichberechtigung erscheint dann wie ein luxuriöses Buffet, an dem sich jeder nach Herzenslust bedienen darf – allerdings ausschließlich bei den Vorspeisen und Desserts. Sobald der Hauptgang aus Verpflichtungen, Risiken oder persönlichen Opfern besteht, entdeckt dieselbe Gesellschaft plötzlich komplizierte historische Besonderheiten, verfassungsrechtliche Feinheiten und biologisch tief verwurzelte Unterschiede, die wenige Minuten zuvor noch als überholt galten. Es ist eine Form politischer Akrobatik, die beinahe artistische Anerkennung verdient. Vielleicht sollte sie sogar olympische Disziplin werden. Gold wäre ziemlich sicher garantiert.

TIP:  Tikkun Olam

Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob Deutschland eine Wehrpflicht braucht. Darüber lässt sich seriös streiten. Interessanter ist vielmehr, was die Debatte über das Selbstverständnis einer Gesellschaft verrät, die Gleichheit unermüdlich predigt, solange sie Karrierechancen, Mitspracherechte oder gesellschaftliches Prestige verteilt, die aber erstaunlich schnell beginnt, nach Ausnahmen zu suchen, sobald Gleichheit auch Verpflichtung bedeuten könnte. Vielleicht besteht die eigentliche Satire unserer Zeit genau darin, dass der moderne Bürger sich zwar immer häufiger als gleichberechtigter Eigentümer des Staates versteht, aber immer seltener als dessen Mitverantwortlicher. Der Staat soll zuverlässig funktionieren wie ein Fünf-Sterne-Hotel – nur mit dem kleinen Unterschied, dass niemand gern an der Rezeption stehen möchte, wenn plötzlich Feuer aus dem Dach schlägt.