Der selbsternannte Mutprobe-Meister

In den weiten Gefilden des deutschen Meinungskampfes, wo jeder zweite Intellektuelle sich als Wächter der Demokratie geriert und der dritte bereits mit erhobenem Zeigefinger auf die nächste moralische Verfehlung lauert, erscheint Michel F. als eine jener Figuren, die das Genre des öffentlichen Mahners zur Perfektion getrieben haben. Mit jener Mischung aus juristischer Schärfe und medialer Präsenz, die ihm seit Jahrzehnten eine Bühne sichert, empfiehlt er nun einem imaginären Gegenüber ein Selbstexperiment: einmal mit Kippa auf dem Kopf in eine Versammlung der Alternative für Deutschland, einmal durch ausgewählte Teile Berlins. Die Neugierde auf den anschließenden Bericht aus der Charité klingt dabei wie ein zynischer Witz, der die eigene Überlegenheit bereits im Voraus feiert. Man fragt sich unwillkürlich, ob hier nicht weniger ein ernsthaftes Plädoyer für Erkenntnisgewinn vorliegt als vielmehr die ritualisierte Inszenierung einer längst feststehenden Erzählung, in der die Gefahr immer nur von rechts kommen darf, während die Realität der Straßen sich ungeniert anders sortiert und die tatsächlichen Risiken für sichtbar jüdisches Leben in deutschen Großstädten längst eine andere, weit unangenehmere Richtung eingeschlagen haben.

Die Kippa als politisches Reagenzglas

Die Kippa, dieses schlichte Symbol jüdischen Glaubens, wird in solchen empfohlenen Experimenten zum ultimativen Lackmustest degradiert. Sie soll enthüllen, was ohnehin schon geglaubt wird: dass in den Reihen einer Partei, die sich anmaßt, nationale Interessen vor multikulturelle Utopien zu stellen, der Antisemitismus wie ein offenes Feuer lodert. Dabei übersieht der Experimentator geflissentlich, dass Versammlungen politischer Gruppen in der Regel von Ordnungskräften und Kameras begleitet werden, dass Provokateure dort schnell identifiziert und entfernt werden können. Die eigentliche Mutprobe findet anderswo statt, in jenen urbanen Zonen, wo Parallelgesellschaften längst nicht mehr nur theoretisch existieren. Dort, in manchen Bezirken Berlins, wo der Muezzinruf die Luft erfüllt und bestimmte Gruppen ihre eigenen Regeln mitgebracht haben, wird die Kippa nicht zum Gesprächsanlass, sondern zum Risikofaktor. Berichte von jüdischen Bürgern, die ihre Kopfbedeckung lieber abnehmen, um unbeschadet nach Hause zu kommen, füllen mittlerweile ganze Aktenordner von Sicherheitsbehörden. Doch diese Akten bleiben in der öffentlichen Debatte oft seltsam unsichtbar, weil sie nicht ins vorgefertigte Schema passen. Stattdessen wird die AfD zum Sündenbock stilisiert, während die importierten Formen des Judenhasses mit dem Mantel des Verständnisses für „benachteiligte Minderheiten“ bedeckt werden – eine intellektuelle Verrenkung, die umso grotesker wirkt, je länger man sie betrachtet.

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Selektive Empörung als Lebensstil

Wer F.und seinesgleichen längere Zeit beobachtet, erkennt ein Muster: Die Kritik am rechten Rand ist laut, pointiert und medienwirksam, die Auseinandersetzung mit linkem oder islamistischem Antisemitismus hingegen zögerlich, nuanciert, fast schon entschuldigend. Man spricht von „Einzelfällen“, von „sozialen Problemen“, von „Verständnis für den Nahostkonflikt“, der sich angeblich in unangemessener Weise entlade. Dabei wird die Statistik zur Unperson erklärt. Jüdische Einrichtungen in Deutschland werden längst nicht mehr primär vor braunen Schlägern geschützt, sondern vor jenen, die „Allahu Akbar“ rufen und Israel als Symbol alles Bösen betrachten. Die Charité, jenes renommierte Berliner Universitätsklinikum, könnte tatsächlich eines Tages Berichte liefern – nicht weil ein AfD-Mitglied zur Gewalt neigt, sondern weil der Alltag in bestimmten Kiezen für sichtbar jüdische Menschen zur täglichen Gratwanderung geworden ist. Hier offenbart sich die intellektuelle Feigheit einer ganzen Kaste: Lieber den Feind von gestern bekämpfen, den man gut kennt und moralisch bequem verurteilen kann, als den Feind von morgen beim Namen zu nennen, der die eigenen multikulturellen Dogmen infrage stellt und damit das gesamte Gebäude der Willkommenskultur ins Wanken bringt.

Das Experiment, das keiner braucht

Ein echtes Selbstexperiment würde nicht nur die Kippa aufsetzen, sondern auch die Augen öffnen. Es würde den Blick lenken auf jene Viertel, in denen Synagogen mit Betonpollern gesichert werden müssen, auf Schulhöfe, wo jüdische Kinder gemobbt werden, auf Demonstrationen, bei denen „From the river to the sea“ nicht als frommer Wunsch, sondern als unverhohlene Drohung skandiert wird. Stattdessen bleibt es bei der symbolischen Geste, dem performativen Akt, der vor allem eines beweist: die tiefe Verstrickung in eine Narrative, die Deutschland weiterhin als latentes Naziland betrachtet, während die realen Bedrohungen importiert und verharmlost werden. F. mag mit seiner Empfehlung jenen Applaus ernten, der in den Feuilletons und Talkshows so reichlich fließt. Doch der zynische Unterton, die Vorfreude auf Verletzung, verrät mehr über den Absender als über das Ziel. Es ist der Humor desjenigen, der sich auf der sicheren Seite wähnt und den anderen zum Kanonenfutter der eigenen Weltsicht macht – eine Haltung, die weniger Mut zeigt als vielmehr eine bemerkenswerte Blindheit gegenüber den Verschiebungen, die sich seit Jahren in der deutschen Gesellschaft vollziehen.

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Zwischen moralischer Hybris und gesellschaftlicher Realität

Die deutsche Debatte um Antisemitismus leidet an einer chronischen Schieflage. Auf der einen Seite wird jede kritische Äußerung zur Einwanderungspolitik sofort als Vorstufe zum Pogrom gebrandmarkt, auf der anderen Seite werden jene, die seit Jahren vor den Folgen massiver, unkontrollierter Zuwanderung aus antisemitisch geprägten Kulturräumen warnen, als Hetzer diffamiert. Das Ergebnis ist eine gespaltene Gesellschaft, in der jüdisches Leben wieder vorsichtiger wird – nicht wegen AfD-Wählern in Ostdeutschland, sondern wegen importierter Ideologien in Westberlin oder Nordrhein-Westfalen. Die Kippa-Experimente dieser Welt ändern daran wenig. Sie dienen eher der Selbstbestätigung als der Wahrheitssuche. Wer wirklich wissen will, wo die Gefahr lauert, der sollte nicht nur einmal mit Symbolen experimentieren, sondern dauerhaft die Statistik der Straftaten, die Berichte der Verfassungsschützer und die Alltagserfahrungen jüdischer Mitbürger studieren. Das Ergebnis wäre ernüchternd und würde manchen selbsternannten Warner zwingen, seine Prioritäten zu überdenken. Doch genau das scheint unerwünscht. Stattdessen bleibt die Charité-Erwartung im Raum stehen – ein bitterer Scherz, der die eigene moralische Überlegenheit zementieren soll, während die Realität sich unbeeindruckt weiterdreht und die Kippa auf manchen Straßen Berlins längst zur gefährlichsten Kopfbedeckung des 21. Jahrhunderts geworden ist.