Es beginnt stets mit einer Bequemlichkeit.
Die Geschichte der modernen Verwaltung ist die Geschichte des Versprechens, dass morgen alles einfacher werde als heute. Die Steuererklärung soll einfacher werden. Die Gesundheitsversorgung soll einfacher werden. Das Reisen soll einfacher werden. Das Bankkonto soll einfacher werden. Das Leben selbst soll sich in einen Zustand dauerhafter administrativer Mühelosigkeit verwandeln, in dem der Bürger nicht mehr von Formularen geplagt wird, sondern lediglich von Benachrichtigungen. Das Formular verschwindet nicht; es verwandelt sich in eine App. Der Stempel verschwindet nicht; er wird zu einem QR-Code. Der Beamte verschwindet nicht; er zieht lediglich in eine Serverfarm um und lernt, in Algorithmen zu sprechen.
Die digitale Identität erscheint in diesem Zusammenhang wie die logische Vollendung eines jahrhundertelangen Verwaltungsromans. Jeder Mensch erhält einen universellen Schlüssel. Ein Zugang für alles. Ein Passwort zur Gesellschaft. Ein einziges Instrument, mit dem sich Arztbesuche, Steuerangelegenheiten, Bankgeschäfte, Versicherungen, Behördengänge und Reisen erledigen lassen. Die Präsentationen dazu wirken regelmäßig wie Werbeprospekte für ein luxuriöses Hotel, dessen einziger Nachteil darin besteht, dass man nie wieder auschecken kann.
Befürworter sprechen von Effizienz. Technokraten sprechen von Interoperabilität. Berater sprechen von Ökosystemen. Das Publikum hört vor allem eines: weniger Aufwand. Denn der moderne Mensch ist bereit, erstaunlich viele Freiheiten gegen die Aussicht einzutauschen, drei Minuten früher mit dem Onlineformular fertig zu werden. Der Weg in die digitale Zukunft wird selten mit Gewalt gepflastert. Meist genügt ein Rabatt, eine Komfortfunktion oder ein freundlicher Hinweis, dass es leider keine Alternative mehr gibt.
Die Geburt des universellen Zugangs
Das eigentlich Faszinierende an der digitalen Identität ist nicht ihre technische Struktur. Technik ist selten das Problem. Das Problem beginnt dort, wo Technik mit Macht verschmilzt. Eine digitale Identität ist zunächst nur ein Werkzeug. Doch ein Werkzeug, das alle Türen öffnet, besitzt zwangsläufig die Fähigkeit, alle Türen zu schließen.
Genau an diesem Punkt beginnt die politische Fantasie der Gegenwart. Nicht die offene Diktatur des 20. Jahrhunderts, mit Uniformen, Paraden und schlecht beleuchteten Verhörzimmern. Das wäre unerquicklich altmodisch. Die moderne Herrschaft bevorzugt Benutzeroberflächen. Sie benötigt keine Geheimpolizei vor der Haustür. Eine Fehlermeldung genügt.
„Zugriff verweigert.“
Drei Worte, die mehr Macht besitzen als ganze Bataillone vergangener Jahrhunderte.
Der Traum der Verwaltung war seit jeher die vollständige Lesbarkeit der Gesellschaft. Jeder Mensch soll registriert, kategorisiert, bewertet und steuerbar werden. Der französische Philosoph Michel Foucault beschrieb solche Entwicklungen einst als Ausweitung disziplinarischer Macht. Vermutlich hätte selbst er Schwierigkeiten, mit der Geschwindigkeit Schritt zu halten, mit der die Gegenwart seine düstersten Fußnoten in Software übersetzt.
Der Bürger als wandelnder Datensatz
In der analogen Welt existierten zahlreiche kleine Freiräume. Ein Mensch konnte ein Konto besitzen, ohne dass die Bibliothek davon wusste. Er konnte reisen, ohne dass der Stromanbieter informiert wurde. Er konnte eine politische Meinung vertreten, ohne dass sie automatisch mit seiner Krankenversicherung, seiner Einkaufshistorie und seinen Bewegungsdaten verknüpft wurde.
Die digitale Identität verspricht dagegen die große Synthese. Der Mensch wird zu einem einzigen Datensatz zusammengefügt. Das Individuum erscheint nicht länger als Person, sondern als Dashboard.
Irgendwo sitzt ein Analyst vor einem Bildschirm. Dort befindet sich kein Bürger mehr, kein Charakter, kein Schicksal, keine Biografie. Dort befinden sich lediglich Werte. Kreditwürdigkeit: 87 Prozent. Gesundheitsstatus: aktuell. Steuerstatus: konform. CO₂-Profil: überdurchschnittlich. Vertrauensindex: ausreichend.
Der Mensch wird lesbar. Und alles, was vollständig lesbar wird, wird früher oder später auch steuerbar.
Die Magie der Bedingungen
Der eigentliche Kern der Debatte liegt nicht in der Existenz einer digitalen Identität. Er liegt in den Bedingungen ihrer Gültigkeit. Heute dient sie dem Nachweis einer Identität. Morgen dem Nachweis eines Status. Übermorgen dem Nachweis eines erwünschten Verhaltens.
Die Geschichte politischer Systeme zeigt eine bemerkenswerte Konstante: Jede neu geschaffene Machtbefugnis wird früher oder später erweitert. Kompetenzen wachsen mit einer Zuverlässigkeit, die selbst tropische Bambuswälder neidisch machen könnte. Kaum ein Staat blickt auf seine Instrumente und sagt: „Ausgezeichnet. Mehr Macht benötigen wir wirklich nicht.“
Deshalb richtet sich die Aufmerksamkeit kritischer Beobachter weniger auf die gegenwärtigen Funktionen als auf die zukünftigen Möglichkeiten.
Was geschieht, wenn Gesundheitsdaten verknüpft werden?
Was geschieht, wenn politische Äußerungen als Risikoindikatoren erscheinen?
Was geschieht, wenn bestimmte Verhaltensweisen mit administrativen Nachteilen verbunden werden?
Was geschieht, wenn ein digitaler Zugang nicht mehr nur beschreibt, wer jemand ist, sondern bewertet, ob jemand ausreichend konform handelt?
Die technische Infrastruktur unterscheidet selten zwischen einer legitimen und einer problematischen Anwendung. Die Datenbank kennt keine Moral. Der Algorithmus besitzt kein Gewissen. Die Serverfarm hat keine politische Philosophie. Sie führt lediglich aus, was beschlossen wurde.
Die sanfte Tyrannei des Guten
Besonders bemerkenswert ist die moralische Sprache, in der solche Entwicklungen präsentiert werden. Niemand erklärt, Kontrolle ausüben zu wollen. Niemand spricht von Überwachung. Niemand kündigt gesellschaftliche Disziplinierung an. Die moderne Macht tritt grundsätzlich als Wohltäter auf.
Sie schützt vor Desinformation.
Sie schützt vor Hass.
Sie schützt vor Gesundheitsrisiken.
Sie schützt vor Klimaschäden.
Sie schützt vor Betrug.
Sie schützt vor Extremismus.
Sie schützt vor den Folgen falscher Entscheidungen.
Und schließlich schützt sie den Menschen sogar vor sich selbst.
Die politische Geschichte Europas ist reich an Herrschern, die Freiheit einschränkten. Neu ist lediglich die Behauptung, dies geschehe ausschließlich zum Wohl der Betroffenen. Die alte Tyrannei befahl. Die neue Tyrannei empfiehlt. Die alte Tyrannei drohte. Die neue Tyrannei optimiert.
Der Bürger wird nicht gezwungen. Er wird lediglich so lange „angestupst“, bis seine freiwillige Entscheidung exakt jener entspricht, die ohnehin vorgesehen war.
Das Freiluftgefängnis mit WLAN
George Orwell stellte sich einst eine Zukunft vor, in der der Große Bruder jeden beobachtet. Die Realität könnte prosaischer ausfallen. Vielleicht braucht der Große Bruder gar nicht mehr zu beobachten. Vielleicht reicht es aus, wenn jeder seine Daten freiwillig hochlädt.
Das digitale Freiluftgefängnis besitzt keine Mauern. Es benötigt keine Wachtürme. Es verfügt über Cafés, Streamingdienste und kontaktloses Bezahlen. Seine Insassen dürfen reisen, einkaufen, posten, konsumieren und diskutieren. Solange die Anzeige grün bleibt.
Der Käfig verschwindet optisch. Er wird unsichtbar. Gerade dadurch wird er wirksamer.
Denn gegen sichtbare Unterdrückung entwickelt sich Widerstand. Gegen Komfort entwickelt sich Gewohnheit.
Und Gewohnheit ist die treueste Verbündete jeder Herrschaft.
Die letzte Versuchung der Moderne
Vielleicht liegt die größte Ironie darin, dass die digitale Identität nicht als Instrument der Unterdrückung entsteht, sondern als Instrument der Vereinfachung. Die meisten großen gesellschaftlichen Umbrüche beginnen nicht mit bösen Absichten. Sie beginnen mit plausiblen Argumenten.
Genau deshalb verdient die Debatte Ernsthaftigkeit.
Die Frage lautet nicht, ob digitale Identitäten grundsätzlich nützlich sein können. Selbstverständlich können sie das. Die Frage lautet vielmehr, welche Grenzen einer solchen Infrastruktur gesetzt werden, wer über ihre Nutzung entscheidet, welche Kontrollmechanismen existieren und ob die Möglichkeit des Ausschlusses jemals technisch oder rechtlich begrenzt wird.
Denn jede Gesellschaft muss irgendwann entscheiden, ob ihre Bürger Menschen mit Rechten oder Benutzerkonten mit Zugangsberechtigungen sind.
Die Antwort darauf wird vermutlich nicht in einer Serverfarm gefunden werden.
Und ganz sicher nicht in einer PowerPoint-Präsentation eines internationalen Gipfeltreffens, auf der lächelnde Menschen vor bunten Diagrammen stehen und versichern, dass alles ausschließlich der Freiheit dient.