Ranglisten der Unbeliebtheit als Hochleistungssport

Es gibt Ranglisten, die beruhigen, und es gibt Ranglisten, die beunruhigen. Die erste Sorte listet etwa die pünktlichsten Züge auf – ein schmales Genre, das in Mitteleuropa seit Jahren an Materialknappheit leidet. Die zweite Sorte hingegen, die moralisch-thermometrischen Tabellen des politischen Klimas, erfreuen sich robustester Gesundheit. In diese Kategorie fällt die jüngste Meldung von Euronews, wonach Friedrich Merz, im Volksmund bereits mit der charmant verkürzten Doppelinitiale „FF“ versehen, den Titel des unbeliebtesten Regierungschefs der Welt errungen habe. Eine Leistung, die man in Zeiten globaler Konkurrenz nicht gering schätzen darf. Während andere Nationen ihre Spitzenkräfte in Disziplinen wie Innovation, Bildung oder Infrastruktur messen, setzt man hierzulande auf die verlässliche Tugend der kollektiven Missbilligung. Der Kanzler als Weltmeister im Kopfschütteln – das ist doch endlich wieder eine Medaille, die niemand anzweifeln kann.

Die Gesellschaft der großen Vergleiche

Natürlich lebt die moderne Öffentlichkeit vom Vergleich, vom gnadenlosen Nebeneinanderstellen heterogener Phänomene, die sich im grellen Licht der Aufmerksamkeit gegenseitig überstrahlen. „Unbeliebter als Olaf Scholz, unbeliebter als Donald Trump, ja sogar unbeliebter als Adolf Hitler in den letzten Kriegstagen“ – solche Formulierungen verraten weniger über die Bewerteten als über die Bewertenden. Sie sind die rhetorische Abrissbirne einer Kultur, die ihre Maßstäbe längst in die Karikatur überführt hat. Der Vergleich wird nicht mehr als Erkenntnisinstrument genutzt, sondern als Schockgenerator, als semantisches Feuerwerk, das die Aufmerksamkeit kurzzeitig blendet und anschließend den Geruch von verbranntem Kontext hinterlässt. Dass dabei historische Dimensionen zu dekorativen Requisiten schrumpfen, gehört zum kalkulierten Kollateralschaden dieser Darstellungsform.

Geschmacklosigkeit als politischer Kompass

Die Gleichsetzung politischer Unbeliebtheit mit Fußpilz, Rosenkohl oder gar der Investmentgesellschaft BlackRock ist dabei keineswegs zufällig. Sie folgt einer Logik, die man als kulinarisch-medizinisch-finanzielle Totalmetapher bezeichnen könnte. Fußpilz steht für das Unangenehme, das sich hartnäckig hält; Rosenkohl für das ungeliebte, aber angeblich gesunde Pflichtprogramm; BlackRock für das undurchsichtige, strukturell mächtige Unbehagen. In dieser Trias verdichtet sich ein Weltgefühl, das Politik nicht mehr als gestaltbaren Raum, sondern als Mischung aus Zwang, Ekel und Ohnmacht wahrnimmt. Der Kanzler wird so zur Projektionsfläche eines diffusen Missmuts, der sich längst von konkreten Entscheidungen emanzipiert hat und als Dauerzustand existiert.

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Die Ironie des Erfolgs

„Endlich wieder Spitze, endlich wieder Erster, endlich wieder oben“, heißt es mit jener ironischen Inbrunst, die im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition besitzt. Der Erfolg wird gefeiert, gerade weil er keiner ist. Es ist die Umkehrung des olympischen Gedankens: Nicht schneller, höher, weiter, sondern unbeliebter, umstrittener, isolierter. In dieser Perspektive erscheint die politische Karriere als eine Art Negativwettkampf, bei dem der Sieger nicht durch Zustimmung, sondern durch die Dichte der Ablehnung bestimmt wird. „Danke, Kanzler!“ – ein Ausruf, der zugleich Gratulation und Anklage ist, Lob und Spott, ein rhetorisches Janusgesicht, das die Ambivalenz der gegenwärtigen politischen Kommunikation perfekt einfängt.

Das Publikum als stiller Mitautor

Am Ende bleibt die unbequeme Einsicht, dass solche Ranglisten weniger über die Regierenden aussagen als über das Publikum, das sie begierig konsumiert. Die Lust am Abstieg, am Skandal, an der symbolischen Demontage ist zu einem festen Bestandteil der politischen Kultur geworden. Man misst nicht mehr, um zu verstehen, sondern um zu empören. Der „unbeliebteste Regierungschef der Welt“ ist daher nicht nur ein Titel, sondern ein Spiegel, in dem sich eine Öffentlichkeit betrachtet, die ihre eigenen Erwartungen, Enttäuschungen und Überdrüsse in immer drastischeren Bildern verdichtet. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Meldung: dass sie, bei aller Polemik und allem Zynismus, weniger ein Urteil über eine Person darstellt als ein Stimmungsbild einer Zeit, die sich selbst in der Übertreibung am präzisesten beschreibt.ENTWICKLERMODUS

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