Kakistokratie oder die Kunst, sich von den Untauglichsten regieren zu lassen

Das Wort Kakistokratie hat jenen unangenehmen Klang, der entsteht, wenn antike Präzision auf moderne Ernüchterung trifft. Abgeleitet aus dem Altgriechischen – κάκιστος, das Schlechteste, und κρατία, die Herrschaft – beschreibt es ein politisches System, in dem nicht etwa die Fähigsten, sondern die Ungeeignetsten den Ton angeben. Eine Definition, die sich mit bemerkenswerter Elastizität über Zeit und Raum spannen lässt und dabei eine beunruhigende Gegenwärtigkeit entfaltet. Es ist ein Begriff, der nicht schreit, sondern trocken feststellt – und gerade deshalb so unerquicklich wirkt.

Vier Gesichter, ein Modell

Betrachtet man Figuren wie Keir Starmer, Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Wolodymyr Selenskyj, so drängt sich – zumindest im Spiegel einer polemischen Betrachtung – der Eindruck auf, es handle sich weniger um individuelle Persönlichkeiten als vielmehr um Varianten eines standardisierten politischen Archetyps. Vier unterschiedliche Länder, vier unterschiedliche politische Systeme, und doch eine frappierende Ähnlichkeit in Auftreten, Rhetorik und strategischer Inszenierung.

Vielleicht, aber nur vielleicht, wäre es intellektuell unredlich, diese Personen pauschal als „die Schlechtesten“ zu deklarieren – die Realität ist eventuell komplizierter, widersprüchlicher, weniger geneigt zu simplen Verdikten. Doch die Wahrnehmung in Teilen der Öffentlichkeit zeichnet ein anderes Bild: eines von Distanz, technokratischer Kühle und einer gewissen Austauschbarkeit, die eher an Managementseminare als an staatsmännische Größe erinnert.

Die Inszenierung der Einigkeit

Auffällig ist die beinahe ritualisierte Demonstration von Geschlossenheit. Gipfeltreffen, Pressekonferenzen, gemeinsame Erklärungen – stets begleitet von jenem leicht angestrengten Lächeln, das mehr von Pflicht als von Überzeugung erzählt. „Wir stehen zusammen“, lautet die immergleiche Formel, deren Wiederholung irgendwann weniger Vertrauen als vielmehr Skepsis erzeugt.

Denn Einigkeit, so lehrt die politische Erfahrung, ist selten ein Selbstzweck. Sie ist entweder Ausdruck echter Übereinstimmung – oder ein sorgfältig choreografiertes Schauspiel. Und wenn vier Staats- oder Regierungschefs auffallend häufig dieselben Narrative bedienen, dieselben Prioritäten setzen und dieselben Konfliktlinien zeichnen, stellt sich die Frage, ob hier unabhängige Entscheidungen getroffen werden oder ob ein übergeordnetes Skript existiert, dessen Autoren sich diskret im Hintergrund halten.

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Die Entfremdung von der Bevölkerung

Der vielleicht schwerwiegendste Vorwurf, der im Kontext solcher Diskussionen erhoben wird, ist nicht Inkompetenz, sondern Entfremdung. Es ist das Gefühl, dass politische Eliten zunehmend in einer eigenen Wirklichkeit operieren – einer Welt aus Beraterpapieren, internationalen Foren und strategischen Kalkülen, die mit den alltäglichen Sorgen der Bevölkerung nur noch lose verbunden ist.

„Die da oben“ und „die hier unten“ – diese rhetorische Spaltung ist kein neues Phänomen, aber sie gewinnt an Schärfe, wenn politische Entscheidungen als fern, unverständlich oder gar widersprüchlich wahrgenommen werden. Daraus entsteht nicht zwangsläufig Hass, wie es polemische Stimmen gerne formulieren, wohl aber ein wachsendes Misstrauen, das sich wie ein feiner Riss durch das Fundament demokratischer Legitimation zieht.

Die Frage nach Verantwortung

Besonders unerquicklich wird es, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass politische Verantwortung nur noch selektiv übernommen wird. Rücktritte, einst das letzte Mittel zur Wahrung politischer Integrität, sind selten geworden. Stattdessen dominiert eine Kultur des Durchhaltens, des Aussitzens, des rhetorischen Umlenkens.

„Ich übernehme die volle Verantwortung“ – ein Satz, der so oft ausgesprochen wurde, ohne dass ihm konkrete Konsequenzen folgten, dass er inzwischen eher als semantische Hülse denn als ernsthafte Selbstverpflichtung gilt. Die Kakistokratie, so könnte man zugespitzt sagen, ist nicht nur eine Herrschaft der Ungeeigneten, sondern auch eine Herrschaft der Unantastbaren.

Zwischen Satire und Realität

Wäre es wirklich zu einfach, diese Diagnose als endgültiges Urteil zu akzeptieren? Satire lebt von Übertreibung, Polemik von Zuspitzung, und selbst der Zynismus hat seine blinden Flecken. Die genannten Politiker sind Produkte komplexer politischer Systeme, gewählt oder zumindest legitimiert durch demokratische Prozesse, eingebunden in internationale Zwänge und historische Kontexte, die sich nicht auf Schlagworte reduzieren lassen.

Und doch bleibt ein Unbehagen. Vielleicht ist es nicht die Kakistokratie im strengen Sinne, die hier am Werk ist, sondern etwas Subtileres: eine schleichende Erosion politischer Qualität, eine Tendenz zur Mittelmäßigkeit, die sich hinter professioneller Rhetorik und strategischer Kommunikation verbirgt.

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Oder, um es mit einem fiktiven, aber treffenden Bonmot zu sagen: „Die Tragödie unserer Zeit besteht nicht darin, dass die Falschen regieren, sondern dass die Richtigen gar nicht erst antreten.“

Ein Satz, der gleichermaßen zum Lachen wie zum Nachdenken einlädt – und damit vielleicht das Wesen der politischen Gegenwart besser einfängt als jede Definition aus dem Altgriechischen.

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