Der neue Anstrich auf dem alten Heiligtum

Es gibt in der Religionsgeschichte eine bemerkenswerte Konstante: Fast jede Glaubensgemeinschaft behauptet irgendwann, sie habe mit der Vergangenheit gebrochen, während sie in Wahrheit deren Möbel übernommen, die Vorhänge ausgetauscht und anschließend feierlich verkündet hat, das Haus sei völlig neu errichtet worden. Der Mensch liebt Revolutionen, sofern die Grundmauern stehen bleiben dürfen. Nirgends zeigt sich diese eigentümliche Mischung aus radikaler Selbstdarstellung und konservativer Praxis deutlicher als in den erbitterten Debatten über die Kaaba, den Schwarzen Stein und die Frage, wie viel vorislamisches Arabien im Islam fortlebt.

Wer heute die gewaltigen Menschenmassen betrachtet, die sich um die Kaaba bewegen, sieht eine Szene von eigentümlicher Wucht. Hunderttausende Menschen in weißen Gewändern kreisen um einen würfelförmigen Bau, folgen einer festgelegten Bewegungsrichtung, drängen, schieben, beschleunigen, stocken, kämpfen sich Zentimeter um Zentimeter voran, während viele hoffen, dem Schwarzen Stein wenigstens nahe zu kommen. Es ist ein Schauspiel, das gleichermaßen Ehrfurcht und anthropologische Neugier hervorruft. Der moderne Mensch, der sich gern als rationales Wesen beschreibt, entdeckt plötzlich seine Leidenschaft für symbolisch aufgeladene Steine, heilige Orte und rituelle Berührungen. Die Aufklärung mag die Welt vermessen haben; die Menschheit rennt dennoch zuverlässig dorthin, wo sie das Heilige vermutet.

Die Vergangenheit, die nicht verschwinden will

Historisch gilt als weitgehend unstrittig, dass die Kaaba bereits vor dem Islam ein bedeutendes Heiligtum war. Islamische Quellen selbst berichten von zahlreichen Kultbildern und Gottheiten, die sich dort befanden. Der Name Hubal taucht auf, ebenso andere Gottheiten des vorislamischen Arabiens. Die Kaaba entstand also keineswegs erst mit dem Islam auf einer unbeschriebenen religiösen Leinwand. Sie war bereits ein Zentrum religiöser Praxis, Stammesidentität und kultischer Verehrung.

Hier beginnt jedoch jene Diskussion, die regelmäßig mehr Hitze als Licht erzeugt. Denn sobald darauf hingewiesen wird, dass bestimmte Rituale der Pilgerfahrt Vorläufer in vorislamischer Zeit hatten, reagieren manche Gläubige, als hätte jemand behauptet, die Erde sei eine Fälschung aus dem Baumarkt. Dabei ist die Übernahme älterer Rituale keineswegs eine historische Seltenheit. Das Christentum absorbierte heidnische Feiertage. Das Judentum entwickelte sich aus älteren Traditionen des Alten Orients. Der Buddhismus übernahm regionale Kulte. Religionen entstehen selten aus dem Nichts; sie verhalten sich eher wie Imperien, die vorhandene Infrastruktur beschlagnahmen und anschließend ihre eigene Flagge darüber hissen.

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Der eigentliche Streitpunkt liegt daher nicht in der Existenz vorislamischer Elemente, sondern in ihrer Interpretation. Die klassische islamische Darstellung erklärt, die Kaaba sei ursprünglich von Abraham und Ismael für die Verehrung des einen Gottes errichtet worden. Später hätten Heiden diesen ursprünglichen Monotheismus verfälscht. Muhammad habe folglich nichts Neues geschaffen, sondern das Ursprüngliche wiederhergestellt. Kritiker wiederum betrachten diese Darstellung als nachträgliche religiöse Rückprojektion, die den bereits bestehenden Kult in eine neue theologische Erzählung einbettete.

Der Triumph der Umbenennung

Religionen lieben Umbenennungen. Aus einem alten Brauch wird ein neuer Brauch mit derselben Choreographie. Aus einer alten Pilgerroute wird eine neue Pilgerroute mit neuer Begründung. Aus einem alten Heiligtum wird ein gereinigtes Heiligtum. Der Vorgang erinnert bisweilen an einen Immobilienmakler, der ein hundert Jahre altes Haus streicht und anschließend von einem „vollständig neuen Wohnkonzept“ spricht.

Die satirische Pointe besteht darin, dass Menschen häufig glauben, eine Erklärung sei identisch mit einer Entstehung. Wenn ein Ritual eine neue Bedeutung erhält, wird daraus nicht automatisch ein neues Ritual. Die Bewegungen bleiben dieselben, die Wege bleiben dieselben, die Orte bleiben dieselben. Geändert hat sich vor allem die Geschichte, die über diese Handlungen erzählt wird.

Der Religionshistoriker betrachtet solche Vorgänge gewöhnlich mit Gelassenheit. Für ihn ist Kontinuität kein Skandal, sondern der Normalzustand menschlicher Kultur. Der Gläubige hingegen empfindet dieselbe Beobachtung gelegentlich als Angriff, weil sie den Anspruch absoluter Einzigartigkeit berührt. Zwischen diesen beiden Perspektiven entsteht jener Dauerstreit, der seit Generationen zuverlässig jede Diskussion vergiftet.

Die Empörung als Reflex

Besonders faszinierend ist dabei die Geschwindigkeit, mit der manche Debatten in moralische Empörung umschlagen. Historische Fragen werden behandelt, als seien sie persönliche Beleidigungen. Archäologische Diskussionen werden geführt wie Stammesfehden. Quellenkritik erscheint als Sakrileg.

Dabei sollte eine Religion, die von ihrer Wahrheit überzeugt ist, historische Untersuchungen eigentlich mit souveräner Ruhe betrachten können. Wahrheit müsste Kritik nicht fürchten. Doch Menschen sind selten nur Anhänger einer Religion; sie sind zugleich emotionale Anteilseigner ihrer Identität. Und Identitäten reagieren auf Kritik oft so gelassen wie ein Wespennest auf einen Baseballschläger.

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Hier entsteht das eigentliche Schauspiel: Die historische Frage verschwindet, und übrig bleibt die Empörung über die Frage. Plötzlich wird nicht mehr darüber diskutiert, welche Quellen vorliegen oder welche Belege existieren. Stattdessen wird darüber gestritten, wer beleidigt wurde, wer welche Absicht hatte und wer moralisch verurteilt werden muss. Die Debatte verwandelt sich in ein Tribunal der Gefühle.

Die Ironie der religiösen Polemik

Eine weitere Ironie liegt darin, dass nahezu jede Religion dazu neigt, die Mythen der anderen für lächerlich zu halten und die eigenen für selbstverständlich. Der fremde heilige Stein erscheint als Aberglaube; der eigene als tiefgründiges Symbol. Der fremde Pilgerzug wirkt irrational; der eigene als Ausdruck höchster Spiritualität. Der fremde Gründungsmythos wird seziert; der eigene ehrfürchtig vor Kritik geschützt.

Der Zyniker beobachtet dieses Schauspiel mit stillem Vergnügen. Er sieht Milliarden Menschen, die sich gegenseitig erklären, weshalb die symbolischen Gegenstände der jeweils anderen Seite bloße Legenden seien, während die eigenen selbstverständlich auf göttlicher Wahrheit beruhen. Es gleicht einer Konferenz konkurrierender Zauberkünstler, die sich gegenseitig Betrug vorwerfen.

Die Unsterblichkeit alter Rituale

Vielleicht liegt die tiefere Pointe jedoch an einem anderen Ort. Vielleicht zeigt die Geschichte der Kaaba – unabhängig davon, welcher Interpretation man folgt – vor allem die erstaunliche Beharrlichkeit menschlicher Rituale. Herrscher kommen und gehen. Reiche entstehen und zerfallen. Sprachen verändern sich. Dynastien verschwinden. Doch Menschen kreisen weiterhin um heilige Orte, berühren symbolische Objekte und suchen im Ritual eine Verbindung zu etwas, das größer erscheint als sie selbst.

Die eigentliche Konstante ist daher weder Heidentum noch Monotheismus, sondern die menschliche Sehnsucht nach Bedeutung. Sie kleidet sich einmal in die Sprache eines Stammesgottes, dann in die Sprache eines Propheten, dann in die Sprache einer Weltreligion. Die Kostüme wechseln, die Bühne bleibt.

Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb solche Diskussionen bis heute so emotional geführt werden. Wer die Geschichte eines Rituals hinterfragt, berührt nicht nur historische Behauptungen. Er kratzt an jenem empfindlichen Punkt, an dem Erinnerung, Identität, Tradition und Glaube miteinander verschmelzen. Dort endet die nüchterne Geschichtsschreibung und beginnt das Reich der großen menschlichen Leidenschaften – ein Reich, in dem Fakten oft als Gäste erscheinen, während Empörung längst Eigentümer des Hauses geworden ist.