Pornos im Öffentlich-Rechtlichen

Voll pervers? – die zweifelhafte Erotik der Moral

Es gehört zu den zuverlässigsten Marotten spätmoderner Gesellschaften, selbst dort noch einen Bildungsauftrag zu wittern, wo früher schlicht das Private begann: im Schlafzimmer, im Kopf, im diffusen Halbdunkel zwischen Fantasie und Scham. Kaum ist eine menschliche Regung identifiziert, wird sie vermessen, normiert, kuratiert und schließlich in jene wohlig temperierte Vitrine gestellt, die sich öffentlich-rechtlicher Rundfunk nennt. Dass nun ausgerechnet die Pornografie, lange Zeit das Schmuddelkind zwischen Kassettenregal und Browser-Tab, unter den Schutzschirm staatlich legitimierter Moralpädagogik gehoben werden soll, wirkt wie die konsequente Pointe eines Systems, das nichts mehr dem Zufall überlassen möchte – nicht einmal die Erregung.

Die Forderung, „ethische Pornos“ im Programm zu verankern, verrät dabei mehr über den Zeitgeist als über das Genre selbst. Sie trägt jene eigentümliche Mischung aus Fürsorge und Kontrolllust in sich, die sich gern als Fortschritt maskiert: Man will nicht verbieten, sondern verbessern; nicht unterdrücken, sondern veredeln. Und doch liegt in dieser Veredelung ein leiser Totalitätsanspruch. Denn was wäre ein Porno, der durch Gremien, Rundfunkräte und moralische Filter geschleust wird? Ein Film, der sich rechtfertigt, bevor er überhaupt beginnt. Eine Inszenierung, die nicht nur Lust erzeugen, sondern zugleich ihre eigene Legitimität mitliefern muss. Ein Begehren unter Vorbehalt.

Die Bürokratie der Lust

Man stelle sich die Sitzung vor: ein halbes Dutzend kulturpolitisch geschulter Instanzen beugt sich über Drehbücher, diskutiert Kamerawinkel im Lichte feministischer Theorie und prüft, ob das Stöhnen der Beteiligten ausreichend divers, inklusiv und arbeitsrechtlich abgesichert ist. Erotik, einst das Reich des Unberechenbaren, wird hier zur Verwaltungsakte. Die Fantasie bekommt ein Formular, die Begierde eine Hausordnung.

Das Ergebnis dürfte von jener unerquicklich korrekten Langweiligkeit sein, die entsteht, wenn Spontaneität durch Konsens ersetzt wird. Denn Erotik lebt von Reibung, von Überschreitung, von dem leisen Gefühl, sich außerhalb des Erlaubten zu bewegen – selbst dann, wenn tatsächlich nichts Unerlaubtes geschieht. Wird dieses Moment systematisch entfernt, bleibt eine Simulation von Intimität zurück, die sich anfühlt wie ein Sicherheitsvideo mit Hautkontakt: sauber, ordentlich, moralisch unangreifbar – und vollkommen unerquicklich.

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Trieb, Geist und die Kränkung der Norm

Die eigentliche Kränkung liegt jedoch tiefer. Sie betrifft nicht die Qualität möglicher Filme, sondern die implizite Annahme, menschliche Lust sei ein pädagogisch steuerbares Phänomen. Als ließe sich festlegen, was zu erregen hat und was nicht. Als könnte man Begierde in jene beiden wohlgeordneten Kategorien überführen, die dem bürgerlichen Selbstbild schmeicheln: das Natürliche und das Vernünftige.

Dabei entzieht sich Erotik gerade dieser Einhegung. Sie ist, in ihren komplexeren Erscheinungsformen, ein zutiefst geistiges Geschehen – ein Spiel aus Bildern, Bedeutungen, Verschiebungen. Sie fetischisiert, überhöht, verzerrt. Sie erlaubt sich Dinge im Kopf, die im Leben undenkbar bleiben müssen. Diese Spannung ist kein Fehler, sondern ihr Motor. Wer sie glätten will, beseitigt nicht das Problem, sondern die Energiequelle.

Die Vorstellung eines normgerechten Pornos gleicht daher dem Versuch, einen Traum zu beaufsichtigen. Man kann ihn beschreiben, analysieren, vielleicht sogar moralisch bewerten – aber nicht verordnen. Die innere Bühne bleibt eigensinnig. Sie folgt keiner Satzung und keinem Rundfunkstaatsvertrag.

Das Kopfkino als letzter Freiraum

In einer Welt, die zunehmend von Sichtbarkeit und Dokumentation beherrscht wird, besitzt das Unsichtbare einen paradoxen Luxus: Es entzieht sich der Regulierung. Das sogenannte Kopfkino – jene privaten, oft widersprüchlichen Fantasien, die sich weder vollständig erklären noch öffentlich vorführen lassen – bleibt der vielleicht letzte Raum, in dem Begehren ohne Genehmigung existieren kann.

Gerade hier zeigt sich die Ironie der Debatte. Während man darüber nachdenkt, Pornografie in den Dienst einer aufgeklärten Moral zu stellen, entzieht sich der eigentliche Kern der Erotik jeder solchen Indienstnahme. Die Bilder im Kopf sind nicht kuratierbar. Sie sind widerspenstig, manchmal befremdlich, gelegentlich verstörend – und gerade deshalb wirksam. Sie erlauben es, Grenzen zu berühren, ohne sie real zu überschreiten. Ein gefährliches Spiel, gewiss, aber auch ein notwendiges.

Die Moral als Fetisch

Es wäre zu einfach, die Forderung nach „ethischen Pornos“ als bloße Prüderie abzutun. Tatsächlich steckt in ihr ein ernstzunehmendes Anliegen: die Sorge um Ausbeutung, um Gewalt, um reale Verletzungen hinter der Inszenierung. Doch diese berechtigte Sorge kippt leicht in etwas anderes, sobald sie versucht, das Begehren selbst zu normieren.

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Denn auch Moral kann zur Obsession werden. Der Wunsch, alles Unreine auszumerzen, alles Ambivalente zu bereinigen, trägt eine eigene Form von Lust in sich – die Lust an der Ordnung, an der Kontrolle, am Triumph über das Ungezähmte. In dieser Hinsicht steht der moralische Furor der pornografischen Fantasie näher, als ihm lieb sein kann: Beide kreisen um Intensität, um Grenzerfahrungen, um die Macht des Imaginären.

Der Unterschied liegt lediglich in der Selbstwahrnehmung. Während die eine Seite sich ihrer Abgründe oft bewusst ist, tritt die andere mit dem Anspruch auf, sie endgültig zu überwinden. Ein Anspruch, der historisch betrachtet selten gut ausgegangen ist.

Zwischen Abgrund und Anstand

Am Ende bleibt ein Spannungsfeld, das sich nicht auflösen lässt: zwischen der Notwendigkeit, reale Übergriffe zu verhindern, und der Unmöglichkeit, Fantasie vollständig zu regulieren. Zwischen dem legitimen Wunsch nach Schutz und der ebenso legitimen Eigenwilligkeit menschlicher Lust.

Der Gedanke, Pornografie in den öffentlich-rechtlichen Raum zu integrieren, erscheint vor diesem Hintergrund weniger als Fortschritt denn als symptomatischer Reflex: Man möchte das Unkontrollierbare sichtbar machen, um es kontrollieren zu können. Doch gerade dadurch läuft man Gefahr, das Wesentliche zu verfehlen. Denn was sich wirklich entzieht, ist nicht der Film auf dem Bildschirm, sondern das, was ihn überhaupt erst wirksam macht.

Vielleicht liegt die eigentliche Perversion daher nicht in der Pornografie selbst, sondern in der Vorstellung, sie ließe sich in eine Form gießen, die allen moralischen Erwartungen genügt und zugleich ihre Wirkung behält. Eine Erotik, die gleichzeitig brav und berauschend sein soll – ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt, sondern nur verwalten. Und Verwaltung war noch nie ein besonders sinnliches Geschäft.