Inventar des Verschwindens

Es verschwindet nicht plötzlich, nichts geht mit einem Knall verloren, kein Alarm, keine Sirene, keine dramatische Geste, sondern nur dieses leise, unerträgliche Fortschreiten einer Welt, in der Dinge einfach nicht mehr da sind, ohne dass jemand sie aktiv weggenommen hätte – und genau darin liegt der Zynismus, denn was nicht mehr existiert, kann angeblich auch nicht vermisst werden; die SD-Karte ist weg, ach ja, wer braucht die schon, die Cloud ist doch „praktischer“, und praktischer bedeutet in dieser neuen Grammatik nichts anderes als: fremdbestimmt, kostenpflichtig, jederzeit entziehbar. Das alte Regal mit DVDs? Ein Fossil. Die Kassette? Ein Witz. Das eigene Archiv? Ein sentimentaler Fehler. Alles, was einmal greifbar war, wird erst als umständlich erklärt, dann als überholt, und schließlich als gar nicht mehr denkbar – und währenddessen wird ein neues System installiert, eines, das nicht besitzt, sondern gewährt, nicht gehört, sondern erlaubt, und das jederzeit, mit der Eleganz eines Mausklicks, wieder entzieht, was es zuvor großzügig zur Nutzung überlassen hat.

Fortschritt, der schmerzt, weil er lächelt

Dieser Fortschritt ist kein brutaler Räuber, sondern ein höflicher Concierge, der die Tür aufhält, während er gleichzeitig das Haus verkauft, und zwar Zimmer für Zimmer, Gewohnheit für Gewohnheit, bis nichts mehr übrig ist außer einem Zugangscode, der monatlich verlängert werden muss. Der Kopfhöreranschluss verschwindet nicht, er wird „mutig weggelassen“, eine ästhetische Entscheidung, fast schon Kunst, und die neue kabellose Freiheit hängt dann an einem Akku, der stirbt, wann immer es ihm beliebt, und an einem Preis, der so selbstverständlich wirkt, als hätte es nie eine Alternative gegeben. Das Auto gehört einem nicht mehr wirklich, es gehört einem System aus Updates, Werkstattbindungen und digitalen Schranken, die sich nur öffnen lassen, wenn die richtigen Gebühren entrichtet wurden. Und irgendwo, weit entfernt von diesen kleinen Alltagsdetails, wird auch das Saatgut standardisiert, reguliert, normiert, bis die Idee, dass jemand einfach etwas anbaut, vermehrt und wiederverwendet, fast schon subversiv klingt, wie ein anarchistischer Akt gegen die Ordnung der Dinge.

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Die sanfte Schule der Ohnmacht

Es ist eine Erziehung, und sie ist erschreckend effektiv, weil sie nicht als solche erkannt wird: Zuerst verschwindet eine Option, dann wird sie vergessen, dann wird sie lächerlich gemacht, und am Ende erscheint sie als unvernünftig – wer würde heute noch darauf bestehen, Dinge selbst zu besitzen, wenn doch alles so bequem bereitgestellt wird? Bequemlichkeit ist die freundlichste Form der Entmündigung, ein weiches Kissen, auf dem der Verlust einschläft, ohne je aufzuwachen. Die freie Werkstatt wird zum Risiko erklärt, der eigene Eingriff zum Problem, die Selbstständigkeit zur Gefahr; und so bleibt am Ende nur noch das autorisierte System, das zertifizierte Handeln, die erlaubte Nutzung – ein Leben in perfekt ausgeleuchteten Grenzen, in denen alles möglich ist, solange es vorgesehen ist.

Der Markt, der nicht fragt

Niemand muss etwas verbieten, wenn sich alles auch so erledigen lässt. Der Markt arbeitet geduldig, beinahe liebevoll, indem er Alternativen austrocknet, bis nur noch eine Möglichkeit übrig bleibt, die dann als Wahl verkauft wird. Es ist ein stilles, effizientes Aussortieren: Was nicht profitabel ist, verschwindet; was nicht kontrollierbar ist, wird angepasst; und was sich weder anpassen noch monetarisieren lässt, wird schlicht aus der Realität entfernt. Und das Erstaunliche – oder vielleicht das Tragische – ist, wie bereitwillig diese Entwicklung akzeptiert wird, solange sie in das Vokabular des Fortschritts gekleidet ist, solange sie verspricht, schneller, einfacher, moderner zu sein, selbst wenn sie im Kern nur bedeutet, dass weniger übrig bleibt.

Freiheit als Abonnement

Die Freiheit hat ihre Form geändert, und sie ist kaum wiederzuerkennen: Sie ist kein Zustand mehr, sondern ein Dienst, kein Recht, sondern ein Angebot, kein Besitz, sondern ein Zugang – jederzeit kündbar, jederzeit änderbar, jederzeit eingeschränkt. Die Auswahl ist groß, die Unterschiede sind minimal, und alles führt zu demselben Punkt: bezahlen, akzeptieren, weitermachen. Die Illusion ist perfekt, weil sie nicht lügt, sondern nur auslässt; ja, es gibt viele Optionen, aber keine, die aus dem System herausführt. Die Vielfalt ist dekorativ, die Abhängigkeit strukturell, und das Ergebnis ist eine Freiheit, die sich anfühlt wie eine Entscheidung, obwohl sie längst keine mehr ist.

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Die Tragikomödie des Selbstverständlichen

Es wirkt fast schon grotesk, dass die Forderung nach Selbstverständlichkeit – nach Besitz, nach Zugriff, nach Autonomie – heute wie eine exzentrische Marotte klingt, als würde jemand ernsthaft verlangen, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, anstatt eine Flatrate abzuschließen. Die Realität hat sich so weit verschoben, dass das Normale erklärungsbedürftig geworden ist, und das Absurde als logisch gilt, solange es effizient organisiert ist. Der Sarkasmus ergibt sich fast von selbst, weil die Situation jede Übertreibung unterbietet: Es wird genommen, und gleichzeitig wird dafür gedankt; es wird eingeschränkt, und gleichzeitig wird es als Erweiterung verkauft; es wird abhängig gemacht, und gleichzeitig wird von Freiheit gesprochen.

Ein Ende, das keines ist

Und so geht es weiter, unaufgeregt, unaufhaltsam, Schritt für Schritt, Funktion für Funktion, bis eines Tages der Gedanke aufkommt – nicht laut, nicht dramatisch, sondern eher wie ein leiser Zweifel –, dass vielleicht etwas fehlt, ohne genau sagen zu können, was es ist. Kein einzelner Verlust, kein klarer Moment, sondern eine Summe aus Abwesenheiten, die sich nicht mehr benennen lassen, weil ihre Begriffe längst verschwunden sind. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Entwicklung: dass nicht nur die Dinge selbst verschwinden, sondern auch die Sprache, mit der man ihren Verlust beschreiben könnte. Und was sich nicht mehr benennen lässt, lässt sich auch nicht mehr einfordern – und genau darin liegt die endgültige, vollendete Eleganz dieser leisen, lächelnden Enteignung.