Die neue Unfreiheit im Gewande der Tugend

In jenen Tagen, da die Republik sich selbstgefällig im Spiegel ihrer eigenen Moralbetrachtung bespiegelt und dabei vor lauter Haltung kaum noch atmen kann, offenbart sich ein Paradoxon von geradezu grotesker Prägung: Die Meinungsfreiheit, jenes zarte Pflänzchen, das man einst mit heiligem Pathos gegen die Mauern der Diktatur verteidigte, welkt nun unter dem behütenden Schatten jener, die sich als ihre eifrigsten Gärtner gerieren. Was ehedem als unantastbares Grundrecht galt, mutiert unter den Händen selbsternannter Tugendwächter zu einem Privilegium, das nur jenen zuteilwird, deren Ansichten den herrschenden Konsens nicht allzu unangenehm stören. Die Gesellschaft, polarisiert bis in die feinsten Verästelungen des Alltags, erträgt den Dissens nicht mehr als belebende Reibung, sondern behandelt ihn als ansteckende Krankheit, die isoliert, geächtet und notfalls unter Quarantäne gestellt werden muss. Man beobachtet, wie das Meinungsklima zusehends autoritäre Züge annimmt, wie Bürger in privaten Gesprächen die Stimme senken, Blicke über die Schulter werfen und Formulierungen abwägen, als stünde hinter jeder unbedachten Äußerung bereits das nächste Tribunal. Diese Angst ist keine Einbildung, sondern das logische Produkt eines Konformitätsdrucks, der sich aus der Unfähigkeit speist, Widerspruch anders zu begegnen als mit moralischer Entrüstung. Wer abweicht, wird nicht widerlegt, sondern ausgegrenzt; wer fragt, wird nicht belehrt, sondern beleuchtet – und zwar so grell, dass der Schatten der Anständigkeit ihn verschlingt. Die Hürden für den Ausschluss aus dem Diskurs fallen niedriger als jene, die einst den Zugang zur Parteimitgliedschaft in der alten DDR versperrten, und man fragt sich mit zynischem Schmunzeln, ob die neue Zeit nicht einfach die alten Methoden in pastellfarbene Phrasen gekleidet hat.

Vom Konformitätsdruck zur autoritären Versuchung

Die Ausgrenzung Andersdenkender hat sich längst von einer gesellschaftlichen Mode zu einem quasi-institutionellen Reflex entwickelt, der offene Debatten nicht nur erschwert, sondern systematisch unmöglich macht. Man erlebt, wie staatliche Instanzen, die eigentlich als Hüter der Pluralität fungieren sollten, zusehends in die Rolle von Gesinnungsprüfern schlüpfen, wobei die Grenze zwischen berechtigter Abwehr und offener Repression immer undeutlicher verschwimmt. Der Ruf nach Verboten ertönt nicht mehr aus den dunklen Ecken der Extremisten, sondern aus den hell erleuchteten Studios jener, die sich als Stimme der Vernunft gerieren und doch vor lauter Empörung die sachliche Auseinandersetzung längst aufgegeben haben. Wenn die rechtlichen Hürden für ein Parteiverbot derart absinken, dass selbst eine Kraft wie die AfD, so unliebsam ihre Positionen manchen auch erscheinen mögen, in den Fadenkreuz der Verbotsfantasien gerät, dann zeichnet sich nicht etwa der Triumph der Demokratie ab, sondern deren schleichende Selbstaufgabe. Eine Demokratie, die ihre Gegner nicht durch Argumente, sondern durch Ausschluss zu bändigen sucht, verrät damit nichts Geringeres als das eigene Fundament: die Überzeugung, dass Wahrheit im Widerstreit entsteht und nicht in der sterilisierten Blase der Gleichgesinnten. Der neue Autoritarismus, der aus der Unfähigkeit zur nüchternen Kontroverse immer ungenierter nach dem Verbot greift, trägt das Gesicht der Tugend und die Zähne der Intoleranz; er lächelt, während er zubeißt, und nennt das Resultat „Schutz der Demokratie“. Man mag darüber lachen – und muss es, um nicht zu verzweifeln –, dass ausgerechnet jene, die einst gegen jede Form der Bevormundung wetterten, nun das betreute Denken als höchste Form der Aufklärung feiern.

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Cancel Culture und der betroffene Journalismus

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und an den Hochschulen, jenen Bastionen, die einst als Freistätten des kritischen Geistes galten, hat sich eine Cancel Culture etabliert, die mit der Präzision eines Uhrwerks und der Barmherzigkeit einer Guillotine operiert. Haltungsjournalismus, dieses paradoxe Kunstprodukt, das Meinung und Nachricht in einem einzigen moralischen Smoothie verrührt, betreibt die sanfte Umerziehung des Publikums mit der Beharrlichkeit eines Missionars, dem die Heiden zu nahe kommen. Man beobachtet, wie unbotmäßige Bürger, deren Ansichten nicht in das vorgefertigte Narrativ passen, unter Druck gesetzt, diskreditiert oder schlichtweg aus dem Diskurs entfernt werden – und wie dies bei vielen im Osten der Republik Erinnerungen an Zeiten weckt, da die Wahrheit ebenfalls eine Parteiangelegenheit war und Abweichung mit sozialer Kälte bestraft wurde. Die staatlichen und halbstaatlichen Meldestellen, NGOs und sonstigen Gesinnungswächter fungieren dabei als moderne Inquisition, die nicht mehr auf dem Scheiterhaufen, sondern in den sozialen Medien und den Redaktionsstuben ihre Urteile vollstrecken. Zensur und politische Verfolgung erscheinen nicht mehr im groben Gewand der Vergangenheit, sondern im schicken Outfit der Verantwortung; sie sprechen von „Hate Speech“, wo sie Widerspruch meinen, und von „Sicherheit“, wo sie Kontrolle anstreben. Der Zynismus liegt darin, dass dieser neue Autoritarismus sich selbst als antifaschistisch etikettiert, während er Methoden praktiziert, die jeder Diktatur Ehre machen würden – und dass er dabei noch die Stirn hat, sich über die Polarisierung zu wundern, die er selbst befeuert.

Ein Festival als Fanal gegen den Zeitgeist

Angesichts dieser Entwicklung, die Deutschland zusehends in die Nähe eines autoritären Gebildes rückt, erscheint es geradezu als Akt der Notwehr, ein Zeichen zu setzen – und sei es in Form eines Festivals der Meinungsfreiheit. Dort sollen die aktuellen Herausforderungen für die freie Rede in den Blick genommen werden: von der Zensur und der politischen Verfolgung über die Cancel Culture in den Anstalten des öffentlichen Rundfunks und den Hörsälen der Universitäten bis hin zur staatlich gelenkten Meinungsmache durch NGOs und Meldestellen. Es handelt sich nicht um ein idyllisches Stelldichein Gleichgesinnter, sondern um den Versuch, dem toxischen Klima der Verbote und der moralischen Erpressung etwas entgegenzusetzen, das dem Namen Freiheit noch gerecht wird. Man mag darüber spotten, dass ausgerechnet in einer Zeit, da das Denken betreut und die Debatte kastriert wird, ein solches Festival nötig erscheint; doch der Spott selbst ist bereits Teil der Antwort. Denn solange der Ruf nach Verboten lauter ertönt als der nach Argumenten, solange die Erinnerung an frühere Unfreiheiten im Osten nicht als Mahnung, sondern als Ablenkung abgetan wird, bleibt nur der zynische Humor, um die Absurdität zu ertragen – und der Entschluss, dem autoritären Drift nicht tatenlos zuzusehen. Die Demokratie, die sich selbst durch Ausschluss retten will, rettet letztlich nur ihre eigene Erstarrung; und wer das nicht erkennt, der hat bereits aufgehört, frei zu denken.