Der Satz steht wie ein schiefer Triumphbogen über einer Epoche, die sich selbst allzu gern als moralischer Hochglanzkatalog verkaufte: „Hasta la victoria siempre“ – ein Schlachtruf, der in der Popkultur zur Posterware gerann, während sein ironisches Echo, „Hasta la victoria de los idiotas siempre“, eher als Fußnote im Archiv des gesunden Zynismus überlebt. Denn was als heroischer Aufbruch begann, endete nicht selten in jener unerquicklich vertrauten Mischung aus Dogma, Dünkel und der bemerkenswerten Fähigkeit, die eigenen Ideale mit chirurgischer Präzision zu verraten. Die Revolution als moralische Manufaktur – mit Ausschussproduktion.
In den Tagebüchern eines jungen Arztes, der später zur Ikone erstarren sollte, findet sich ein Satz, der weniger zitiert wird als die pathetischen Parolen: Che Guevara notierte in seinen „Diarios de Motocicleta“ über einen homosexuellen Mann: „…abgesehen davon, dass er ein sexueller Pervertierter und ein erstklassiger Langweiler war…“. Es ist ein Satz wie ein Riss im Monument, klein genug, um übersehen zu werden, groß genug, um das gesamte Bauwerk infrage zu stellen. Denn Ikonen dulden keine Widersprüche, und doch bestehen sie fast ausschließlich aus ihnen.
Der neue Mensch und die alten Vorurteile
Die Kubanische Revolution, getragen von Figuren wie Fidel Castro und eben jenem Guevara, versprach die Geburt eines „neuen sozialistischen Menschen“. Ein Wesen, geläutert von kapitalistischen Lastern, diszipliniert, solidarisch, produktiv – kurz: eine Art moralischer Prototyp, geschniegelt wäre fast das falsche Wort, denn es ging nicht um Eleganz, sondern um ideologische Reinheit. Und wie es mit Reinheitsphantasien so ist: Sie produzieren zwangsläufig Unreinheiten, die beseitigt werden müssen.
Homosexuelle galten als „desviados“, als Abweichler, als „enfermos“, Kranke – Begriffe, die weniger diagnostisch als politisch funktionierten. Nicht die Vielfalt menschlicher Existenz wurde vermessen, sondern ihre Abweichung von einem normativen Ideal. Der „neue Mensch“ war, bei näherer Betrachtung, ein erstaunlich alter Mensch: patriarchal, normativ, intolerant gegenüber allem, was nicht in das Raster passte. Fortschritt als Maskerade, unter der sich die vertrauten Gesichter der Ausgrenzung verbargen.
Umerziehung als Produktionszweig
Die Konsequenz dieser Logik materialisierte sich ab 1965 in den sogenannten UMAP-Lagern. Der Name klingt wie ein Verwaltungsakt, nüchtern, beinahe technokratisch: „Militärische Einheiten zur Unterstützung der Produktion“. Ein Titel, der so harmlos wirkt, dass er beinahe schon als literarische Pointe durchginge, wäre der Inhalt nicht so unerquicklich real gewesen. Tausende Homosexuelle, religiöse Menschen, Hippies und andere als „abweichend“ Markierte wurden dorthin verbracht – offiziell zur Umerziehung und zur Arbeit, faktisch zur Internierung und Zwangsarbeit.
Es ist die alte Geschichte, neu erzählt: Wer nicht passt, wird passend gemacht. Und wenn das nicht gelingt, wird zumindest die Illusion der Passform hergestellt. Der Mensch als Rohmaterial, das im Namen einer höheren Idee bearbeitet wird. Dass diese „höhere Idee“ sich selbst als Befreiungsprojekt verstand, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche, fast schon groteske Ironie. Die Befreiung, so scheint es, war selektiv – ein exklusives Gut für jene, die den Normen entsprachen.
Ikonen und ihre Schatten
Die Popularität von Che Guevara als globales Symbol – auf T-Shirts, Postern, Kaffeetassen – wirkt vor diesem Hintergrund wie ein kulturelles Paradox. Der Mann als Marke, das Gesicht als Emblem des Widerstands, während die unbequemen Aspekte seiner Biografie in den Hintergrund treten. Es ist, als hätte die Geschichte beschlossen, ihre eigenen Fußnoten zu überblenden, um das Hauptnarrativ nicht zu stören. „Revolution“ verkauft sich besser als „Ambivalenz“.
Doch gerade in diesen Ambivalenzen liegt die eigentliche historische Wahrheit. Weder Guevara noch Castro waren eindimensionale Karikaturen, aber ebenso wenig die makellosen Helden, zu denen sie stilisiert wurden. Ihre Politik gegenüber Homosexuellen war kein zufälliger Ausrutscher, sondern Ausdruck eines Systems, das Abweichung als Bedrohung definierte. Die UMAP-Lager waren keine Randnotiz, sondern ein Symptom.
Die Dialektik der moralischen Überlegenheit
Es gehört zu den langlebigsten Illusionen politischer Bewegungen, dass die eigene moralische Überlegenheit immun gegen Kritik macht. Wer sich auf der „richtigen Seite der Geschichte“ wähnt, neigt dazu, die Schattenseiten als notwendige Kollateralschäden zu deklarieren. In dieser Logik werden Lager zu „Umerziehungszentren“, Diskriminierung zu „sozialer Hygiene“ und Vorurteile zu „revolutionärer Wachsamkeit“.
Der Zynismus liegt nicht nur in den Taten, sondern in ihrer Rechtfertigung. „Der Zweck heiligt die Mittel“ – ein Satz, der in keinem offiziellen Dokument stehen muss, um dennoch als inoffizielle Leitlinie zu fungieren. Und so marschiert die Revolution voran, begleitet von Parolen, während im Hintergrund jene aussortiert werden, die nicht ins Bild passen.
Ein augenzwinkerndes Fazit
„Hasta la victoria de los idiotas siempre“ – vielleicht ist dieser Satz weniger Spott als Diagnose. Denn die Geschichte zeigt eine bemerkenswerte Konstanz: Ideologien, die den Menschen neu erfinden wollen, scheitern oft an der Unfähigkeit, ihn in seiner bestehenden Vielfalt zu akzeptieren. Der „neue Mensch“ bleibt ein Phantom, während der alte Mensch, mit all seinen Vorurteilen und Widersprüchen, hartnäckig bestehen bleibt – gelegentlich sogar im Gewand der Revolution.
Das Augenzwinkern liegt darin, dass die Ironie sich selbst überlebt: Die Helden werden zu Ikonen, die Ikonen zu Klischees, und die Klischees zu Verkaufsartikeln. Was bleibt, ist die leise, unbequeme Erkenntnis, dass Fortschritt ohne Selbstkritik selten mehr ist als ein gut inszenierter Stillstand – und dass die „Idioten“ in diesem Spiel erstaunlich oft das letzte Wort behalten.