Der gelehrte Blick und seine bequeme Gewissheit

Es gibt Texte, die weniger über die Welt berichten als über den Blick, der sie vermisst. Das 1714 auf Latein verfasste Werk des Geografen, Kartografen und Philologen Adriaan Reland gehört zweifellos in diese Kategorie – ein gelehrtes Monument der Vermessungslust, das sich mit der Autorität des Vielsprachigen und der Gravitas des Systematikers ausstattet und dabei eine Region beschreibt, die es, streng genommen, gar nicht gesehen hat. „Palästina ist hauptsächlich leer“, notiert der Gelehrte mit jener entwaffnenden Ruhe, die nur aus sicherer Entfernung möglich ist. Ein Satz, der weniger wie eine Beobachtung wirkt als wie ein Dekret: leer, verlassen, dünn besiedelt – eine Bühne, die auf ihre eigentlichen Akteure zu warten scheint. Die Ironie liegt darin, dass diese vermeintliche Leere nicht als Mangel erscheint, sondern als implizite Einladung zur Projektion. Wo wenig ist, lässt sich viel behaupten.

Relands Gelehrsamkeit ist unbestreitbar: Arabisch, Altgriechisch, Hebräisch – ein polyglotter Zugriff auf die Welt, der suggeriert, die Dinge in ihrer Tiefe zu verstehen. Doch Sprache ist kein Ersatz für Anschauung, und die Philologie kein Fernglas. Die fast 2.500 biblischen Siedlungen, die er katalogisiert, sind weniger ein Inventar der Gegenwart als ein Echo der Schrift. Die Kartografie wird zur Exegese, das Land zum Kommentartext. „Die Namen der meisten Siedlungen sind jüdischen Ursprungs“, heißt es mit dem Tonfall einer Entdeckung, die sich in Wahrheit aus der gewählten Quellenlage ergibt. Wer die Welt durch die Bibel liest, wird sie zwangsläufig biblisch finden – eine Erkenntnis, die so trivial ist, dass sie sich gern als Tiefsinn verkleidet.

Bevölkerung als Rechenaufgabe

Die angebliche Volkszählung, die Reland aus verstreuten Berichten zusammenstellt, wirkt wie der Versuch, einem flüchtigen Gegenstand eine feste Zahl aufzuzwingen. Fünf tausend Menschen in Jerusalem, fast ausschließlich Juden und einige Christen; etwa 550 in Gaza, halb Juden, halb Christen; Nablus als exotische Ausnahme mit einer muslimischen Familie und einer kleinen Gruppe von Samaritanern. Zahlen, die mit der Präzision eines Rechnungsbuchs präsentiert werden, als ließe sich das soziale Gefüge einer Region in saubere Summen zerlegen. „Der Großteil der Bevölkerung ist jüdisch; fast alle anderen sind Christen“, lautet die Formel – ein Satz, der mit der Eleganz einer Gleichung daherkommt und mit der gleichen Blindheit gegenüber allem, was sich nicht addieren lässt.

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Die Muslime erscheinen in dieser Darstellung als Randnotiz, als nomadische Beduinen, die gelegentlich in die Städte kommen, um zu arbeiten, und dann wieder verschwinden wie Statisten nach der Vorstellung. Eine bemerkenswerte Reduktion, die weniger über die tatsächliche Präsenz aussagt als über die Wahrnehmung dessen, der zählt. Der sesshafte Blick erkennt vor allem Sesshafte; das Nomadische wird zur Abweichung, zur Fußnote, zur kaum erwähnenswerten Ausnahme. Dass eine solche Perspektive die Realität verzerrt, ist weniger ein Skandal als eine methodische Konsequenz – allerdings eine, die sich mit dem Pathos der Objektivität tarnt.

Die Tyrannei der Namen

Besonders reizvoll ist Relands Umgang mit Ortsnamen, jener scheinbar unschuldigen Kategorie, die sich bei näherem Hinsehen als politisches Minenfeld entpuppt. „Abgesehen von der Stadt Ramla gibt es keine arabische Siedlung, deren ursprünglicher Name arabisch ist“, heißt es, gefolgt von der süffisanten Bemerkung, dass ins Arabische angepasste Namen „keinen Sinn ergeben“. Ein Satz, der gleichzeitig sprachwissenschaftlich und polemisch sein möchte und dabei vor allem eines zeigt: die Überzeugung, dass Sinn dort endet, wo die eigene philologische Ordnung nicht mehr greift.

Namen sind jedoch keine fossilen Relikte, die auf ihre ursprüngliche Reinheit zurückgeführt werden wollen, sondern lebendige Zeichen, die sich im Gebrauch verändern. Dass ein griechischer oder hebräischer Name im Arabischen anders klingt, ist kein Verlust an Bedeutung, sondern Ausdruck historischer Kontinuität in veränderter Form. Relands Unbehagen gegenüber diesen „entstellten“ Namen verrät weniger über die Orte als über ein Ideal von sprachlicher Reinheit, das mit der Wirklichkeit wenig Geduld hat. Die Welt soll übersichtlich sein, die Namen eindeutig, die Herkunft klar – ein Wunsch, der in der Praxis so zuverlässig scheitert wie jede andere Sehnsucht nach Ordnung.

Landwirtschaft, Handel und die moralische Geografie

Auch die Zuordnung wirtschaftlicher Tätigkeiten folgt einem Muster, das man mit einem wohlwollenden Lächeln als „typologisch“ bezeichnen könnte. Juden, so heißt es, seien erfolgreich in der Landwirtschaft, insbesondere bei Weinbergen, Oliven und Weizen; Christen hingegen dem Handel und dem Transport zugewandt. Eine Aufteilung, die mit der Eleganz einer antiken Charakterlehre daherkommt und die Komplexität sozialer Wirklichkeiten auf ein paar wohlklingende Rollen reduziert. Es ist, als würde die Region nach einem Drehbuch funktionieren, in dem jede Gruppe ihren festen Platz hat und die Handlung sich aus der Summe dieser Plätze ergibt.

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Diese „moralische Geografie“ – hier die fleißigen Bauern, dort die geschäftstüchtigen Händler – wirkt beruhigend, weil sie die Welt verständlich macht. Doch gerade diese Verständlichkeit ist ihr größter Makel. Sie glättet Widersprüche, ignoriert Überschneidungen und verwandelt lebendige Gesellschaften in Schaubilder. Dass Menschen mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen können, dass wirtschaftliche Tätigkeiten sich verändern, dass Zugehörigkeiten nicht eindeutig sind – all das passt schlecht in ein System, das auf klare Zuordnungen angewiesen ist.

Die Eleganz der Abwesenheit

Am bemerkenswertesten bleibt jedoch die leitende These der Leere. Ein Land, das „hauptsächlich leer“ ist, lässt sich leichter beschreiben als eines, das von widersprüchlichen Realitäten überquillt. Leere ist elegant, sie verlangt keine Differenzierung, keine mühsame Beschreibung des Unübersichtlichen. Sie ist die weiße Fläche auf der Karte, die darauf wartet, gefüllt zu werden – mit Daten, mit Deutungen, mit Ansprüchen. In diesem Sinne ist Relands Text weniger ein Bericht über Palästina als ein Beispiel dafür, wie Gelehrsamkeit sich ihre Gegenstände zurechtlegt.

Der Zynismus, der sich daraus ergibt, ist nicht der eines böswilligen Beobachters, sondern der eines Systems, das sich selbst genügt. Die Quellen bestätigen, was sie voraussetzen; die Zahlen stützen, was sie vereinfachen; die Namen sagen, was sie sagen sollen. Und irgendwo zwischen Latein und Landschaft entsteht eine Wirklichkeit, die so kohärent ist, dass sie fast glaubwürdig wirkt. Fast.

Nachklang eines gelehrten Traums

Es wäre zu einfach, Reland als bloßen Irrenden abzutun. Sein Werk ist vielmehr ein Symptom einer Epoche, die die Welt ordnen wollte und dabei ihre eigenen Kategorien mit der Realität verwechselte. „Ich beschreibe, also ist es so“, könnte das unausgesprochene Motto lauten – ein Satz, der in seiner Selbstgewissheit ebenso bewundernswert wie problematisch ist. Denn jede Beschreibung ist auch eine Entscheidung darüber, was nicht beschrieben wird.

So bleibt von diesem gelehrten Unternehmen ein eigentümlicher Nachgeschmack: die Bewunderung für die Akribie, gepaart mit Skepsis gegenüber ihren Ergebnissen. Die Region, die hier entworfen wird, ist weniger ein Ort als ein Text – ein Text, der sich mit Zahlen, Namen und Kategorien schmückt und dabei doch immer wieder durchscheinen lässt, dass er vor allem eines ist: ein Produkt seines Autors. Und vielleicht liegt genau darin seine bleibende Faszination.