Der flüchtige Augenblick der Vernunft

Es gehört zu den unerquicklichsten Ironien der Geschichte, dass ihre hellsten Momente oft nur als flüchtige Randnotizen überleben – wie eine kaum wahrnehmbare Fußnote im Protokoll einer Katastrophe. Im Jahr 1918, als das Osmanische Reich in sich zusammensackte wie ein überdehntes Bühnenbild, trat ein Mann auf den Plan, dessen Name heute eher als Kuriosum denn als Möglichkeit erinnert wird: Emir Feisal. Sohn des Scherifen von Mekka, Nachkomme des Propheten, militärischer Anführer und politischer Hoffnungsträger – kurzum: ein Mann, der alles mitbrachte, was man im frühen 20. Jahrhundert für historische Bedeutung benötigte, außer dem entscheidenden Glück, von der Zukunft verstanden zu werden.

Feisal betrachtete die Region nicht mit der religiösen Inbrunst späterer Ideologen, sondern mit der nüchternen Pragmatik eines politischen Realisten. Das Land, das später zum Zankapfel der Weltpolitik werden sollte, erschien ihm als das, was es damals tatsächlich war: ein vernachlässigtes, von Malaria geplagtes Gebiet, dessen landwirtschaftliche Produktivität sich eher im Bereich der Hoffnung als der Realität bewegte. In dieser Landschaft erkannte er keine heilige Unverfügbarkeit, sondern eine Chance – und zwar eine gemeinsame. Dass Juden, organisiert durch die zionistische Bewegung, Kapital, Wissen und Organisation mitbrachten, erschien ihm nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung. Ein Gedanke, so rational, dass er im Rückblick beinahe subversiv wirkt.

Die unerhörte Allianz

Als Feisal auf Chaim Weizmann traf, entstand etwas, das in der politischen Folklore des Nahen Ostens heute fast wie ein apokrypher Mythos wirkt: ein ernsthafter Versuch der Kooperation. 1919 wurde eine Vereinbarung unterzeichnet, die von „rassischer Verwandtschaft“ und „alten Banden“ sprach – Formulierungen, die im heutigen Diskurs entweder als naiv belächelt oder als politisch unkorrekt aus dem Verkehr gezogen würden.

Noch bemerkenswerter ist der Ton, den Feisal in seinem Brief an Felix Frankfurter anschlug. Dort ist nicht von Abwehr, nicht von Besitzansprüchen, nicht von historischer Exklusivität die Rede, sondern von Sympathie, ja beinahe von einer Vision gegenseitiger Abhängigkeit: „Keiner von uns kann ohne den anderen wirklich erfolgreich sein.“ Man möchte diese Zeilen rahmen und in die Hallen moderner Diplomatie hängen – nicht als Lösung, sondern als Erinnerung daran, dass Lösungen einmal denkbar waren.

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Selbst ein skeptischer britischer Beobachter wie Philip Noel-Baker ließ sich beeindrucken. Dass ein imperial geschulter Diplomat von einem arabischen Führer „zum Zionismus bekehrt“ wurde, gehört zu jenen historischen Anekdoten, die so unerquicklich sind, dass sie im kollektiven Gedächtnis lieber diskret verblassen.

Der Auftritt der Unvermeidlichen

Doch Geschichte duldet keine allzu harmonischen Entwürfe, ohne sie mit besonderer Grausamkeit zu korrigieren. Während Feisal noch von Gärten sprach, die „wie die Rose blühen“ sollten, bereitete sich die Realität auf ihren Gegenschlag vor – und sie wählte, wie so oft, die denkbar unerquicklichste Form: den Mob.

Im April 1920 eskalierte die Lage in Jerusalem während des Nebi-Musa-Festes. Unter der agitatorischen Anleitung eines Mannes, der später als Amin al-Husseini traurige Berühmtheit erlangen sollte, verwandelte sich religiöse Ekstase in organisierte Gewalt. Parolen wurden zu Schlägen, Schläge zu Pogromen, und die Vision einer Koexistenz verdampfte in der Hitze von Hass und Angst.

Es ist eine der bittersten Konstanten der Geschichte, dass differenzierte Stimmen selten gegen einfache Parolen bestehen. Während Feisal komplizierte Zukunftsentwürfe formulierte, boten seine Gegner etwas weitaus Attraktiveres: Klarheit durch Feindbilder. Wo Kooperation Geduld verlangt, liefert Extremismus sofortige emotionale Dividenden. Die Rechnung wird erst später präsentiert – und dann gewöhnlich von jenen bezahlt, die nie gefragt wurden.

Das Versagen der Mächtigen

Hinzu kam, dass das britische Mandat, jene oft beschworene „zivilisatorische Verantwortung“, sich als bemerkenswert flexibel im Umgang mit moralischen Prinzipien erwies. Antisemitisch gefärbte Sympathien innerhalb der Verwaltung trafen auf politische Kalküle, die Gewalt nicht verhinderten, sondern stillschweigend als nützliches Argument gegen den Zionismus betrachteten. Eine Haltung, die man wohlwollend als zynisch, weniger wohlwollend als brandgefährlich bezeichnen könnte.

Währenddessen wurde Feisal von den Franzosen aus Syrien verdrängt – ein geopolitischer Zug, der in seiner Kurzsichtigkeit fast schon lehrbuchhaft wirkt. Der pragmatische Akteur verschwindet von der Bühne, und das Vakuum wird, wie es sich gehört, von den Lautesten und Radikalsten gefüllt. Dass dies kein Zufall, sondern ein wiederkehrendes Muster ist, scheint die internationale Politik bis heute nicht nachhaltig beeindruckt zu haben.

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Die bequeme Amnesie

Heute wird die Geschichte oft so erzählt, als sei der Konflikt von Anfang an unausweichlich gewesen – ein ewiger, quasi naturgesetzlicher Zusammenstoß zweier unvereinbarer Ansprüche. Diese Darstellung hat den unschätzbaren Vorteil, Verantwortung elegant zu vermeiden. Denn was unausweichlich ist, muss nicht erklärt werden.

Doch der kurze Zeitraum von 1918 bis 1919 widerspricht dieser bequemen Erzählung mit unangenehmer Deutlichkeit. Es gab eine Alternative. Sie war nicht perfekt, nicht konfliktfrei, nicht utopisch – aber sie existierte. Und sie wurde nicht durch historische Notwendigkeit zerstört, sondern durch Entscheidungen, durch Gewalt, durch das gezielte Ausschalten moderater Stimmen.

Die Ironie der Gegenwart

So bleibt am Ende die vielleicht unerquicklichste Erkenntnis: Der „realistische“ Weg, der sich durchsetzte, erwies sich als der weitaus unrealistischere. Statt einer mühsamen, aber möglichen Koexistenz entstand ein Konflikt, der sich über Generationen hinweg verfestigte und dessen Lösung heute in einer Mischung aus Ritual, Rhetorik und Resignation erstarrt ist.

Die eigentliche Satire liegt darin, dass ausgerechnet die als naiv belächelte Vision Feisals im Rückblick die nüchternste aller Optionen war. Während die vermeintlichen Realisten auf Ausschluss, Dominanz und kurzfristige Mobilisierung setzten, formulierte er eine Einsicht, die bis heute Gültigkeit beanspruchen könnte – wenn man sie denn hören wollte.

Doch Geschichte ist kein Debattierclub, sondern ein Archiv verpasster Gelegenheiten. Und irgendwo zwischen den vergilbten Dokumenten liegt jener Moment, in dem ein arabischer Führer den Zionismus willkommen hieß – nicht als Provokation, sondern als Möglichkeit. Ein Moment, der so unerquicklich vernünftig war, dass er kaum eine Chance hatte, zu überleben.