Die Revolution und ihr Schattenkabinett der Vorurteile

Es gehört zu den unerquicklicheren Ironien der Ideengeschichte, dass gerade jene Denker, die sich anschickten, die Menschheit von Ausbeutung, Entfremdung und falschem Bewusstsein zu befreien, in ihren privaten Briefen und gelegentlichen Randbemerkungen einen Ton anschlagen, der eher an den muffigen Stammtisch als an die lichte Zukunft erinnert. Der Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels liefert dafür ein besonders unerquicklich glänzendes Beispiel: ein Archiv nicht nur der ökonomischen Analyse, sondern auch der Ressentiments. Man liest diese Stellen heute mit einem leichten Schwindelgefühl, als hätte man in einem ehrwürdigen Gebäude eine geheime Tür geöffnet und stünde plötzlich in einer schlecht gelüfteten Kammer, in der die großen Geister ihre kleinen Vorurteile aufbewahrten.

Die berüchtigte Bemerkung über „Dr. Boruttau“ als „Schwanzschwülen“ entfaltet dabei weniger analytische Schärfe als vielmehr eine vulgäre Beiläufigkeit, die den Leser in eine eigentümliche Verlegenheit stürzt: Sollte hier tatsächlich der Autor des „Kapitals“ sprechen, jener Titan der Gesellschaftskritik, oder doch nur ein Mann seiner Zeit, gefangen in den Konventionen und Abneigungen des 19. Jahrhunderts? Die Frage ist unerquicklich, weil sie keine elegante Antwort erlaubt. Es wäre bequem, die private Sphäre gegen das öffentliche Werk auszuspielen, doch gerade die Privatheit offenbart, was in der Öffentlichkeit sublimiert wird. Die Revolution, so scheint es, hatte auch ihre blinden Flecken, und diese waren keineswegs klein.

Fortschritt mit angezogener Handbremse

Noch deutlicher wird die Spannung zwischen Anspruch und Haltung in den Ausfällen von Engels gegen die frühen homosexuellen Emanzipationsbestrebungen, verkörpert etwa durch Karl Heinrich Ulrichs. Dass Engels den „Urning“ als „äußerst unnatürliche Enthüllungen“ bezeichnet und sich über eine angeblich drohende „Macht im Staate“ mokiert, liest sich heute wie eine unfreiwillige Parodie auf jene reaktionären Diskurse, gegen die sich der Marxismus doch eigentlich positionierte. Besonders der grotesk übersteigerte Schlachtruf „Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul“ wirkt wie ein Ausrutscher ins Groteske, ein Moment, in dem die Polemik sich selbst entlarvt und ins Lächerliche kippt.

TIP:  Der Fetisch der Mitte

Hier offenbart sich ein paradoxes Muster: Die Kritik an gesellschaftlicher Unterdrückung war offenbar selektiv. Während Klassenherrschaft mit unerbittlicher Präzision analysiert wurde, blieb die Unterdrückung sexueller Minderheiten außerhalb des theoretischen Radars – oder wurde gar aktiv reproduziert. Man könnte, leicht zynisch, von einer dialektischen Blindheit sprechen: Der Blick war so fest auf die ökonomischen Verhältnisse gerichtet, dass andere Formen von Herrschaft schlicht unsichtbar blieben. Fortschritt, so zeigt sich, ist selten ein gleichmäßig ausgeleuchtetes Gelände; eher gleicht er einer Baustelle mit schlecht beleuchteten Ecken.

Der Sozialismus und die Angst vor dem Körper

Die Reaktion von Joseph Stalin auf den Brief des britischen Kommunisten Harry Whyte – „Ein Idiot und ein Degenerierter.“ – wirkt dann fast wie die grobe, ungeschminkte Fortsetzung jener früheren Ressentiments, nur ohne den intellektuellen Firnis. Hier fällt jede Ambivalenz weg; übrig bleibt die nackte Verachtung, in einem Ton, der so unerquicklich direkt ist, dass er jede Interpretation überflüssig macht. Wo Marx und Engels noch zwischen Theorie und Privatmeinung oszillierten, herrscht hier die administrative Endgültigkeit: Abweichung wird nicht diskutiert, sondern pathologisiert.

Auch Wladimir Lenin begegnet der Sexualität weniger als Feld legitimer individueller Freiheit denn als verdächtige Ablenkung vom „eigentlichen“ Kampf. Die Beschäftigung mit Freud, freier Liebe oder überhaupt mit dem Körper erscheint als bürgerliche Dekadenz – ein Luxusproblem, das sich die revolutionäre Disziplin nicht leisten könne. In dieser Perspektive wird der Mensch auf seine Funktion im historischen Prozess reduziert; alles, was nicht unmittelbar zur Überwindung der Klassenverhältnisse beiträgt, gerät unter Verdacht. Der Körper wird zum Störfaktor, die Lust zum ideologischen Risiko.

Die große Erzählung und ihre kleinen Abgründe

Es wäre allerdings zu einfach, diese Widersprüche lediglich als persönliche Schwächen einzelner Denker abzutun. Sie verweisen vielmehr auf eine strukturelle Spannung innerhalb vieler universalistischer Projekte: den Anspruch, für die Menschheit zu sprechen, und die gleichzeitige Neigung, Teile dieser Menschheit implizit auszuschließen. Der Marxismus ist darin keineswegs einzigartig, aber er liefert ein besonders instruktives Beispiel, weil seine moralische und analytische Ambition so hoch gesteckt war. Je größer der Anspruch, desto sichtbarer die Abweichung.

TIP:  Der neue Ernst der Empfindlichkeit

Der satirische Blick erlaubt hier eine gewisse Entlastung: Man stelle sich vor, die „historische Mission des Proletariats“ stolpere über die eigenen Vorurteile wie über ein schlecht verlegtes Kabel. Die große Maschine der Dialektik läuft, rattert, produziert Begriffe von immenser Wucht – und bleibt dann ausgerechnet an Fragen hängen, die aus heutiger Sicht elementar erscheinen. Es ist, als hätte man ein gewaltiges Observatorium gebaut, das bis in die fernsten Galaxien blickt, aber direkt vor der eigenen Linse einen Fleck übersehen.

Nachwort ohne Erlösung

Was bleibt, ist keine einfache Abrechnung, sondern ein ambivalentes Bild: große Denker, deren Werk die Welt verändert hat, und deren persönliche Äußerungen zugleich zeigen, wie tief Vorurteile selbst in kritischen Köpfen verankert sein können. Der Versuch, diese Spannung aufzulösen, endet meist in Vereinfachungen – entweder in der apologetischen Glättung oder in der totalen Verdammung. Beides überzeugt wenig.

Vielleicht liegt der produktivere Zugang in der Anerkennung dieser Widersprüchlichkeit: als Mahnung, dass kein theoretisches System, so umfassend es sich auch geben mag, automatisch vor den blinden Flecken seiner Zeit schützt. Die Pointe, leicht zynisch formuliert, lautet dann: Selbst die radikalste Kritik der Verhältnisse garantiert noch lange keine radikale Kritik der eigenen Vorurteile. Und manchmal verrät ein unbedachter Satz im privaten Brief mehr über eine Epoche als ein ganzes theoretisches Hauptwerk.