Einmarsch und Ernüchterung

In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 rollten Panzerketten durch die Straßen von Prag, als handle es sich um eine besonders grobschlächtige Form politischer Interpunktion, die den Satz eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ mit Gewalt beendete, als wäre er ein grammatikalischer Fehler, den die Geschichte nicht zu dulden gedachte. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, angeführt von der Sowjetunion, wirkte nicht nur wie ein militärischer Akt, sondern wie die endgültige Fußnote unter einer Illusion, die in ihrer Naivität beinahe rührend war: dass ein autoritäres System sich selbst humanisieren könne, ohne seine eigene Grundlage zu zerstören. Die Bilder jener Tage – zerschossene Fassaden, improvisierte Barrikaden, verzweifelte Gesichter – sind von einer Klarheit, die jeder späteren Relativierung trotzt, während die politische Sprache jener Zeit bereits damit begann, sich in die wohlbekannten Nebel aus Rechtfertigungen und Notwendigkeiten zu flüchten. „Brüderliche Hilfe“, so nannte es die offizielle Rhetorik, ein Ausdruck, der in seiner Zynik fast literarische Qualität besitzt, weil er die Gewalt mit familiärer Fürsorge verwechselt, als sei der Panzer ein pädagogisches Instrument und die Besatzung eine Form der Erziehung.

Die westliche Pose

Während in Prag die Realität mit Kettenfahrzeugen definiert wurde, spielte sich im Westen, insbesondere in West-Berlin, ein ganz anderes Schauspiel ab, das sich selbst gern als Revolution verstand, in Wahrheit jedoch häufig eher den Charakter eines ideologischen Maskenballs trug, bei dem privilegierte Bürgerkinder die Rollen von Rebellen einübten, ohne je die Konsequenzen jener Systeme erfahren zu müssen, die sie so leidenschaftlich kritisierten. Es war die Stunde der Parolen, der Theoriezirkel, der wohlformulierten Empörung, und nicht selten auch die Stunde einer bemerkenswert selektiven Moral, die es erlaubte, die Verbrechen der einen Seite mit großer Lautstärke zu verurteilen, während man für die anderen eine bemerkenswerte Milde entwickelte, sofern diese nur das richtige ideologische Etikett trugen. Die Verehrung von Figuren wie Mao, deren historische Bilanz sich kaum mit den Kategorien von Fortschritt oder Humanität vereinbaren lässt, wurde zu einer Art intellektueller Mutprobe, als sei es ein Zeichen besonderer Radikalität, die Realität zugunsten einer Theorie zu ignorieren. Dass einige dieser Bewegungen später in den Terrorismus abglitten, war weniger ein Zufall als die logische Konsequenz einer Denkweise, die Gewalt als legitimes Mittel der politischen Selbstverwirklichung entdeckte, sobald sie sich moralisch im Recht wähnte.

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Die Differenz der Erfahrungen

Es gehört zu den unerquicklichsten, aber notwendigsten Einsichten jener Zeit, dass „1968“ kein einheitliches Ereignis war, sondern ein Kaleidoskop unterschiedlicher Erfahrungen, deren Gemeinsamkeit oft nur in der nachträglichen Verklärung besteht. In der Tschechoslowakei bedeutete es Hoffnung, Reform, vorsichtige Öffnung – und schließlich die brutale Rückkehr der Realität in Gestalt fremder Soldaten. Im Westen hingegen wurde es zum Symbol eines Aufbruchs, der sich nicht selten in einer Mischung aus moralischer Selbstüberhöhung und politischer Naivität erschöpfte. In der DDR wiederum hatte das Jahr eine ganz eigene, stillere, beinahe unsichtbare Dimension, geprägt von einer Gesellschaft, in der offene Revolte keine Option war und in der selbst das Denken unter Vorbehalt stand. Hier zeigte sich eine andere Form von 68, eine, die weniger laut, dafür umso existenzieller war, weil sie sich im Inneren der Menschen abspielte, in der Spannung zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Opportunismus und Integrität.

Die Ästhetik der Revolte

Es wäre jedoch zu einfach, die westliche Studentenbewegung lediglich als groteske Karikatur politischer Ernsthaftigkeit abzutun, denn sie besaß zweifellos eine ästhetische und kulturelle Dynamik, die weit über ihre politischen Forderungen hinausging. Sie veränderte Sprache, Lebensstile, Kunst und gesellschaftliche Normen, oft mit einer Radikalität, die ebenso befreiend wie irritierend wirkte. Doch gerade in dieser Ästhetisierung der Revolte lag auch ihre Schwäche, denn sie machte es möglich, Protest zu konsumieren, ihn zu einem Bestandteil der eigenen Identität zu machen, ohne sich den Konsequenzen einer wirklichen Systemveränderung stellen zu müssen. Der Demonstrationszug wurde zur Bühne, das Transparent zum Requisit, und die Revolution selbst zu einer Art kulturellem Event, dessen Dramatik sich hervorragend inszenieren ließ, solange sie nicht mit echten Risiken verbunden war. „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“, lautete ein berühmter Slogan, der zweifellos eine treffende Kritik an erstarrten Strukturen formulierte, zugleich aber auch die angenehme Gewissheit vermittelte, dass der eigene Protest bereits Teil der Lösung sei.

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Die Moral der doppelten Maßstäbe

Die vielleicht unerquicklichste Hinterlassenschaft dieser Epoche ist die Tendenz zu moralischen Doppelstandards, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt, als hätte man damals beschlossen, dass die Bewertung von Gewalt und Unterdrückung von der ideologischen Farbe des Täters abhängt. Während der Einmarsch in Prag als tragisches, aber im Westen oft erstaunlich abstrakt behandeltes Ereignis wahrgenommen wurde, entwickelte sich gleichzeitig eine Diskurskultur, in der die Kritik an den Vereinigten Staaten zum moralischen Imperativ erhoben wurde, während autoritäre Systeme auf der anderen Seite mit einer Mischung aus Nachsicht und Faszination betrachtet wurden. Diese selektive Empörung war kein bloßer Fehler, sondern ein strukturelles Merkmal einer Bewegung, die sich selbst als moralische Avantgarde verstand und gerade deshalb Schwierigkeiten hatte, ihre eigenen Widersprüche zu erkennen. Dass man die Freiheit im eigenen Land genoss, während man Systeme idealisierte, die genau diese Freiheit unterdrückten, gehört zu den bitteren Ironien dieser Zeit.

Nachhall und Selbsttäuschung

Die Erinnerung an 1968 ist heute weniger ein historisches Faktum als ein narratives Konstrukt, das je nach Perspektive als Triumph der Emanzipation oder als Paradebeispiel politischer Selbsttäuschung gelesen wird. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei steht dabei wie ein unübersehbarer Prüfstein, an dem sich die Ernsthaftigkeit aller damaligen Ideale messen lässt, und er zeigt mit einer Klarheit, die kaum Raum für Interpretationen lässt, wie wenig romantische Vorstellungen von „reformiertem Sozialismus“ der Realität standhalten konnten. Gleichzeitig offenbart der westliche Umgang mit diesen Ereignissen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Verdrängung, als hätte man beschlossen, dass bestimmte Widersprüche besser nicht allzu genau betrachtet werden sollten, um die eigene moralische Erzählung nicht zu gefährden. So bleibt von 1968 ein widersprüchliches Erbe, das zwischen berechtigtem Aufbruch und selbstgefälliger Pose oszilliert, zwischen echter Kritik und ideologischer Blindheit, zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Unfähigkeit, die Realität in ihrer ganzen Komplexität zu akzeptieren.

Epilog der unbequemen Wahrheit

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Geschichte selten die klaren moralischen Linien bietet, die man sich im Nachhinein gern zurechtlegt, und dass gerade jene, die sich als ihre progressiven Interpreten verstehen, nicht selten anfällig für die gleichen Illusionen sind, die sie zu bekämpfen vorgeben. Der August 1968 erinnert daran, dass Freiheit kein theoretisches Konzept ist, sondern eine konkrete Erfahrung, deren Verlust sich nicht durch Parolen kompensieren lässt, und dass politische Bewegungen, so leidenschaftlich sie auch auftreten mögen, stets an der Realität gemessen werden müssen, nicht an ihren eigenen Absichtserklärungen. Vielleicht liegt die eigentliche Tragik dieser Epoche weniger in ihren Fehlern als in ihrer Hartnäckigkeit, sie nicht als solche erkennen zu wollen, und in der bemerkenswerten Fähigkeit, selbst aus den deutlichsten Widerlegungen noch Bestätigung zu ziehen, als sei die Wirklichkeit lediglich ein unkooperativer Gesprächspartner, den man irgendwann schon überzeugen werde.