Es ist wieder einmal „kein Tag wie andere“, jene stehende Floskel, die in ihrer inflationären Verwendung längst selbst zum alltäglichen Inventar gehört, gleich neben dem Kaffeebecher auf dem Redaktionsschreibtisch und der moralischen Pflicht zur Betroffenheit. Eine Amokfahrt, so heißt es dann, und das Wort selbst trägt bereits jene Mischung aus Pathos und Abstumpfung in sich, die den modernen Nachrichtenbetrieb prägt: maximal aufgeladen, maximal entleert. Die Kollegenschaft der berichtenden Zunft tritt auf den Plan, in Ernsthaftigkeit, in routinierter Ergriffenheit, in professioneller Ratlosigkeit, in jener paradoxen Haltung, die zugleich alles sagen und nichts wissen will.
Die Kamera fährt über Absperrbänder, die Mikrofone sammeln Stille ein, als wäre sie ein Rohstoff, den man nur geschickt genug destillieren müsse, um daraus Bedeutung zu gewinnen. Doch Bedeutung ist Mangelware, gerade in den ersten Stunden, wenn das Bedürfnis nach Erklärung exponentiell wächst und die Faktenlage sich verhält wie ein schüchternes Tier: unsichtbar, widerspenstig, widersprüchlich. Und dennoch spricht man. Man spricht immer. Denn das Schweigen wäre, so scheint es, die eigentliche Katastrophe.
Die Pflicht zur Ahnungslosigkeit
„Wir wissen noch nichts Genaues“, lautet die ehrliche Lüge, die als Vorspann jeder Berichterstattung dient. Es ist ein bemerkenswerter Satz: eine Kapitulation, die sich als Transparenz tarnt. Zwischen den Worten schimmert das unausgesprochene „aber wir berichten trotzdem“. In dieser Lücke gedeiht die Spekulation wie Schimmel in schlecht gelüfteten Räumen.
Die journalistische Pflicht zur Zurückhaltung wird beschworen wie ein moralischer Schutzzauber, während gleichzeitig jede verfügbare Sekunde Sendezeit gefüllt werden muss. Ein Spagat, der weniger an artistische Eleganz erinnert als an ein hastiges Stolpern über die eigenen Ansprüche. „Man dürfe jetzt nicht vorschnell urteilen“, heißt es, unmittelbar gefolgt von einer Reihe vorschneller Einschätzungen, die sich vorsichtig als Fragen verkleiden: Könnte es ein Einzeltäter gewesen sein? Gibt es ein Motiv? War es politisch? War es persönlich? War es – man wagt es kaum auszusprechen – ein Zeichen unserer Zeit?
Die Frage ist dabei nie die Suche nach Erkenntnis, sondern die Inszenierung von Dringlichkeit. Wer fragt, wirkt tätig. Wer schweigt, wirkt abwesend. Und Abwesenheit ist im Zeitalter permanenter Präsenz ein unverzeihlicher Makel.
Betroffenheit als Berufskleidung
Die Mimik der Betroffenheit hat sich längst standardisiert. Ein leicht gesenkter Blick, eine gedämpfte Stimme, ein sorgfältig austariertes Maß an Pathos – nicht zu viel, um nicht theatralisch zu wirken, aber ausreichend, um die moralische Integrität zu unterstreichen. Es ist ein Code, den alle verstehen und keiner hinterfragt, weil er die Illusion von Anteilnahme aufrechterhält.
Dabei ist die Betroffenheit selbst ein merkwürdiges Phänomen: Sie muss gezeigt werden, um glaubwürdig zu sein, und verliert genau dadurch ihre Glaubwürdigkeit. Ein Paradox, das sich nicht auflösen lässt, sondern lediglich verwalten. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern“, wird gesagt, und man fragt sich unwillkürlich, ob Gedanken inzwischen eine Art journalistische Währung geworden sind – leicht verfügbar, unbegrenzt reproduzierbar und von zweifelhaftem Wert.
Doch die Alternative wäre Zynismus, und der ist offiziell verpönt, auch wenn er hinter den Kulissen leise kichert. Denn wer täglich mit Katastrophen arbeitet, entwickelt unweigerlich eine gewisse Routine im Umgang mit dem Ausnahmezustand. Das Außergewöhnliche wird zur Kategorie, die man archiviert, katalogisiert, sendefertig macht.
Die Dramaturgie des Entsetzens
Eine Amokfahrt ist nicht nur ein Ereignis, sondern auch ein narratives Rohmaterial. Sie verlangt nach Einordnung, nach Chronologie, nach Bildern, die sich einprägen. Die journalistische Maschine arbeitet fieberhaft daran, aus Fragmenten eine Geschichte zu formen, die sich erzählen lässt. Denn was sich erzählen lässt, lässt sich auch konsumieren.
Dabei entsteht eine eigentümliche Dramaturgie: der Schock, die Suche nach Ursachen, die moralische Bewertung, die leise Rückkehr zur Normalität. Ein Zyklus, der so verlässlich ist wie die nächste Schlagzeile. „Wie konnte es so weit kommen?“ ist dabei die zentrale Frage, deren Antwort selten befriedigend ausfällt, weil sie selten existiert. Doch die Frage selbst genügt, um den Anschein von Tiefe zu erzeugen.
Und irgendwo zwischen all dem steht der Journalist, der sich bemüht, nicht zum Zyniker zu werden, während er gleichzeitig Teil eines Systems ist, das Zynismus strukturell begünstigt. Ein System, das Geschwindigkeit belohnt und Zweifel bestraft, das Emotionalität fordert und Distanz verlangt, das Sensation verkauft und Zurückhaltung predigt.
Der ewige Ausnahmezustand
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der „Tag wie kein anderer“ längst zur Routine geworden ist. Die Sprache verrät es, die Gesten bestätigen es, die Abläufe zementieren es. Jeder neue Vorfall wird in das bestehende Raster eingefügt, jede neue Tragödie folgt dem vertrauten Muster.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik: nicht nur im Ereignis selbst, sondern in seiner Wiederholbarkeit, in seiner medialen Verwertbarkeit, in seiner Integration in einen Kreislauf, der keine Pause kennt. Die Journalisten, so könnte man sagen, sind zugleich Chronisten und Akteure dieses Kreislaufs, gefangen in einer Logik, die sie kritisieren und reproduzieren zugleich.
Und so wird auch der nächste „kein Tag wie andere“ kommen, angekündigt mit derselben Ernsthaftigkeit, begleitet von derselben Ratlosigkeit, abgeschlossen mit derselben resignierten Gewissheit, dass alles gesagt wurde und doch nichts verstanden ist. Ein leiser, bitterer Witz liegt darin, dass gerade diese Erkenntnis wohl die ehrlichste Form der Berichterstattung wäre – und genau deshalb kaum gesendet wird.