Die Ästhetik des Entsetzens

oder wenn das Unsagbare zur Pointe wird

Es gehört zu den unerquicklichsten Eigenheiten der Gegenwart, dass sich das moralisch Ungeheuerliche mit der Attitüde intellektueller Kühnheit tarnt. Wo einst Scham zumindest noch den Tonfall zügelte, wird heute das Entsetzen rhetorisch veredelt, bis es als „Gedanke“ durchgeht. Ein Universitätsprofessor, jener traditionsreiche Träger des Titels, der einmal für methodische Strenge und begriffliche Disziplin stand, tritt vor ein akademisches Publikum und erklärt ein Massaker zum „Schönsten des Jahrhunderts“. Die Formulierung ist nicht bloß geschmacklos, sie ist präzise gewählt – als ästhetische Kategorie, als bewusste Provokation, als kalkulierter Tabubruch. Dass es sich bei dem Urheber dieser Worte um Bassam Hussein handelt, Professor an der Norwegian University of Science and Technology, verleiht der Aussage nicht Gewicht, sondern eine zusätzliche Fallhöhe. Denn wenn die Universität noch etwas anderes sein soll als ein Marktplatz der Erregungen, dann müsste sie ein Ort sein, an dem Begriffe nicht nur geschleudert, sondern verantwortet werden.

Doch Verantwortung ist ein altmodischer Begriff in einer Zeit, die lieber „Narrative“ verwaltet. Der 7. Oktober 2023 – ein Datum, das sich in das Gedächtnis eingebrannt hat – wird hier nicht als Tragödie, nicht als Gewaltakt, nicht einmal als politisches Ereignis bezeichnet, sondern ästhetisiert. „Das Schönste“ – als hätte jemand eine Sonnenuntergangsstudie bewertet oder die Architektur eines Museums gewürdigt. Es ist diese Verschiebung vom Ethischen ins Ästhetische, die den eigentlichen Skandal darstellt. Denn wo das Schreckliche schön genannt wird, wird es nicht nur relativiert, sondern entkernt. Der Tod wird zur Metapher, das Leid zur Kulisse, das Grauen zur These.

Akademische Freiheit oder die Freiheit zur Geschmacklosigkeit

Selbstverständlich wird in solchen Momenten reflexhaft die akademische Freiheit bemüht, jenes große Schutzschild, unter dem sich mittlerweile alles versammeln darf – von bahnbrechenden Erkenntnissen bis zu gedanklichen Totalausfällen. Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, aber sie ist kein Freibrief für moralische Enthemmung. Sie schützt die Suche nach Wahrheit, nicht die Lust an der Provokation um ihrer selbst willen. Wer Gewalt ästhetisch verklärt, betreibt keine Analyse, sondern Inszenierung.

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Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Israelische Botschaft in Norwegen sprach von „schockierenden“ Äußerungen, und Eitan Halon diagnostizierte eine „Verherrlichung des Terrorismus“. Worte wie diese fallen nicht leichtfertig in den diplomatischen Sprachgebrauch, der normalerweise von höflicher Verklausulierung lebt. Wenn selbst dort die Sprache schärfer wird, dann ist das weniger Ausdruck von Empfindlichkeit als von Alarm.

Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob diese Empörung berechtigt ist – das ist sie –, sondern wie es möglich geworden ist, dass solche Aussagen überhaupt in einem akademischen Kontext artikuliert werden können, ohne dass der Raum selbst implodiert. Die Universität, einst ein Ort der Differenzierung, scheint zunehmend zur Bühne für moralische Grobschlächtigkeit zu werden, die sich als Radikalität ausgibt.

Die Biografie als Argument und ihre gefährliche Überdehnung

Selbstverständlich wird zur Einordnung der Hinweis auf die Herkunft des Professors bemüht: palästinensische Wurzeln, Familie im Gazastreifen, persönliche Betroffenheit. All dies ist menschlich nachvollziehbar, ja tragisch. Doch Betroffenheit ist kein Erkenntnisinstrument. Sie erklärt eine Perspektive, rechtfertigt aber keine Entgleisung. Wer persönliche Erfahrung zur epistemologischen Autorität erhebt, hebt zugleich die Möglichkeit der Kritik auf. Die Biografie wird dann zum Schutzschild, hinter dem sich jede noch so problematische Aussage verschanzen kann.

Es ist ein bekanntes Muster: Die eigene Position wird moralisch aufgeladen, die Gegenposition implizit delegitimiert. Kritik wird dann nicht als notwendiger Bestandteil des Diskurses verstanden, sondern als Angriff auf die Person. In einem solchen Klima wird das Denken nicht freier, sondern ärmer. Denn wo nicht mehr widersprochen werden darf, wird auch nicht mehr gedacht.

Norwegen zwischen Moralpolitik und diplomatischem Schlingerkurs

Der Vorfall fällt nicht in ein Vakuum. Die Beziehungen zwischen Norwegen und Israel sind seit geraumer Zeit angespannt. Die Anerkennung eines palästinensischen Staates durch Oslo, die kritischen Töne gegenüber der israelischen Regierung, der Rückzug des norwegischen Staatsfonds aus bestimmten Rüstungsinvestitionen – all dies bildet den Hintergrund, vor dem solche Aussagen eine zusätzliche Brisanz erhalten.

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Es wäre jedoch zu einfach, die Worte eines Professors als bloßes Symptom staatlicher Politik zu deuten. Sie sind vielmehr Ausdruck eines kulturellen Klimas, in dem moralische Grenzüberschreitungen zunehmend als Zeichen intellektueller Unerschrockenheit gefeiert werden. Der Tabubruch wird zur Währung, die Provokation zum Selbstzweck.

Die Ironie der Empörung und das Schweigen der Institutionen

Vielleicht liegt die größte Ironie darin, dass die Empörung selbst bereits ritualisiert ist. Sie folgt einem bekannten Drehbuch: Skandal, Verurteilung, Forderungen nach Konsequenzen, anschließend das langsame Abebben der Aufmerksamkeit. Die Universität prüft, wägt ab, verweist auf Verfahren. Der Betrieb läuft weiter, als wäre nichts geschehen.

Und doch bleibt etwas zurück – ein schaler Nachgeschmack, ein leises Misstrauen gegenüber einer Institution, die einst für Klarheit stand. Wenn ein Professor ein Massaker als „das Schönste“ bezeichnet und die institutionelle Reaktion sich in administrativer Routine erschöpft, dann stellt sich unweigerlich die Frage, ob hier nicht mehr auf dem Spiel steht als ein einzelner Ausrutscher.

Vielleicht ist es gerade diese Diskrepanz zwischen der Schwere der Worte und der Leichtigkeit ihres Vortrags, die so irritiert. Das Grauen wird beiläufig, fast nonchalant formuliert, als wäre es ein Gedanke unter vielen. Und genau darin liegt das eigentlich Beunruhigende: nicht im Skandal selbst, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der er möglich geworden ist.