Ein Kontinent der Baizuo

Es gibt Begriffe, die entstehen nicht in Universitäten, sondern in den Schützengräben der politischen Debatte. Manche werden als Schimpfwort geboren, andere als ironische Selbstbeschreibung, wieder andere als analytischer Versuch, ein schwer greifbares gesellschaftliches Phänomen auf einen prägnanten Nenner zu bringen. Der chinesische Ausdruck „Baizuo“, wörtlich „weiße Linke“, gehört zweifellos zur dritten Kategorie, auch wenn er längst alle drei Bedeutungen gleichzeitig angenommen hat. Ursprünglich von chinesischen Internetnutzern geprägt, beschreibt er nach deren Verständnis eine westliche, vor allem europäische und nordamerikanische akademische Mittelschicht, die sich moralisch über andere erhebt, ihre eigene Gesellschaft permanent problematisiert, universelle Menschenrechte predigt, ohne deren praktische Konsequenzen tragen zu müssen, und deren politischer Kompass sich weniger an der Wirklichkeit als am Wunsch orientiert, als besonders tugendhaft wahrgenommen zu werden. Dass ausgerechnet Beobachter aus einem autoritär regierten Staat den Westen mit einem moralphilosophischen Spitznamen versehen, besitzt bereits einen Reiz, den selbst Satiriker kaum hätten besser erfinden können. Ausgerechnet jene Gesellschaft, die für politische Korrektheit ungefähr so viel Begeisterung aufbringt wie für demokratische Mehrparteiensysteme, liefert Europa einen Begriff, mit dem sich erstaunlich viele europäische Debatten beschreiben lassen.

Die Religion der moralischen Reinheit

Jede Epoche entwickelt ihre Ersatzreligion. Wo früher Dogmen aus Kathedralen verkündet wurden, stammen sie heute häufig aus Talkshows, Universitätsseminaren, Stiftungen, NGOs und den Kommentarspalten sozialer Medien. Der moderne Baizuo glaubt weniger an Gott als an moralische Selbsterlösung. Das höchste Gut besteht nicht mehr darin, Probleme zu lösen, sondern die richtige Haltung zu demonstrieren. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern die Gesinnung. Der Mensch wird nicht mehr danach beurteilt, ob seine Politik funktioniert, sondern ob seine Absichten ausreichend edel formuliert wurden. Scheitert eine Maßnahme spektakulär, dann gilt dies nicht als Widerlegung ihrer Idee, sondern lediglich als Beweis dafür, dass sie noch nicht konsequent genug umgesetzt worden sei. Aus Fehlern werden keine Lehren gezogen, sondern neue Förderprogramme entwickelt.

So entsteht eine politische Kultur, in der Worte mehr Gewicht besitzen als Tatsachen. Begriffe werden sorgsamer gepflegt als Infrastruktur. Pronomen genießen größere Aufmerksamkeit als Stromnetze. Sprachleitfäden erscheinen schneller als Bauprojekte. Während Brücken einstürzen, Krankenhäuser Personal verlieren, Schulen Integrationsprobleme bewältigen müssen und Verwaltungen an der eigenen Bürokratie ersticken, wird mit bemerkenswerter Energie darüber diskutiert, welche Formulierung das emotionale Wohlbefinden einer statistisch kaum messbaren Minderheit am wenigsten beeinträchtigen könnte. Das alles geschieht selbstverständlich unter dem Banner der Menschlichkeit, denn kaum etwas eignet sich besser zur Immunisierung gegen Kritik als die Behauptung, ausschließlich aus Mitgefühl zu handeln.

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Der Luxus der folgenlosen Moral

Der Baizuo lebt bevorzugt dort, wo die Folgen seiner Überzeugungen möglichst selten persönlich spürbar werden. Die offene Grenze wird aus sicheren Wohnvierteln bejubelt. Die multikulturelle Bereicherung findet vorzugsweise in den Bezirken anderer Menschen statt. Sicherheitsprobleme werden zur statistischen Randnotiz erklärt, solange sie nicht den eigenen Fahrradweg betreffen. Wer auf Schwierigkeiten hinweist, gilt schnell als Pessimist, Populist oder rückwärtsgewandt. Dass Bürger durchaus zwischen Mitgefühl und Sicherheitsbedürfnis unterscheiden können, passt nicht in dieses Weltbild. Die Realität wird deshalb nicht widerlegt, sondern moralisch delegitimiert.

Hier offenbart sich ein bemerkenswertes Paradoxon. Dieselben Kreise, die jede Form kultureller Aneignung als nahezu kolonialen Gewaltakt betrachten, erwarten gleichzeitig von Millionen Einwanderern eine nahezu augenblickliche Übernahme liberaler westlicher Werte. Einerseits gilt Kultur als unveränderlich und identitätsstiftend, andererseits sollen tief verwurzelte religiöse oder gesellschaftliche Vorstellungen binnen weniger Monate verschwinden. Diese intellektuelle Akrobatik verdient beinahe olympisches Gold.

Die Politik der Gefühle

Im Kontinent der Baizuo besitzt das Gefühl eine höhere Autorität als die Statistik. Zahlen wirken verdächtig, weil sie nicht selten unangenehme Zusammenhänge sichtbar machen. Gefühle hingegen lassen sich weder falsifizieren noch überprüfen und eignen sich deshalb hervorragend als politisches Fundament. Wer sich diskriminiert fühlt, besitzt moralischen Vorrang gegenüber demjenigen, der auf objektive Entwicklungen verweist. Emotion ersetzt Evidenz. Betroffenheit ersetzt Analyse. Narrative ersetzen Wirklichkeit.

Der Philosoph Karl Popper warnte einst davor, dass gute Absichten niemals ausreichen, um gute Politik zu garantieren. Diese Erkenntnis scheint im europäischen Diskurs gelegentlich als überholtes Relikt der Aufklärung betrachtet zu werden. Stattdessen entsteht der Eindruck, Politik sei eine Form kollektiver Gruppentherapie. Hauptaufgabe des Staates ist nicht mehr primär Sicherheit, Ordnung oder Infrastruktur, sondern emotionale Begleitung sämtlicher gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Das Ministerium des Inneren verwandelt sich langsam in ein Ministerium der inneren Gefühle.

Die Bürokratie als Sakrament

Jede Ideologie produziert ihre Verwaltung. Wo früher Mönche Manuskripte kopierten, verfassen heute Beamte Leitlinien, Richtlinien, Verordnungen und Handlungsempfehlungen. Der europäische Baizuo liebt Regelwerke beinahe ebenso sehr wie moralische Appelle. Für jedes gesellschaftliche Problem existiert ein Formular. Für jede Krise entsteht eine Arbeitsgruppe. Für jede Arbeitsgruppe folgt eine Expertinnen- und Expertenkommission, deren wichtigste Leistung darin besteht, einen Bericht zu veröffentlichen, der die Einrichtung weiterer Arbeitsgruppen empfiehlt.

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Der Bürger entwickelt dabei eine bemerkenswerte Fähigkeit, Formulare auszufüllen, deren Zweck selbst den Verfassern kaum noch vollständig verständlich ist. Die Bürokratie wächst mit einer biologischen Eigenständigkeit, die Darwin vermutlich fasziniert hätte. Sie vermehrt sich unabhängig vom Nutzen ihrer Existenz und ernährt sich bevorzugt von Steuergeldern sowie Zeit.

Der Aktivismus als Ersatzhandlung

Der Baizuo verwechselt häufig Symbolik mit Politik. Fahnen werden aufgehängt, Profilbilder eingefärbt, Hashtags verbreitet, Resolutionen verabschiedet und Erklärungen unterzeichnet. Die Welt verändert sich dadurch ungefähr so stark wie das Wetter durch das Aufstellen eines Thermometers. Dennoch entsteht das angenehme Gefühl moralischer Aktivität. Die eigentliche Schwierigkeit konkreter Problemlösung bleibt anderen überlassen.

George Orwell bemerkte einst, politische Sprache diene oft dazu, Lügen wahr und Mord respektabel erscheinen zu lassen. Heute könnte ergänzt werden, dass sie zusätzlich hervorragend geeignet ist, Untätigkeit als Engagement erscheinen zu lassen. Je größer die symbolische Geste, desto geringer fällt nicht selten ihre praktische Wirkung aus.

Die permanente Selbstanklage

Vielleicht ist das auffälligste Merkmal des europäischen Baizuo seine nahezu grenzenlose Bereitschaft zur Selbstkritik, die gelegentlich in eine Form kultureller Selbstverachtung übergeht. Europa erscheint nicht mehr als Kontinent von Aufklärung, Wissenschaft, Demokratie, Rechtsstaat und individueller Freiheit, sondern primär als Ansammlung historischer Schuld. Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus und Kapitalismus verschmelzen zu einer Art Ursünde, deren Buße niemals abgeschlossen werden kann.

Selbstverständlich besitzt jede Zivilisation dunkle Kapitel. Die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion gehört sogar zu den größten Stärken Europas. Problematisch wird sie erst dann, wenn aus historischer Verantwortung eine dauerhafte kulturelle Selbstentwertung entsteht. Eine Gesellschaft, die ausschließlich ihre Fehler erzählt und ihre Errungenschaften verschweigt, produziert keine Demut, sondern Orientierungslosigkeit. Wer die eigene Kultur nur noch als Problem begreift, wird sie irgendwann auch nicht mehr verteidigen wollen.

Der Triumph der wohlmeinenden Illusion

Das eigentliche Wesen des Baizuo liegt vielleicht gar nicht in einzelnen politischen Forderungen, sondern in einer geistigen Haltung. Es ist die Überzeugung, dass gute Absichten automatisch gute Ergebnisse hervorbringen müssten. Dass moralische Reinheit praktische Vernunft ersetzen könne. Dass die Wirklichkeit sich an ethische Wunschvorstellungen anzupassen habe und nicht umgekehrt.

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Die Geschichte zeigt jedoch mit beinahe grausamer Zuverlässigkeit, dass sie sich für moralische Absichten erstaunlich wenig interessiert. Sie belohnt weder Tugendrhetorik noch Gesinnungsästhetik, sondern Realismus, Anpassungsfähigkeit und nüchterne Problemlösung. Gesellschaften scheitern selten an einem Mangel edler Ideale. Sie scheitern vielmehr daran, dass Ideale irgendwann wichtiger werden als die Wirklichkeit selbst.

Das große europäische Theater

Vielleicht besteht die größte Ironie darin, dass der Kontinent, der einst Aufklärung, Rationalität, empirische Wissenschaft und kritisches Denken in die Welt trug, heute gelegentlich den Eindruck vermittelt, diese Traditionen selbst nur noch unter Vorbehalt zu schätzen. Der Zweifel richtet sich nicht mehr gegen Ideologien, sondern gegen Tatsachen, sobald diese den bevorzugten Erzählungen widersprechen. Aus dem Geist Voltaires wird mitunter ein Verwaltungsakt. Aus der Vernunft eine PR-Kampagne. Aus dem politischen Diskurs eine Bühne, auf der jede Figur möglichst tugendhaft erscheinen möchte, während hinter den Kulissen dieselben alten Probleme weiterwachsen.

Gerade darin liegt die satirische Tragik des Kontinents der Baizuo. Nicht mangelnde Intelligenz prägt dieses Bild, sondern ein Übermaß an moralischer Selbstgewissheit. Nicht fehlendes Mitgefühl, sondern dessen gelegentliche Entkopplung von Realität. Nicht Bosheit, sondern die fast rührende Überzeugung, die Welt lasse sich durch immer feinere Formulierungen, immer umfangreichere Regelwerke und immer pathetischere Erklärungen dauerhaft verbessern. Die Wirklichkeit allerdings besitzt eine unangenehme Angewohnheit: Sie liest keine Leitfäden, sie besucht keine Sensibilisierungsseminare und sie zeigt sich von moralischen Absichtserklärungen bemerkenswert unbeeindruckt. Während der Kontinent noch über Sprachregelungen debattiert, klopft die Geschichte bereits an die Tür – und sie bringt, wie so oft, keinen Fragebogen zur Diversität mit, sondern eine sehr praktische Prüfung der eigenen Widerstandskraft.