Die vorhersehbare Choreographie des Hammers

In nicht allzu ferner Zeit, wenn die letzten Reste jener zivilisatorischen Selbstverständlichkeit verdunstet sein werden, die einst Statuen, Kirchenportale, Gemäldezyklen und Opernhäuser als selbstverständlichen Besitz eines Kontinents betrachtete, wird der Hammer fallen. Nicht überall gleichzeitig, nicht mit der theatralischen Effizienz eines einzigen Kalifatsdekrets, sondern in einer Abfolge von lokalen Entladungen, deren Muster sich erst im Rückblick als System zu erkennen gibt. Ein Brunnen mit nackten Figuren in einer südfranzösischen Kleinstadt, ein barockes Kruzifix in einer rheinischen Seitenkapelle, ein Relief mit tanzenden Mänaden in einem italienischen Museumshof, ein Denkmal für einen Komponisten, dessen Musik als allzu weltlich gilt: Stück für Stück werden Gegenstände, die Jahrhunderte überdauert haben, weil niemand sie ernsthaft als Beleidigung empfand, plötzlich als skandalöse Anmaßung erscheinen. Die Begründung wird von einer erstaunlichen Kürze sein. Es ist haram. Also muss es zerstört werden. Die Formel bedarf keiner weiteren Ausarbeitung, weil sie in sich geschlossen ist. Was dem göttlichen Gesetz widerspricht, besitzt kein Recht auf Fortexistenz. Die Ästhetik, die Geschichte, die handwerkliche Meisterschaft, das touristische Interesse, die bloße Gewohnheit des Vorhandenseins: all das wiegt leichter als die eine Silbe, die das Verbotene benennt.

Die Theologie der Reinigung und ihre europäische Bühne

Der Ikonoklasmus, der hier zuschlagen wird, ist kein Missverständnis und keine Entgleisung vereinzelter Fanatiker, sondern die konsequente Anwendung einer anikonischen Strenge, die in bestimmten Lesarten der Überlieferung stets bereitlag. Bilder von Lebewesen, plastische Darstellungen des Menschlichen, Musik, die den Körper in Schwung versetzt, Wein, der den Geist lockert, Frauenfiguren, die nicht verhüllt sind: all das kann, sobald der entsprechende Eifer erwacht, als Götzendienst oder als Aufforderung zur Sünde gelesen werden. Europa bietet für diese Lesart eine besonders reiche Beute, weil es seine Kultur gerade in der Darstellung des Menschlichen, des Sinnlichen, des Widersprüchlichen und des Schönen ohne theologische Genehmigung entfaltet hat. Der Kontinent hat Statuen aufgestellt, die Götter und Heilige und nackte Körper und sterbende Soldaten zeigen, Kirchen gebaut, deren Fenster Geschichten erzählen, Theater errichtet, in denen Menschen andere Menschen spielen. Genau diese Fülle wird dem Blick, der nur das Erlaubte und das Verbotene kennt, als Zumutung erscheinen. Die Zerstörung wird daher nicht als Vandalismus empfunden werden, sondern als Reinigung. Der Hammer vollzieht keine Willkür, sondern eine Korrektur. Was Jahrhunderte lang stand, stand nur, weil die Gläubigen noch nicht stark oder zahlreich oder selbstbewusst genug waren, die Korrektur vorzunehmen.

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Die gemäßigte Stimme als liturgische Pflichtübung

Kaum werden die Trümmer liegen, wird die zweite Stimme ertönen, und sie wird mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks kommen. Es sollte nicht zerstört werden. Aber man darf nicht allen die Schuld geben. Diese Sequenz ist keine spontane Reaktion, sondern eine eingeübte Liturgie. Sie erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie distanziert sich von der Tat, ohne die zugrunde liegende Norm zu berühren. Sie schützt die Gemeinschaft vor dem Vorwurf der Kollektivschuld, indem sie die Täter als Abweichler markiert, obwohl die Abweichler sich auf dieselben Texte berufen, die auch die Gemäßigten für verbindlich halten. Sie verschiebt die Aufmerksamkeit vom zerstörten Objekt auf die Gefühle derjenigen, die nun um Nachsicht bitten. Die Formel ist so glatt, dass sie kaum noch als Argument wahrgenommen wird. Sie ist ein Reflex, eine Art ziviler Kniefall, der verhindert, dass die Frage gestellt wird, warum ausgerechnet diese Objekte und ausgerechnet in diesem geistigen Klima fallen. Die Gemäßigten werden betonen, dass der wahre Glaube friedlich sei, dass die Zerstörer eine Minderheit darstellten, dass der Islam eine Religion der Schönheit und des Wissens gewesen sei. Sie werden auf Andalusien verweisen, auf längst vergangene Epochen der Duldung, auf einzelne Gelehrte, die einst Manuskripte retteten. All das wird wahr sein und zugleich irrelevant, weil es die gegenwärtige Handlung nicht erklärt und die zukünftige nicht verhindert.

Das europäische Echo als selbstvergessene Höflichkeit

Die eigentliche Satire liegt nicht allein in der Zerstörung und nicht allein in der Distanzierung, sondern in dem Chor, der beide begleiten wird. Kommentatoren werden mahnen, man dürfe den Vorfall nicht instrumentalisieren. Politiker werden Moscheen besuchen, um Solidarität mit denjenigen zu bekunden, die mit den Tätern nichts zu tun haben wollen. Akademiker werden Seminare über die Vielfalt islamischer Kunstauffassungen anbieten, während vor den Fenstern die Reste eines Renaissancebrunnens abtransportiert werden. Die Presse wird sorgfältig zwischen dem Radikalen und dem Moderaten unterscheiden und dabei übersehen, dass die Unterscheidung selbst Teil des Rituals geworden ist. Jeder neue Vorfall wird denselben Text produzieren, nur mit ausgetauschten Ortsnamen. Die Wiederholung erzeugt keine Erkenntnis, sondern Ermüdung. Man gewöhnt sich an die Trümmer, wie man sich an die Formel gewöhnt hat. Die Kulturgüter, die fallen, werden nachträglich als ohnehin problematisch beschrieben: zu westlich, zu christlich, zu nackt, zu triumphalistisch, zu wenig inklusiv. So verwandelt sich die Zerstörung nachträglich in eine Art unfreiwillige Korrektur einer überheblichen Vergangenheit.

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Die Ironie der Unvermeidlichkeit

Am Ende wird niemand überrascht gewesen sein und alle werden überrascht tun. Die Radikalen werden getan haben, was ihre Auslegung ihnen gebot. Die Gemäßigten werden gesagt haben, was von ihnen erwartet wurde. Die Gesellschaft ringsum wird die beiden Sätze wie eine bekannte Melodie wiedererkannt haben und trotzdem so tun, als höre sie sie zum ersten Mal. Der Hammer wird fallen, der Satz von der Schuld aller wird vermieden werden, und der Kontinent wird weiter erklären, dass Kultur im Dialog bestehe. Die Statuen werden fehlen, die Fenster werden leer sein, die Brunnen werden verstummt sein. Zurückbleiben wird die Gewissheit, dass man niemandem Unrecht tun wollte, außer den Dingen, die zu lange standen, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben.