Die verhängnisvolle Umarmung der Frommen

In den Annalen der politischen Geschichte findet sich ein Kapitel, das mit einer geradezu lehrbuchhaften Deutlichkeit vorführt, wie rasch aus einer taktischen Allianz eine tödliche Falle werden kann. Es handelt sich um jene Periode, in der fortschrittliche Kräfte, getrieben von dem Wunsch, einen als tyrannisch empfundenen Herrscher zu stürzen, die Hand jener religiösen Eiferer ergriffen, die ihrerseits die Macht der Moscheen und der heiligen Schriften als unfehlbare Waffe betrachteten. Was als gemeinsamer Kampf gegen Unterdrückung begann, endete damit, dass die einen die anderen systematisch ausschalteten, einsperrten oder liquidierten, sobald die gemeinsame Feindschaft erledigt war. Die religiöse Seite, die zuvor die Unterstützung der Linken gern entgegengenommen hatte, entpuppte sich als weit weniger kompromissbereit, sobald sie die Zügel in der Hand hielt. Die Linke, die geglaubt hatte, die Frommen seien lediglich nützliche Verbündete auf dem Weg zur sozialen Gerechtigkeit, musste feststellen, dass diese Verbündeten die Revolution nicht als Etappe zur klassenlosen Gesellschaft verstanden, sondern als göttlichen Auftrag zur Errichtung einer theokratischen Ordnung. Die Ironie lag darin, dass ausgerechnet jene, die sich als Avantgarde der Vernunft und des Fortschritts verstanden, ihre eigene Liquidierung mit vorbereitet hatten, indem sie die Machtfrage zugunsten einer Ideologie entschieden, die keine Kompromisse kennt und die eigene Weltdeutung als absolut setzt.

Die naive Rechnung mit dem heiligen Feuer

Man mag die Geschichte als entferntes Ereignis abtun, als exotisches Drama aus einer anderen Kultur und einer anderen Zeit. Doch die strukturelle Logik bleibt beunruhigend aktuell. Immer wenn politische Strömungen, die sich der Aufklärung, der Emanzipation und der materiellen Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, die Nähe zu Bewegungen suchen, deren Fundament in der Offenbarung, im Dogma und in der Unterordnung unter eine höhere Wahrheit liegt, wiederholt sich dasselbe Muster. Die einen rechnen mit dem Nutzen der Massenmobilisierung, die die Religion so mühelos erzeugen kann. Die anderen akzeptieren die Bündnispartner so lange, wie diese die eigene Machtübernahme erleichtern. Sobald jedoch die gemeinsame Gegnerschaft entfällt, zeigt sich, dass die religiöse Seite die Linke nicht als Partner, sondern als vorübergehendes Werkzeug betrachtet hat. Die Frommen brauchen keine Dialektik, keine Klassenanalyse und keine historischen Kompromisse. Sie verfügen über ein fertiges Weltbild, das Abweichungen als Häresie definiert und Häresie als todeswürdiges Vergehen. Die Linke hingegen, die in ihrer Tradition stets die Kritik, den Zweifel und die Weiterentwicklung gepflegt hat, steht plötzlich einer Macht gegenüber, die Kritik als Gotteslästerung brandmarkt. Die satiri­sche Pointe besteht darin, dass ausgerechnet jene, die den Aberglauben und die klerikale Bevormundung jahrzehntelang bekämpft hatten, in dem Moment, da es um den Sturz eines gemeinsamen Gegners ging, bereit waren, diesem Aberglauben die Tür zu öffnen – nur um später festzustellen, dass die Tür hinter ihnen zugeschlagen wurde.

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Die Wiederkehr des gleichen Irrtums unter anderem Vorzeichen

Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um zu erkennen, dass ähnliche Versuchungen auch in gegenwärtigen politischen Landschaften auftauchen. Wo soziale Bewegungen, die sich der Gerechtigkeit und der Befreiung verschrieben haben, die Nähe zu religiösen Strömungen suchen, die ihrerseits mit absolutem Wahrheitsanspruch auftreten, wiederholt sich die alte Rechnung. Man rechnet mit den Stimmen, mit der moralischen Autorität, mit der Fähigkeit, Empörung zu bündeln. Man übersieht dabei, dass die religiöse Seite die Bündnispartner nicht als gleichberechtigte Akteure betrachtet, sondern als nützliche Idioten, die nach Gebrauch entsorgt werden können. Die Geschichte lehrt, dass die Frommen, einmal an der Macht, wenig Neigung zeigen, die säkularen Freiheiten zu bewahren, die die Linke für unverzichtbar hält. Pressefreiheit, Geschlechtergleichheit, wissenschaftliche Kritik und individuelle Lebensführung werden rasch zu lästigen Überresten einer gottlosen Epoche erklärt. Die Linke, die geglaubt hatte, man könne die religiöse Energie für progressive Zwecke kanalisieren, entdeckt zu spät, dass diese Energie sich nicht kanalisieren lässt, sondern ihrer eigenen Logik folgt. Die zynische Wahrheit lautet, dass derjenige, der mit dem Feuer der Offenbarung spielt, am Ende selbst verbrannt wird – und dass die Asche der Aufklärung dann niemand mehr zusammenkehrt.

Die Lehre, die man beharrlich verweigert

Was bleibt, ist die bittere Einsicht, dass Allianzen mit Kräften, deren Fundament in der unbedingten Unterwerfung unter eine heilige Ordnung liegt, für jene, die die Freiheit des Denkens und die Kritik der Macht für unverzichtbar halten, stets in einer Falle enden. Die religiöse Seite akzeptiert den Beistand der Linken nur so lange, wie er der eigenen Machtübernahme dient. Danach beginnt die Säuberung, und die einstigen Verbündeten werden zu den ersten Opfern. Die satirische Tragik liegt darin, dass diese Lektion immer wieder neu gelernt werden muss, weil der Wunsch, rasch zu siegen, stärker ist als die Erinnerung an frühere Niederlagen. Man glaubt, diesmal sei alles anders, diesmal seien die Frommen gezähmt, diesmal habe man die Kontrolle. Doch die Geschichte zeigt, dass die Kontrolle rasch wechselt und dass die, die das heilige Feuer entfacht haben, am Ende in den Flammen stehen. Die Linke, die aus diesem Kapitel keine Konsequenzen zieht, riskiert, dasselbe Schicksal zu wiederholen: die eigene Liquidierung mit vorbereitet zu haben, indem sie einer Ideologie die Bahn freimachte, die keine säkularen Partner kennt, sondern nur Unterworfene oder Feinde. Die Lehre ist alt, die Versuchung ist neu, und die Ironie bleibt dieselbe.