Die Rückkehr der Medienarchäologie

Wenn Behörden mit Faxgeräten das Internet jagen

Es gibt politische Sätze, die schon in dem Augenblick, in dem sie ausgesprochen werden, den feinen Staub historischer Verstaubtheit mit sich tragen. Sie erscheinen nicht als Aussagen über die Gegenwart, sondern als fossile Fundstücke aus einem geologischen Zeitalter administrativer Gemütlichkeit. Zu diesen seltenen Exemplaren zählt die Formulierung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, YouTube sei „das neue Fernsehen“. Ein Satz, der klingt, als hätte jemand nach jahrelanger Expedition endlich den Ozean entdeckt und triumphierend ausgerufen: „Diese großen Wasserflächen könnten künftig für die Schifffahrt relevant werden.“ Ein Satz voller staatsmännischer Gravitas, die sich mit einer gewissen Tapferkeit an die Wirklichkeit heranschleppt wie ein spät eintreffender Reisebus, dessen Fahrgäste beim Aussteigen feststellen müssen, dass die Veranstaltung bereits vor Stunden beendet wurde.

Denn die eigentliche Pointe liegt nicht in der Behauptung selbst. Natürlich ist YouTube längst ein zentrales Massenmedium. Die Plattform beeinflusst politische Diskurse, erschafft Stars, vernichtet Karrieren, produziert Subkulturen, verfestigt Weltbilder und verwandelt Menschen innerhalb weniger Wochen vom unbekannten Gesicht in globale Projektionsflächen. Das ist offenkundig. Erstaunlich ist vielmehr die Entrücktheit, mit der diese Erkenntnis als beinahe sensationeller Fund präsentiert wird – als hätte ein staatliches Expeditionsteam soeben auf einer Insel im Pazifik eine Spezies entdeckt, die seit zwanzig Jahren mitten auf dem Marktplatz lebt.

Die digitale Welt besitzt eine grausame Eigenschaft: Sie altert Institutionen mit sadistischer Geschwindigkeit. Was gestern modern wirkte, erscheint heute wie ein Museumsstück. Behörden dagegen folgen einem anderen Zeitmaß. Dort entfaltet sich Geschichte nicht in Sekunden, sondern in Aktenordnern. Während Plattformen sich im Rhythmus algorithmischer Mutation verändern, bewegt sich Bürokratie wie eine Kontinentalplatte. Langsam, würdevoll, und mit der stillen Zuversicht, dass Eile ohnehin ein Zeichen mangelnder Gründlichkeit sei.

Landesmedienanstalten als Verwaltungskunst des vergangenen Jahrhunderts

Nun treten sie also wieder auf die Bühne: die Landesmedienanstalten. Jene eigentümlichen Einrichtungen, die den meisten Menschen ungefähr so vertraut sind wie die Verwaltung für Flurstücksneuordnungen im ländlichen Raum. Institutionen, deren Existenz irgendwo im Dämmerlicht zwischen Rundfunkgeschichte, föderaler Feinmechanik und juristischer Folklore angesiedelt ist. Sie stammen aus einer Epoche, in der Medienpolitik aus einer überschaubaren Welt bestand: Hier Sender, dort Zuschauer. Hier Programm, dort Empfangsgerät. Eine Welt geordnet wie ein ordentlich gepflegter Vorgarten.

TIP:  HALT DU SIE NUR KLEIN

Damals saßen Intendanten in Anzügen in gläsernen Gebäuden und beschlossen, was gesendet wurde. Um 20 Uhr begann die Nachrichtensendung. Davor lief Unterhaltung. Danach Wetter. Danach Schlafengehen. Medien waren Einbahnstraßen mit festen Fahrplänen. Es gab Sender und Empfänger, Hirten und Herden.

YouTube aber trat auf wie ein Vandale auf einer Gartenbauausstellung. Plötzlich war jeder Sender. Jeder Zuschauer zugleich Produzent. Jeder Unsinn erhielt eine Bühne. Jeder Exzentriker ein Publikum. Das Internet machte aus Medien eine chaotische Großstadt, in der jeder schreit, singt, predigt, tanzt, irrt, fabuliert und gelegentlich sogar etwas Kluges sagt.

Und genau dort beginnt das Drama der Landesmedienanstalten: Sie wurden für Aquarien gebaut und stehen nun vor einem Tsunami.

Natürlich versuchen sie tapfer, ihre Zuständigkeit zu behaupten. Der Verwaltungsapparat liebt Zuständigkeiten. Er atmet durch Formulare. Er denkt in Kästchen. Er empfindet fast körperliches Unbehagen angesichts von Dingen, die sich nicht einordnen lassen. Das Internet jedoch ist die institutionalisierte Verweigerung jeder sauberen Ordnung. Es besitzt die Dreistigkeit, Kategorien nicht zu respektieren.

Also entsteht eine eigentümliche Situation: Behörden versuchen eine Wirklichkeit zu regulieren, deren Grundprinzip darin besteht, sich jeder festen Form zu entziehen. Es erinnert an den Versuch, einen Schwarm Mücken durch Verkehrsregeln zu disziplinieren.

Der alte Traum der Medienkontrolle in neuen Kleidern

Man könnte meinen, hinter all dem stehe bloß ein administratives Missverständnis. Doch das wäre zu freundlich. Tatsächlich schimmert hier ein uralter politischer Reflex durch: Alles, was groß wird, soll aussehen wie etwas, das man bereits kennt.

Das ist die große Leidenschaft moderner Verwaltung: Unbekanntes wird so lange zurechtgebogen, bis es in alte Schubladen passt. Das Neue verursacht Unruhe. Es ist laut, unübersichtlich und besitzt die schlechte Angewohnheit, etablierte Zuständigkeiten lächerlich wirken zu lassen.

Wenn YouTube „das neue Fernsehen“ ist, dann klingt das beruhigend. Fernsehen kennt man. Fernsehen besitzt Regeln. Fernsehen besitzt Aufsichtsgremien, Sendezeiten und jahrzehntelang eingeübte Rituale institutioneller Kontrolle.

TIP:  Wenn schon, denn schon!

Doch YouTube ist ungefähr so sehr Fernsehen wie ein Dschungel ein Vorgarten ist.

Fernsehen war Zentralisierung. YouTube ist Fragmentierung. Fernsehen war Massenpublikum. YouTube ist Mikrokosmos. Fernsehen sprach zur Gesellschaft. YouTube spricht gleichzeitig zu Millionen Parallelgesellschaften.

Ein Fitnesskanal erreicht Menschen, die niemals Nachrichtensendungen sehen. Ein Historiker analysiert Schlachten des Mittelalters vor einem Publikum von Hunderttausenden. Irgendwo diskutieren fünf Stunden lang Menschen über Modelleisenbahnen, antike Münzen oder die optimale Pflege japanischer Küchenmesser.

Die Plattform besteht nicht aus einem Programm. Sie besteht aus Milliarden Programmen.

Und dennoch nähert sich Politik der Sache gelegentlich mit einer bewundernswerten Zuversicht: Ah, bewegte Bilder. Publikum. Reichweite. Also Fernsehen.

Es ist die Logik eines Verwaltungsbeamten, der einem Nashorn begegnet und feststellt: Vier Beine. Also Pferd.

Die Tragikomödie der verspäteten Erkenntnis

Besonders rührend wirkt dabei die zeitliche Verzögerung. Die digitale Welt produziert Entwicklungen in Lichtgeschwindigkeit, während ihre politische Wahrnehmung oft Jahre hinterherhinkt.

YouTube entstand 2005.

Millionen Menschen wuchsen damit auf.

Karrieren wurden geboren und beerdigt.

Politische Bewegungen entstanden.

Wahlkämpfe wurden beeinflusst.

Influencer verwandelten sich von belächelten Randfiguren in ökonomische Schwergewichte.

Kinder formulierten Berufswünsche, die in den neunziger Jahren noch wie medizinische Diagnosen geklungen hätten.

Und nun tritt die politische Klasse mit ernster Miene vor die Öffentlichkeit und verkündet ihre Erkenntnis: Hier entsteht möglicherweise etwas Relevantes.

Es hat etwas von Stadtverwaltungen, die 1978 beschließen, Rockmusik genauer zu beobachten.

Man möchte beinahe milde werden angesichts dieser monumentalen Verspätung. Fast entsteht Mitleid. Denn es ist nicht leicht, eine Realität zu ordnen, deren Dynamik jede institutionelle Reaktionsgeschwindigkeit verspottet.

Aber Mitleid endet dort, wo aus Ratlosigkeit regulatorischer Aktionismus wird.

Das Ministerium der ratlosen Entschlossenheit

Es gibt eine besondere Form politischer Betriebsamkeit: die ratlose Entschlossenheit. Sie zeigt sich immer dann, wenn Menschen ahnen, dass sie Entwicklungen nicht verstehen, aber gleichzeitig nicht den Eindruck erwecken möchten, sie verstünden sie nicht.

Dann entstehen Arbeitsgruppen.

Strategiepapiere.

Expertenrunden.

Kompetenznetzwerke.

TIP:  BAIZUO

Koordinierungsinitiativen.

Runde Tische.

Und vermutlich irgendwo auch eine Unterarbeitsgemeinschaft zur Evaluierung digitaler Kommunikationsräume unter besonderer Berücksichtigung plattformbasierter Distributionsstrukturen.

Je weniger Klarheit herrscht, desto länger werden die Titel.

Die Pointe: Solche Konstruktionen erzeugen häufig weniger Verständnis als bloß den Eindruck von Verständnis. Eine Art institutioneller Theaterkulisse. Man stellt Scheinwerfer auf, zieht Vorhänge zu und hofft, niemand bemerkt, dass hinter der Fassade hektisch Menschen umherlaufen und Karten lesen.

Vielleicht ist genau dies die eigentliche Satire der Situation: Nicht, dass Politik digitale Plattformen regulieren möchte. Sondern dass sie dies oft in Kategorien versucht, die aus einer Welt stammen, in der Teletext noch Zukunftstechnologie war.

Und so steht am Ende eine eigentümliche Szene vor dem geistigen Auge: Landesmedienanstalten marschieren mit der Entschlossenheit vergangener Jahrzehnte in die algorithmische Gegenwart. Ausgerüstet mit juristischen Werkzeugkästen, Zuständigkeitsordnungen und sorgfältig abgestimmten Verfahren. Hinter ihnen Wolfram Weimer, der ruft: „YouTube ist das neue Fernsehen!“

Und irgendwo im Hintergrund blickt der Algorithmus kurz auf, zuckt mit den digitalen Schultern und macht einfach weiter.