Es gehört zu den liebenswerten Eigenheiten moderner Ideologien, dass sie sich früher oder später in ihr eigenes Spiegelkabinett verirren. Was gestern noch als Inbegriff gesellschaftlicher Unterdrückung galt, erscheint heute als mutiger Ausdruck kultureller Vielfalt. Was einst als patriarchale Zumutung bekämpft wurde, wird wenig später als identitätsstiftende Lebensentscheidung gefeiert. Die Geschichte politischer Bewegungen ist reich an solchen Wendungen, doch selten wurden sie mit derartiger Begeisterung vollzogen wie im gegenwärtigen Verhältnis westlicher Progressiver zur islamischen Sittsamkeitskultur.
Die traditionelle Hausfrau war über Jahrzehnte eine der bevorzugten Zielscheiben linker Gesellschaftskritik. Die sogenannte Tradwife erschien als Symbol einer vergangenen Ordnung: häuslich, familienorientiert, dem Ehemann verpflichtet, oft religiös, häufig konservativ. Ganze Bibliotheken wurden gefüllt, um zu erklären, warum diese Lebensform weniger Ausdruck freier Entscheidung als vielmehr Ergebnis sozialer Prägung, struktureller Zwänge und patriarchaler Machtverhältnisse sei. Die Schürze wurde zum politischen Symbol. Der Kuchen im Ofen galt beinahe als Beweismittel. Die Vorstellung weiblicher Tugendhaftigkeit wurde behandelt, als sei sie ein Relikt aus einer Zeit, in der Hexenverbrennungen lediglich ein Verwaltungsakt waren.
Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Dieselben gesellschaftlichen Milieus entdeckten plötzlich ihre Begeisterung für eine Variante des traditionellen Frauenbildes, die nicht aus dem ländlichen Amerika oder dem katholischen Bayern stammte, sondern aus den kulturellen Räumen des politischen Islam. Und siehe da: Was gestern noch Unterdrückung hieß, wurde heute zur Selbstermächtigung erklärt. Die Schürze war problematisch, das Kopftuch emanzipatorisch. Die christliche Hausfrau galt als Mahnung, die muslimische Hausfrau als Inspiration. Die Logik dahinter erinnert an jene berühmten optischen Täuschungen, bei denen derselbe Gegenstand je nach Blickwinkel entweder als Vase oder als zwei Gesichter erscheint.
Die Entdeckung der sittsamen Mode
Besonders anschaulich wird diese Entwicklung dort, wo öffentlich-rechtliche Medien ihre Rolle zunehmend weniger als Beobachter und zunehmend mehr als kulturpädagogische Begleitagentur verstehen. Wenn sogenannte „Modest Fashion“ vorgestellt wird, geschieht dies häufig in einer Sprache, die vor Bewunderung kaum noch Luft bekommt. Die Präsentation wirkt dann weniger wie Journalismus als wie eine Werbebroschüre für einen neuen gesellschaftlichen Lifestyle.
Bereits der Begriff verdient Aufmerksamkeit. „Modest“ klingt harmlos, freundlich, beinahe sympathisch. Das englische Wort wird im deutschen Sprachraum gerne mit „bescheiden“ assoziiert. Tatsächlich bedeutet es im Kontext der islamischen Kleidungsnormen jedoch vor allem „sittsam“. Gemeint ist also keine Zurückhaltung beim Konsum oder eine Ablehnung modischer Eitelkeit. Gemeint ist die Bedeckung des weiblichen Körpers nach religiösen Vorstellungen von Anstand und Moral. Das Kleidungsstück ist nicht Ausdruck eines ästhetischen Minimalismus, sondern Teil eines sittlichen Regelwerks.
Genau hier beginnt die bemerkenswerte sprachliche Alchemie moderner Kulturberichterstattung. Aus religiösen Bekleidungsvorschriften werden Trends. Aus moralischen Normen werden individuelle Stilentscheidungen. Aus jahrhundertealten Vorstellungen über weibliche Schamhaftigkeit entsteht ein progressiver Lifestyle. Es ist, als würde ein Vegetarier die Jagd als innovative Form nachhaltiger Tierbeobachtung beschreiben.
Die sprachliche Verpackung erfüllt dabei eine zentrale Funktion. Worte sind die Kosmetik der Politik. Niemand verkauft eine religiöse Sittenordnung, wenn sich dieselbe Sache als Fashion Statement präsentieren lässt. Niemand spricht von Geschlechterrollen, wenn Diversität attraktiver klingt. Niemand erwähnt die historische Herkunft solcher Normen, wenn sich die Geschichte durch genügend Anglizismen elegant entsorgen lässt.
Die große Kunst der selektiven Empörung
Die eigentliche Faszination liegt allerdings nicht in der Existenz solcher Kleidungsstile. Menschen dürfen tragen, was sie möchten. Das Problem beginnt dort, wo Maßstäbe plötzlich asymmetrisch werden.
Würde eine konservative Organisation eine Modekampagne starten, die weibliche Sittsamkeit, traditionelle Familienwerte und religiöse Bekleidungsvorschriften propagiert, wäre die öffentliche Aufregung zuverlässig wie die Gezeiten. Es gäbe Podiumsdiskussionen, Leitartikel und vermutlich mehrere wissenschaftliche Konferenzen zur Gefährdung der offenen Gesellschaft. Würde dieselbe Kampagne jedoch mit islamischem Vokabular, multikultureller Ästhetik und dem passenden Diversity-Label versehen, verwandelt sich die Bedrohung augenblicklich in Bereicherung.
Hier offenbart sich eine der zentralen Schwächen identitätspolitischen Denkens. Entscheidend ist oft nicht mehr der Inhalt einer Idee, sondern die Herkunft ihres Trägers. Dieselbe Forderung kann reaktionär oder progressiv erscheinen, je nachdem, welche Gruppe sie formuliert. Der moralische Wert eines Arguments wird nicht anhand seines Inhalts bestimmt, sondern anhand der Identität des Sprechers. Es handelt sich gewissermaßen um die Rückkehr des mittelalterlichen Standesdenkens, diesmal allerdings in der Sprache der Soziologie.
Die romantische Verklärung des Fremden
Hinzu kommt eine alte europäische Tradition: die Verklärung des Exotischen. Seit Jahrhunderten neigt ein Teil der gebildeten Schichten dazu, fremde Kulturen mit Eigenschaften auszustatten, die vor allem den eigenen Sehnsüchten entspringen. Der „edle Wilde“ des 18. Jahrhunderts lebt bis heute fort, lediglich mit aktualisierter Garderobe.
In dieser Perspektive erscheint der Westen als Quelle nahezu aller gesellschaftlichen Übel, während nichtwestliche Traditionen bevorzugt durch einen Weichzeichner betrachtet werden. Autoritäre Elemente werden relativiert, religiöse Normen romantisiert und offensichtliche Widersprüche großzügig übersehen. Die gleiche kulturelle Praxis, die im christlichen oder konservativen Kontext als Zumutung kritisiert würde, erhält im islamischen Kontext einen Bonus kultureller Sensibilität.
Man könnte darin eine Form wohlmeinender Herablassung erkennen. Denn hinter der ständigen Relativierung steckt oft die unausgesprochene Annahme, dass von bestimmten Kulturen weniger erwartet werden könne als von anderen. Was gegenüber westlichen Traditionen als unzumutbar gilt, wird gegenüber nichtwestlichen Traditionen plötzlich als authentischer Ausdruck kultureller Identität akzeptiert. Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Ausgerechnet jene Milieus, die ständig von Gleichheit sprechen, praktizieren häufig die unterschiedlichsten Formen unterschiedlicher Maßstäbe.
Das Kopftuch als progressiver Kuhhandel
Der eigentliche Witz dieser Entwicklung besteht darin, dass viele der gefeierten Konzepte den klassischen Idealen der Frauenbewegung diametral entgegenstehen. Die Vorstellung, dass weibliche Tugend durch bestimmte Kleidung sichtbar gemacht werden müsse, gehörte einst zum Kernbestand jener Normen, gegen die sich feministische Bewegungen richteten. Heute wird dieselbe Idee nicht selten als Ausdruck persönlicher Freiheit präsentiert.
Natürlich existieren Frauen, die sich bewusst und freiwillig für solche Kleidungsformen entscheiden. Daran besteht kein Zweifel. Doch Freiwilligkeit allein beantwortet nicht jede gesellschaftliche Frage. Sonst müsste jede kulturelle Norm automatisch unproblematisch sein, solange sich Menschen freiwillig an ihr orientieren. Genau dieses Argument wurde jahrzehntelang von progressiver Seite zurückgewiesen. Nun wird es plötzlich zur bevorzugten Verteidigungslinie.
Das Ergebnis ist eine politische Landschaft voller absurder Konstellationen. Ehemalige Kritiker traditioneller Geschlechterrollen verteidigen traditionelle Geschlechterrollen, solange diese religiös und nichtwestlich erscheinen. Gegner konservativer Moralvorstellungen feiern konservative Moralvorstellungen, sofern sie kulturell divers genug verpackt werden. Die ideologische Akrobatik erinnert an einen Zirkusartisten, der gleichzeitig versucht, auf drei Einrädern zu fahren und dabei zu behaupten, es handle sich um eine völlig normale Fortbewegungsart.
Schlussbetrachtung
Vielleicht wird man eines Tages auf diese Epoche zurückblicken und sich über ihre Widersprüche wundern. Vielleicht wird man feststellen, dass viele Debatten weniger von Prinzipien als von kulturellen Loyalitäten bestimmt waren. Vielleicht wird man erkennen, dass die Begeisterung für „Modest Fashion“ weniger über Mode aussagte als über die erstaunliche Fähigkeit moderner Ideologien, identische Sachverhalte unterschiedlich zu bewerten, je nachdem, wer sie präsentiert.
Bis dahin bleibt das Schauspiel höchst unterhaltsam. Die westliche Tradwife gilt vielerorts weiterhin als Symbol überholter Geschlechterrollen. Die muslimische Tradwife hingegen erscheint nicht selten als mutige Ikone kultureller Selbstbestimmung. Dass beide Modelle in wesentlichen Punkten erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen, gehört zu jenen Beobachtungen, die den Betrieb unnötig komplizieren würden.
Und Komplikationen sind bekanntlich das Letzte, was eine gute Erzählung gebrauchen kann.