Die ironische Genesis einer moralischen Instanz

Es gehört zu den erlesensten Absurditäten der abendländischen Religionsgeschichte, dass eine Konfession, die ihre institutionelle Existenz allein dem Wunsch eines Herrschers verdankt, sich einer unliebsamen Ehe zu entledigen und dynastische Kontinuität durch eine neue Verbindung zu sichern, ohne jeden dogmatischen oder spirituellen Neuansatz jenseits der Unterwerfung der geistlichen unter die weltliche Gewalt, heute als moralische Instanz auftritt und einem anderen Staat vorwirft, er sei ein rassistisches Kolonialunternehmen. Diese Kirche, geboren aus purem pragmatischem Machtkalkül und der Auflösung einer sakramentalen Bindung, erhebt sich nun zum Richter über Fragen der territorialen Legitimität und ethnischer Selbstbestimmung, als habe sie niemals selbst die Konsequenzen weltlicher Herrschaftsansprüche zu tragen gehabt. Die Komik dieser Konstellation liegt nicht in der bloßen Tatsache der Gründung, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre eigene Herkunft aus dem Geist der Trennung und der königlichen Willkür vergessen macht, um stattdessen eine Nation zu attackieren, deren Existenz gerade aus der Erfahrung jahrhundertelanger Vertreibung und Verweigerung jeder dauerhaften Heimstatt erwachsen ist.

Die Kolonialmacht, die den Kolonialismus anprangert

Das Land, das den modernen Kolonialismus in seiner globalen, systemischen und profitgetriebenen Form maßgeblich ausgeformt und über Jahrhunderte praktiziert hat – durch die systematische Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf mehreren Kontinenten, die Organisation des transatlantischen Menschenhandels und die Etablierung rassischer Hierarchien als Herrschaftsinstrument –, erlaubt sich nun, über den jüdischen Staat das Urteil zu fällen, er verkörpere eben jene Prinzipien, die es selbst zur Grundlage seiner einstigen Größe gemacht hatte. Diese Projektion erreicht eine geradezu artistische Vollkommenheit der Verdrängung: Während die eigene Geschichte von Eroberungszügen, Mandatsverwaltungen und der willkürlichen Aufteilung fremder Territorien geprägt ist, wird dem winzigen jüdischen Gemeinwesen die Rolle des ewigen Aggressors zugeschrieben, als sei die Rückkehr eines uralten Volkes auf seinen angestammten Boden nach Vertreibung, Pogromen und industrieller Vernichtung nichts anderes als eine späte Fortsetzung europäischer Expansion. Die Ironie wird dadurch noch geschärft, dass dieselbe Macht, die einst über das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan administrative Kontrolle ausübte, heute in der Nachfolgeinstitution ihrer einstigen Staatskirche den daraus hervorgegangenen Staat als kolonialen Fremdkörper brandmarkt – eine Leistung historischer Amnesie, die selbst die kühnsten Satiriker vergangener Epochen beschämt hätte.

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Die Metamorphose des Gottesmordes in die Sprache der Menschenrechte

Was sich hier vollzieht, ist keine bloße politische Meinungsäußerung, sondern die subtile, doch unverkennbare Wiederbelebung jener uralten Verleumdung, die einst ganze Generationen christlicher Theologie und Volksfrömmigkeit durchzog: die Anschuldigung des Gottesmordes, die Jahrhunderte lang als theologische Legitimation für Diskriminierung, Vertreibung und Gewalt gegen Juden diente. In der zeitgenössischen Transformation wird diese Anklage nicht mehr in den Kategorien der Heilsgeschichte formuliert, sondern in die säkulare Rhetorik von Kolonialismus, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen übersetzt, als habe der jüdische Staat die Rolle des ewigen Widersachers göttlicher Ordnung übernommen und müsse deshalb moralisch geächtet werden. Diese sprachliche Verkleidung macht die Kontinuität nur umso deutlicher: Statt des direkten Vorwurfs der Gottestötung tritt der Vorwurf der Völkertötung oder der ethnischen Unterdrückung, doch der Mechanismus bleibt identisch – die Konzentration aller negativen Eigenschaften auf ein einziges Volk und seinen Staat, die Verweigerung jeder historischen Kontextualisierung und die Erhebung des eigenen moralischen Standpunkts zur universellen Norm. Die augenzwinkernde Tragik liegt darin, dass ausgerechnet eine Kirche, die sich von Rom losgesagt hatte, um weltliche Interessen durchzusetzen, nun in der Nachfolge jener älteren Tradition steht, die dieselben Juden einst als Christusmörder stigmatisierte.

Die historische Bilanz christlicher und islamischer Expansion

Man mag einwenden, dass das Christentum in seiner langen Geschichte das größte rassistische, koloniale und gewalttätige Unterfangen der Menschheit darstelle – von den Kreuzzügen über die Inquisition, die Zwangschristianisierung ganzer Kontinente bis hin zur theologischen Rechtfertigung von Sklaverei und Eroberung –, und dass der Islam mit seinen frühmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Eroberungszügen, dem arabischen Sklavenhandel und der Etablierung religiöser Hierarchien über weite Teile Asiens, Afrikas und Europas es darin noch übertreffen könnte. Doch selbst diese nüchterne Bilanz historischer Realitäten wird in der gegenwärtigen Debatte regelmäßig beiseitegeschoben, sobald der Blick auf den jüdischen Staat fällt. Plötzlich erscheinen alle Maßstäbe relativiert, alle eigenen Verstrickungen vergessen, und allein jenes eine Volk und sein winziges Staatsgebilde rücken in den Fokus als eigentlicher Ursprung allen Übels. Diese Verschiebung ist nicht zufällig; sie folgt einem Muster, das älter ist als jede moderne Ideologie: Die Konzentration der Schuld auf die historisch Marginalisierten und zahlenmäßig Geringsten, während die großen Imperien und ihre Nachfolger sich in der Pose der moralischen Überlegenheit sonnen. Die Satire der Situation liegt in der Unerschütterlichkeit, mit der diese Umkehrung vollzogen wird – als sei die Geschichte nicht eine Abfolge von Eroberungen und Unterwerfungen, sondern ein einziges, ewiges Vergehen, das sich ausschließlich an einem Ort und einem Volk manifestiert.

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Die ewige Verschiebung der Schuld und der Appell zur Sanktion

Angesichts dieser systematischen Projektion, die das eigene koloniale und rassistische Erbe ausblendet und stattdessen auf den jüdischen Staat überträgt, erscheint es als logische Konsequenz, dass andere christliche Konfessionen diese Haltung als antisemitisches Unterfangen kennzeichnen und entsprechend sanktionieren. Nicht aus kleingeistiger Rechthaberei, sondern um die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses selbst zu retten, das durch derartige selektive Moral sonst endgültig zur Farce geriete. Die Kirche, die einst aus dem Geist der Scheidung und der königlichen Selbstermächtigung entstand, hat sich mit ihrer Rhetorik in eine Position manövriert, in der sie nicht mehr als Kritikerin kolonialer Strukturen, sondern als Fortsetzerin einer alten, nur neu kostümierten Feindschaft erscheint. Die Pointe dieser Entwicklung ist bitter und zugleich komisch: Gerade jene Institution, die keine theologische Revolution, sondern nur eine politische Trennung vollzog, erhebt nun den Anspruch, über die Legitimität des jüdischen Staates zu urteilen – und offenbart dabei vor allem die Unfähigkeit, die eigene Geschichte ohne den bequemen Umweg über einen ewigen Sündenbock zu betrachten. Es bleibt die stille Hoffnung, dass die übrige Christenheit dieser Entwicklung nicht tatenlos zusieht, sondern durch klare Distanzierung und institutionelle Konsequenzen deutlich macht, dass Antisemitismus, auch in seiner modernen, politisch verbrämten Gestalt, keine akzeptable Ausdrucksform religiöser oder moralischer Autorität sein darf.