Die große Soßenwende

Europa steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Industrie wandert ab. Die Energiepreise treiben Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen zur Verzweiflung. Die Staatsverschuldung wächst. Die Infrastruktur altert. Die Geburtenraten kollabieren. Die geopolitische Lage wird von Jahr zu Jahr instabiler. Ganze Wirtschaftszweige verlieren gegenüber Amerika und Asien an Wettbewerbsfähigkeit.

Doch keine Sorge. Brüssel hat die Prioritäten richtig gesetzt und der Feind wurde identifiziert.

Nicht die Deindustrialisierung.
Nicht die Bürokratie.
Nicht die ausufernde Regulierungswut.
Nicht die chronische Wachstumsschwäche.

Sondern das Ketchup-Tütchen.

Ab 2030 sollen die kleinen Portionspackungen für Ketchup, Mayonnaise und Senf in Restaurants weitgehend verschwinden. Europa rettet die Welt. Endlich. Nach Jahrhunderten menschlicher Fehlentwicklungen hat man die wahre Ursache der globalen Probleme entdeckt: eine acht Gramm schwere Plastikverpackung neben einer Portion Pommes.

Man möchte fast ehrfürchtig schweigen angesichts einer derartigen politischen Meisterleistung.

Die Genies von Brüssel schlagen wieder zu

Die Europäische Union besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie findet mit der Zielgenauigkeit eines Trüffelschweins stets jene Probleme, die niemand als Problem wahrgenommen hat, und erklärt sie anschließend zu einer Frage von historischer Bedeutung.

Während andere Weltmächte über künstliche Intelligenz, Energieversorgung, Rohstoffsicherheit, Raumfahrt und industrielle Souveränität diskutieren, beschäftigt sich die europäische Bürokratie mit Soßenbehältnissen.

Der Eindruck entsteht, als säßen in Brüssel Heerscharen hervorragend alimentierter Funktionäre Tag für Tag in klimatisierten Besprechungsräumen und fragten sich: „Welcher Gegenstand des alltäglichen Lebens funktioniert eigentlich noch völlig problemlos? Wie können wir das ändern?“

Das Ergebnis dieser intellektuellen Großoffensive ist nun der Nachfüllspender.

Jener legendäre Gegenstand, den niemand verlangt hat, den niemand vermisst hätte und dessen wichtigste Eigenschaft darin besteht, selten sauber und oft leer zu sein.

Der Nachfüllspender als europäisches Leitbild

Der Nachfüllspender ist die perfekte Metapher für die moderne Europäische Union.

Theoretisch brillant, praktisch unerquicklich.

Auf dem Papier funktioniert alles ausgezeichnet. Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz, Umweltbewusstsein. In den Hochglanzbroschüren glänzt der Spender wie ein technisches Wunderwerk der Menschheitsgeschichte.

In der Realität steht ein klebriger Kunststoffbehälter auf dem Tisch, dessen Oberfläche an eine kriminaltechnische Langzeitstudie erinnert. Mehrere Generationen von Ketchup, Mayonnaise und unbekannten Substanzen haben dort ihre Spuren hinterlassen. Der Pumpmechanismus funktioniert ungefähr so zuverlässig wie eine Wettervorhersage für den übernächsten Monat.

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Nach drei erfolglosen Versuchen kommt nichts, beim vierten Versuch kommt alles. Der Gast erhält entweder gar keinen Ketchup oder genug für die Verpflegung einer mittleren Infanterieeinheit.

Europa in einer Nussschale.

Die Religion der Regulierung

Es gehört zu den großen Mysterien der Gegenwart, weshalb jede gesellschaftliche Herausforderung reflexartig mit einer neuen Vorschrift beantwortet wird.

In Brüssel scheint die Vorstellung zu herrschen, dass sich die Wirklichkeit wie eine Excel-Tabelle verwalten lässt. Existiert ein Problem, wird ein Formular geschaffen. Bleibt das Problem bestehen, entstehen drei weitere Formulare. Sollte es immer noch nicht verschwinden, wird eine Behörde gegründet, die die Umsetzung der Formulare überwacht.

Das Ketchup-Tütchen ist deshalb nicht das eigentliche Thema, es ist lediglich ein Symptom.

Es steht für eine politische Kultur, die unerschütterlich davon überzeugt ist, dass der Mensch ohne permanente Anleitung nicht in der Lage wäre, einen Hamburger zu essen, eine Glühbirne einzuschrauben oder eine Plastikverpackung sachgerecht zu entsorgen.

Der Bürger erscheint in diesem Weltbild als eine Mischung aus Kleinkind, Umweltkatastrophe und Sicherheitsrisiko.

Das Imperium der Nebensächlichkeiten

Je größer die Probleme werden, desto kleiner scheinen die Themen zu werden, die politische Aufmerksamkeit erhalten.

Das ist kein Zufall.

Große Probleme sind unangenehm. Sie sind teuer, komplex und mit Risiken verbunden. Ihre Lösung erfordert Entscheidungen, die scheitern können.

Ketchup-Tütchen hingegen schlagen nicht zurück., sie organisieren keine Demonstrationen, sie gründen keine Lobbyverbände, sie geben keine Interviews. Sie sind ideale Gegner. Man kann sie verbieten, bekämpfen und beseitigen, ohne dass nennenswerter Widerstand entsteht. Und anschließend kann man eine Pressemitteilung veröffentlichen, in der von Nachhaltigkeit, Verantwortung und europäischer Zukunftsfähigkeit die Rede ist.

Die politische Klasse liebt solche Siege. Sie erinnern an einen Feuerwehrkommandanten, der mitten in einem Großbrand stolz verkündet, erfolgreich ein Rauchverbot im Aufenthaltsraum durchgesetzt zu haben.

Die Bürokratie frisst ihre Kinder

Der eigentliche Witz besteht darin, dass dieselben Institutionen, die jede Serviette, jeden Deckel und jedes Ketchup-Päckchen regulieren möchten, gleichzeitig beklagen, dass Europa wirtschaftlich an Dynamik verliert.

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Die Antwort liegt dabei offen auf dem Tisch. Wer jeden Lebensbereich bis ins letzte Detail normiert, standardisiert, dokumentiert und überwacht, erzeugt irgendwann eine Gesellschaft, in der Verwaltung wichtiger wird als Wertschöpfung. Während Unternehmer produzieren, entwickeln, investieren und Risiken eingehen müssen, produziert die Bürokratie Richtlinien. Und Richtlinien haben einen bemerkenswerten Vorteil: Sie können unbegrenzt hergestellt werden, ohne jemals einen Markt finden zu müssen.

Vielleicht erklärt das den Enthusiasmus.

Die letzte große Hoffnung Europas

Man stelle sich die Historiker des Jahres 2100 vor.

Sie werden untersuchen, weshalb Europa wirtschaftlich zurückfiel, warum Industrien abwanderten und weshalb andere Weltregionen technologisch davonzogen. Irgendwann werden sie auf einen Aktenberg stoßen. Darin finden sich tausende Seiten über Deckel, Strohhalme, Verschlüsse, Verpackungen, Portionsbeutel und Soßenspender. Die Historiker werden vermutlich glauben, es handle sich um Satire. Sie werden annehmen, niemand könne ernsthaft so viel politische Energie auf derartige Nebensächlichkeiten verwendet haben.

Doch leider werden die Dokumente echt sein.

Und irgendwo zwischen all den Verordnungen wird sich die Erkenntnis verbergen, dass eine politische Klasse ihre historische Mission zunehmend darin sah, das Leben ihrer Bürger bis in die kleinsten Details zu organisieren, während die großen Fragen der Zeit ungelöst blieben.

Das Ketchup-Tütchen wird dann vielleicht tatsächlich verschwunden sein.
Die Probleme, die man stattdessen hätte lösen können, sicher nicht.