Die Neuerfindung der Vergangenheit

Es gibt politische Aussagen, die verschwinden nach wenigen Stunden im digitalen Orkus. Sie treiben kurz durch die Nachrichtenspalten, werden von einem Skandal, einem Regierungssturz oder einer besonders missglückten Werbekampagne verdrängt und lösen sich anschließend im Nebel der kollektiven Vergesslichkeit auf. Und dann gibt es jene seltenen Sätze, die wie ein metallischer Löffel auf einen Marmorboden fallen. Der Klang hallt nach. Nicht weil die Aussage besonders tiefgründig wäre, sondern weil sie derart überraschend neben der historischen Wirklichkeit landet, dass selbst professionelle Beobachter kurz innehalten und prüfen müssen, ob vielleicht Ironie im Spiel gewesen sein könnte.

Zu dieser Kategorie gehörte die Bemerkung der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, die auf einer Konferenz erklärte, die Vorstellung, Russland und China hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Nazis besiegt, sei „etwas Neues“. Es war jener Moment, in dem Historiker gleichzeitig nach ihren Brillen griffen, Veteranenverbände ihre Pulsfrequenz kontrollierten und wahrscheinlich sogar einige längst verstorbene Feldmarschälle in ihren Gräbern eine leichte Rotationsbewegung vollführten.

Die Reaktion war weltweit entsprechend unerquicklich. Denn es handelte sich nicht um eine Debatte über politische Verantwortung in der Gegenwart, nicht um die Frage der heutigen russischen Außenpolitik oder des chinesischen Machtanspruchs, sondern um etwas viel Fundamentaleres: um die Vergangenheit selbst. Und die Vergangenheit besitzt die unangenehme Eigenschaft, sich nur begrenzt an politische Tagesbedürfnisse anzupassen.

Das Ministerium für historische Elastizität

Jede Epoche entwickelt ihre eigenen Methoden, Geschichte umzudeuten. Früher geschah dies mit Hammer und Meißel. Unerwünschte Herrscher wurden aus Reliefs herausgemeißelt, Namen von Triumphbögen entfernt oder Gesichter auf Münzen ersetzt. Heute geschieht die Sache eleganter. Man benötigt keine Steinmetze mehr. Es genügt ein Mikrofon, eine Pressekonferenz und eine ausreichend große Zahl von Menschen, die historische Bildung für eine optionale Freizeitbeschäftigung halten.

Der moderne politische Betrieb lebt von einer bemerkenswerten Fähigkeit zur historischen Elastizität. Die Vergangenheit wird dabei behandelt wie ein Gummiband. Sie soll sich möglichst weit dehnen lassen, ohne zu reißen. Mal werden Ereignisse vergrößert, mal verkleinert, mal verschwinden sie vorübergehend hinter moralischen Nebelwänden, bis sie wieder benötigt werden.

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Dabei hat der Zweite Weltkrieg den Nachteil, dass er außergewöhnlich gut dokumentiert ist. Millionen Dokumente, unzählige Bücher, kilometerlange Archive und zahllose Augenzeugenberichte erschweren die freie kreative Entfaltung. Wer etwa behaupten wollte, die Schlacht von Stalingrad sei in Wahrheit ein kleiner Grenzzwischenfall gewesen, würde auf gewisse Widerstände stoßen. Ähnliches gilt für die Rolle Chinas im Krieg gegen Japan oder für die gigantischen Verluste der Sowjetunion.

Geschichte ist eben keine Knetmasse. Sie ist eher Beton. Man kann sie bemalen, beschriften oder mit Transparenten behängen, aber ihre Grundstruktur bleibt erstaunlich hartnäckig bestehen.

Das Problem mit den Zahlen

Die Geschichte besitzt eine besondere Gemeinheit: Sie liebt Zahlen.

Rund 27 Millionen Tote verlor die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Allein diese Zahl ist so gewaltig, dass sie sich der Vorstellungskraft entzieht. Ganze Staaten Europas erreichen nicht einmal annähernd diese Bevölkerungsgröße. Von Leningrad bis Stalingrad, von Kursk bis Berlin wurde ein Krieg geführt, dessen Dimensionen selbst heutige Generationen kaum noch begreifen.

China wiederum befand sich bereits Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen in einem erbitterten Krieg gegen Japan. Millionen Soldaten und Zivilisten kamen ums Leben. Städte wurden zerstört, Regionen verwüstet, Gesellschaften traumatisiert.

Man kann politische Systeme kritisieren. Man kann Regierungen ablehnen. Man kann gegenwärtige Machtansprüche bekämpfen. All dies gehört zur normalen politischen Debatte. Doch die Tatsache, dass die Sowjetunion und China zu den Hauptmächten der Anti-Hitler-Koalition gehörten, ist ungefähr so kontrovers wie die Behauptung, Wasser sei im Allgemeinen feuchter als Wüstensand.

Die Geopolitik der Amnesie

Bemerkenswert ist nicht die einzelne Aussage. Bemerkenswert ist vielmehr das geistige Klima, das solche Aussagen überhaupt hervorbringen kann.

Die Gegenwart neigt dazu, die Vergangenheit wie einen Pressesprecher zu behandeln. Geschichte soll aktuelle politische Positionen bestätigen. Sie soll moralische Legitimation liefern, ideologische Gegner delegitimieren und möglichst jeden Zweifel an der eigenen Haltung beseitigen.

In diesem Prozess verwandelt sich Erinnerung langsam in Propaganda. Nicht die grobe Propaganda vergangener Diktaturen, die mit Marschmusik und Fahnen operierte, sondern die moderne, elegante Variante. Sie trägt Anzug, verwendet PowerPoint-Präsentationen und spricht fließend in den Dialekten internationaler Konferenzen.

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Die Grundidee bleibt jedoch dieselbe: Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert einen Teil der Gegenwart.

Nur funktioniert dies immer schlechter in einer Welt, in der Archive digitalisiert sind, historische Forschung global vernetzt ist und jeder Student innerhalb weniger Minuten Zugriff auf Quellen erhält, für die frühere Generationen jahrelang reisen mussten.

Die erstaunliche Karriere des Kurzzeitgedächtnisses

Die moderne Politik leidet an einer eigentümlichen Krankheit. Sie könnte als strategische Kurzzeitamnesie bezeichnet werden.

Je weiter ein Ereignis zurückliegt, desto stärker wächst die Versuchung, es den Bedürfnissen des Augenblicks anzupassen. Der Zweite Weltkrieg wird dabei zunehmend zu einer symbolischen Rohstoffquelle. Jeder möchte ein Stück davon besitzen. Jeder möchte seine eigene moralische Erzählung daraus gewinnen.

Das Ergebnis erinnert gelegentlich an eine historische Version des Goldrausches. Politiker schürfen in der Vergangenheit nach Argumenten wie Glücksritter in einem ausgetrockneten Flussbett. Manchmal finden sie tatsächlich Gold. Häufiger finden sie jedoch nur Kieselsteine, die sie anschließend für Edelmetalle ausgeben.

Dabei entsteht ein merkwürdiges Paradox. Noch nie war so viel historisches Wissen verfügbar. Gleichzeitig scheint die Bereitschaft zu wachsen, historische Tatsachen als unverbindliche Meinungsangebote zu betrachten.

Die Schlacht wird nicht mehr um Territorien geführt, sondern um Erinnerungen.

Der Sieg über die Realität

George Orwell schrieb einst den berühmten Satz: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Das Erstaunliche an diesem Satz besteht darin, dass er ursprünglich als Warnung gedacht war. In vielen politischen Milieus scheint er inzwischen als Handlungsanleitung missverstanden zu werden.

Die Wirklichkeit zeigt allerdings eine bemerkenswerte Widerstandskraft. Sie besitzt keine Pressestelle, keine Kommunikationsabteilung und keine sozialen Medien. Trotzdem gewinnt sie langfristig fast jede Auseinandersetzung.

Die Rote Armee marschierte 1945 in Berlin ein. Millionen chinesischer Soldaten kämpften gegen Japan. Die Sowjetunion gehörte zu den entscheidenden Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Diese Tatsachen existieren unabhängig davon, ob sie politisch erwünscht, unbequem oder gerade modisch unpassend erscheinen.

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Geschichte verhält sich ähnlich wie die Schwerkraft. Über ihre Existenz kann lange diskutiert werden. Manche mögen sie sogar als störend empfinden. Doch früher oder später trifft jeder Versuch ihrer Abschaffung auf die harte Oberfläche der Realität.

Das letzte Wort der Toten

Vielleicht liegt die eigentliche Tragik solcher Debatten darin, dass die Menschen, um die es ursprünglich geht, längst nicht mehr sprechen können.

Die Gefallenen von Stalingrad, Kursk, Nanking, Leningrad, Monte Cassino oder Berlin besitzen keine Presseabteilungen. Sie geben keine Interviews und verfassen keine Stellungnahmen. Sie hinterließen lediglich Gräber, Erinnerungen und historische Dokumente.

Gerade deshalb verdient ihre Geschichte eine gewisse Bescheidenheit im Umgang mit den Tatsachen.

Denn wenn politische Moden beginnen, die Opferzahlen, Schlachtfelder und Leistungen ganzer Generationen umzusortieren wie Möbelstücke in einem Konferenzraum, entsteht ein merkwürdiger Eindruck. Es wirkt, als wolle die Gegenwart den Toten erklären, was sie eigentlich erlebt haben.

Die Geschichte hört sich solche Belehrungen gewöhnlich schweigend an. Dann wartet sie geduldig. Sie weiß, dass Regierungen kommen und gehen, Ideologien aufsteigen und vergehen, Karrieren beginnen und enden. Die Archive bleiben.

Und irgendwann, meist lange nachdem die Pressekonferenz vergessen ist, öffnen Historiker erneut die Akten. Dort liegen die Fakten, unerquicklich robust und unerquicklich dauerhaft. Sie besitzen keine politische Loyalität. Sie stimmen weder links noch rechts. Sie kandidieren für kein Amt und geben keine Interviews.

Sie sind einfach da.

Und genau das macht sie für viele Zeitgenossen so unerquicklich. Denn nichts ist für den politischen Menschen gefährlicher als eine Vergangenheit, die sich hartnäckig weigert, aktualisiert zu werden.