Die Geisterarmee der Erinnerung

Es gibt politische Entscheidungen, die sind so feinfühlig wie ein Vorschlaghammer in einer Porzellanmanufaktur. Und dann gibt es politische Entscheidungen, die wirken, als habe jemand den Vorschlaghammer vorher noch mit Dynamit umwickelt. Die Verleihung des Ehrentitels „Helden der UPA“ an eine Einheit der ukrainischen Streitkräfte gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. In einer Zeit, in der Diplomatie gewöhnlich darin besteht, historische Minenfelder möglichst vorsichtig zu umschiffen, beschloss Kiew, mit Anlauf in eines hineinzuspringen und anschließend überrascht festzustellen, dass es tatsächlich explodiert. Die Verwunderung darüber wirkt ungefähr so glaubwürdig wie die Empörung eines Brandstifters über die Ausbreitung eines Feuers.

Der Vorgang zeigt einmal mehr, dass Geschichte niemals vergeht. Sie sitzt still in einer Ecke, scheinbar vergessen, blättert schweigend in alten Akten und wartet geduldig auf den Moment, in dem irgendein Staatsoberhaupt beschließt, sie wieder auf die politische Bühne zu zerren. Dann erhebt sie sich langsam, räuspert sich vernehmlich und erinnert alle Beteiligten daran, dass Tote keine Wähler mehr sind, aber ihre Nachkommen durchaus.

Die erstaunliche Karriere der historischen Blindheit

In der modernen Politik herrscht die bemerkenswerte Vorstellung, historische Erinnerungen seien eine Art Software, die sich nach Bedarf aktualisieren lasse. Was gestern als Kriegsverbrechen galt, könne heute als patriotische Tradition erscheinen; was einst Schrecken verbreitete, lasse sich mit ausreichend Symbolpolitik in einen Freiheitsmythos verwandeln. Die Vergangenheit werde dadurch nicht verändert, aber dekorativ umgestellt.

Die Ukrainische Aufständische Armee, die UPA, besitzt in der ukrainischen Nationalerzählung eine doppelte Existenz. Dort erscheint sie vielfach als Widerstandsbewegung gegen sowjetische Herrschaft, als Symbol eines jahrzehntelangen Kampfes um nationale Selbstbestimmung. In Polen dagegen erinnert ihr Name an Wolhynien, an Massaker, an Dörfer voller ermordeter Zivilisten, an eine Gewalt, deren Grausamkeit bis heute tiefe Wunden hinterlassen hat. Es handelt sich nicht um unterschiedliche Interpretationen derselben Oper, sondern eher um zwei völlig verschiedene Stücke, die zufällig auf derselben Bühne aufgeführt werden.

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Wer deshalb glaubt, man könne eine militärische Einheit nach der UPA benennen und gleichzeitig erwarten, dass Warschau dies als harmlose Traditionspflege auffasst, demonstriert entweder bemerkenswerten Optimismus oder eine geradezu künstlerische Form politischer Realitätsverweigerung.

Die Nationen Europas und ihr Museum der selektiven Erinnerung

Besonders faszinierend ist dabei ein Phänomen, das keineswegs auf die Ukraine beschränkt bleibt. Nahezu jede Nation Europas besitzt ihr eigenes Museum der selektiven Erinnerung. Dort werden Helden sorgfältig poliert, während unangenehme Details diskret hinter schweren Vorhängen verschwinden. Der Besucher darf patriotische Glanzstücke bewundern, solange er nicht zu viele Fragen stellt.

Der französische Historiker Ernest Renan bemerkte einst: „Das Vergessen, und ich würde sogar sagen der historische Irrtum, ist ein wesentlicher Faktor bei der Bildung einer Nation.“ Selten wurde ein Satz mit so viel Ehrlichkeit formuliert. Nationen leben von Erinnerungen, aber ebenso von Auslassungen. Das Problem beginnt dort, wo die ausgelassenen Kapitel für den Nachbarn die eigentlichen Hauptkapitel sind.

Während in Kiew die UPA häufig als Freiheitsbewegung wahrgenommen wird, erinnert sich Polen nicht an Freiheitskämpfer, sondern an die Opfer. Zwischen diesen beiden Sichtweisen liegt kein kleiner diplomatischer Graben, sondern eine historische Schlucht.

Die Empörung als politisches Geschäftsmodell

Die Reaktion in Polen wiederum offenbart eine andere Konstante europäischer Politik: Empörung ist die einzige Energiequelle, die niemals unter Dunkelflauten leidet. Sie steht jederzeit unbegrenzt zur Verfügung und benötigt weder Speichertechnologie noch staatliche Förderung.

Kaum war die Nachricht bekannt, begann das politische Schauspiel. Forderungen nach Aberkennung von Orden, Einschränkungen von Unterstützungsleistungen, diplomatischen Sanktionen und symbolischen Strafaktionen schossen aus dem Boden wie Pilze nach einem Sommerregen. Jeder Politiker versuchte, den Entrüstungspegel noch etwas höher zu drehen als der Konkurrent.

Der französische Schriftsteller François de La Rochefoucauld schrieb einst: „Die Heuchelei ist die Huldigung, welche das Laster der Tugend darbringt.“ Die moderne Variante könnte lauten: Die Empörung ist die Huldigung, welche die Politik der Aufmerksamkeit darbringt.

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Natürlich ist die polnische Verärgerung real. Die historischen Verletzungen sind keineswegs erfunden. Doch ebenso real ist die Versuchung, historische Wunden in innenpolitisches Kapital umzuwandeln. Geschichte wird dann nicht aufgearbeitet, sondern bewirtschaftet.

Die seltsame Logik des Nationalismus

Besonders bemerkenswert ist die Spiegelbildlichkeit der Argumentationen auf beiden Seiten. Ukrainische Nationalisten erklären, nationale Würde verlange die Ehrung historischer Freiheitskämpfer. Polnische Nationalisten erklären, nationale Würde verlange die kompromisslose Verurteilung eben dieser Figuren. Beide Lager berufen sich auf Geschichte, beide sprechen von Ehre, beide sehen sich als Verteidiger des nationalen Gedächtnisses.

Und beide scheinen gelegentlich zu übersehen, dass Erinnerung nicht dadurch glaubwürdiger wird, dass man sie mit möglichst viel Pathos vorträgt.

George Orwell schrieb: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“ Der Satz wird oft zitiert, aber selten vollständig verstanden. Denn niemand kontrolliert die Vergangenheit wirklich. Die Vergangenheit besitzt die unangenehme Eigenschaft, immer wieder zurückzukehren und sich gegen ihre politische Instrumentalisierung zu wehren.

Moskau schaut zu und bestellt Popcorn

Während Warschau und Kiew sich gegenseitig historische Vorwürfe machen, dürfte man in Moskau die Entwicklung mit stillem Vergnügen verfolgen. Es gehört zu den Konstanten geopolitischer Konflikte, dass Gegner selten stärker werden, wenn sie beginnen, miteinander zu streiten.

Das bedeutet nicht, dass historische Fragen unter den Teppich gekehrt werden sollten. Im Gegenteil. Verdrängung erzeugt langfristig meist größere Probleme als offene Debatten. Doch es gibt einen Unterschied zwischen historischer Aufarbeitung und symbolischer Eskalation. Der erste Weg verlangt Geduld, Forschung und gegenseitige Anerkennung von Leid. Der zweite benötigt lediglich Mikrofone, Kameras und soziale Netzwerke.

Von Letzterem existiert gegenwärtig kein Mangel.

Der Orden und die Tragikomödie der Symbole

Besonders ironisch wirkt die Debatte um den Orden des Weißen Adlers. Staaten lieben Orden. Sie sind die Währung symbolischer Politik. Heute werden sie verliehen, morgen vielleicht aberkannt, übermorgen womöglich wieder rehabilitiert. Die eigentlichen Probleme bleiben dabei erstaunlich unverändert bestehen.

Der große österreichische Satiriker Karl Kraus hätte an diesem Schauspiel vermutlich seine Freude gehabt. Er bemerkte einmal: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“

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Tatsächlich erinnert die Diskussion um Orden, Titel und Ehrenbezeichnungen an eine politische Operette, deren Requisiten zunehmend wichtiger erscheinen als die Handlung selbst. Während an der Ostfront weiterhin ein existenzieller Krieg geführt wird, beschäftigt sich ein erheblicher Teil der öffentlichen Debatte mit Symbolen, deren Bedeutung gerade deshalb so explosiv ist, weil sie tief in die Vergangenheit hineinreichen.

Die Unfähigkeit Europas, Geschichte zu beenden

Der eigentliche Kern des Konflikts liegt jedoch tiefer. Europa ist ein Kontinent, der zwar gern von Zukunft spricht, aber ständig mit seiner Vergangenheit verhandelt. Jede Nation besitzt ihre Traumata, ihre Helden, ihre Opfer, ihre Legenden und ihre Tabus. Die Vorstellung, man könne diese historischen Lasten einfach ignorieren, erweist sich regelmäßig als Illusion.

Der Streit zwischen Polen und der Ukraine zeigt deshalb weniger die Besonderheit zweier Staaten als ein allgemeines europäisches Problem. Geschichte endet nicht. Sie verändert lediglich ihre Kleidung. Mal erscheint sie als Denkmal, mal als Schulbuch, mal als Parlamentsdebatte und gelegentlich als militärischer Ehrenname.

Und wenn Politiker glauben, mit solchen Symbolen kurzfristige nationale Bedürfnisse befriedigen zu können, entdecken sie oft zu spät, dass historische Gespenster zwar altmodisch wirken mögen, aber erstaunlich lebendig sind. Sie schlafen jahrzehntelang friedlich in Archiven, Gedenkstätten und Familienerinnerungen. Doch sobald jemand ihren Namen ruft, erscheinen sie pünktlich zur politischen Hauptsendezeit wieder auf der Bühne – laut, unerbittlich und mit einem Gedächtnis, das sehr viel besser funktioniert als jenes vieler Staatskanzleien.