Die fromme Destillation der Zivilisation

Es gehört zu den zuverlässigsten Selbsttäuschungen der Gegenwart, den Alkohol entweder als kultivierte Nebensache bürgerlicher Tischkultur oder als soziales Problem zu verhandeln, das sich mit Präventionsbroschüren, erhobenem Zeigefinger und einer Prise pädagogischer Hoffnung schon irgendwie in den Griff bekommen lasse. In Wahrheit ist Alkohol weder Nebensache noch Problem – sondern Fundament. Wer die Geschichte der Menschheit ohne den diskreten, aber beharrlichen Einfluss der Gärung erzählen will, betreibt entweder Romantisierung oder Geschichtsfälschung. Der Satz, ohne Alkohol hätte die Menschheit nicht überlebt, ist weniger Provokation als nüchterne Bestandsaufnahme eines zutiefst irrationalen Wesens, das nur unter Zuhilfenahme chemischer Selbstberuhigung überhaupt in der Lage war, so etwas wie Kultur, Religion und Verwaltung hervorzubringen, ohne sich gegenseitig oder sich selbst allzu rasch auszulöschen.

Klöster als Labore der Veredelung

Besonders unerquicklich wird diese Einsicht für all jene, die Religion gern als moralische Gegeninstanz zur menschlichen Schwäche stilisieren. Denn ausgerechnet die Orte, die dem Irdischen entsagen wollten, haben es in seiner veredelten Form konserviert. Klöster waren nie nur Orte der Askese, sondern stets auch Werkstätten der Weltbeherrschung im Kleinen: Man züchtete Pflanzen, sammelte Wissen, katalogisierte Sünden – und braute Bier. Dass im niederbayerischen Mallersdorf eine Nonne die letzte klösterliche Brauerei führt, ist kein folkloristischer Zufall, sondern die logische Endstufe einer jahrhundertelangen Allianz zwischen Transzendenz und Gärbottich. Während draußen die Welt zwischen Krieg, Pest und politischer Torheit schwankte, sorgten hinter Klostermauern Hefekulturen für eine Stabilität, die weder Theologie noch Staatskunst je zuverlässig gewährleisten konnten.

Die Moral der Maßkrüge

Die moderne Gesellschaft hingegen pflegt ein bemerkenswert schizophrenes Verhältnis zum Alkohol. Einerseits wird er in ritualisierten Formen hochgehalten: beim Empfang, beim Geschäftsabschluss, beim Staatsbankett, bei der Trauerfeier – kurz: überall dort, wo die Realität ohne chemische Weichzeichnung schwer erträglich wäre. Andererseits wird derselbe Stoff mit einer moralischen Verdächtigkeit belegt, als handle es sich um eine subversive Kraft, die den Menschen von seinem angeblich nüchternen Idealzustand abbringt. Diese Vorstellung ist von einer fast rührenden Naivität. Der sogenannte Idealzustand des Menschen ist weder nüchtern noch rational, sondern ein fragiles Gleichgewicht aus Trieb, Angst und Selbstüberschätzung. Alkohol wirkt hier weniger als Störfaktor denn als sozialer Schmierstoff, der die Reibung zwischen diesen Elementen auf ein erträgliches Maß reduziert.

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Die Illusion der Kontrolle

Besonders amüsant ist der Glaube, die Menschheit habe den Alkohol im Griff. In Wahrheit verhält es sich eher umgekehrt. Ganze Kulturen sind um ihn herum organisiert worden, Gesetze wurden erlassen, wieder verworfen, verschärft und unterlaufen, als handle es sich um ein Naturphänomen, das sich mit juristischen Mitteln eindämmen ließe. Prohibitionsversuche endeten regelmäßig in einem Triumph der Kreativität über die Moral, während die offizielle Empörung sich in etwa so glaubwürdig ausnahm wie ein trockener Toast. Dass ausgerechnet religiöse Gemeinschaften, die sich der Disziplin verschrieben haben, zu den beständigsten Produzenten alkoholischer Getränke zählen, ist dabei weniger Widerspruch als entlarvende Pointe: Selbst dort, wo der Wille zur Kontrolle am größten ist, zeigt sich die Notwendigkeit des kontrollierten Kontrollverlusts.

Schwester Doris und die letzte Bastion der Vernunft

In dieser Perspektive erscheint die Figur einer brauenden Nonne nicht als Kuriosität, sondern als letzte Vertreterin einer verlorengegangenen Vernunft. Während die Gegenwart zwischen hysterischer Gesundheitsfixierung und heimlicher Exzesskultur pendelt, verkörpert das klösterliche Brauen eine Haltung, die dem Alkohol weder dämonische noch erlösende Kräfte zuschreibt. Er ist einfach da, wird gepflegt, verbessert, maßvoll konsumiert – ein Produkt menschlicher Kunstfertigkeit und zugleich ein Eingeständnis menschlicher Unzulänglichkeit. Die Ironie besteht darin, dass ausgerechnet eine Institution, die offiziell auf Verzicht setzt, eine der ausgewogensten Formen des Umgangs mit Genussmitteln hervorgebracht hat.

Die große Nüchternheit als Gefahr

Die eigentliche Gefahr für die Menschheit liegt daher weniger im Alkohol als in der Vorstellung, man könne dauerhaft ohne ihn auskommen – nicht im physiologischen, sondern im kulturellen Sinn. Eine vollständig nüchterne Gesellschaft wäre vermutlich keine bessere, sondern eine unerträglich klare. Sie würde jede Illusion verlieren, jede milde Verzerrung, jede kleine Unschärfe, die das Zusammenleben überhaupt erst möglich macht. Konflikte träten schärfer hervor, Widersprüche ließen sich nicht mehr übertünchen, und die eigene Lächerlichkeit würde in einer Deutlichkeit sichtbar, die kaum auszuhalten wäre. Insofern erscheint der Alkohol weniger als Fluchtmittel denn als eine Art zivilisatorischer Filter, der die Realität auf ein Maß reduziert, das menschliche Nerven gerade noch verarbeiten können.

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Ein Hoch auf die Unvernunft

Am Ende bleibt die unangenehme, aber schwer zu widerlegende Einsicht, dass die Geschichte der Menschheit nicht trotz, sondern auch dank ihrer kleinen, wohltemperierten Selbstvergiftungen verlaufen ist. Der Traum von der vollkommen rationalen, durchoptimierten Gesellschaft mag in politischen Programmen und Gesundheitskampagnen weiterleben, doch er verkennt eine anthropologische Konstante: Der Mensch ist kein Wesen, das Wahrheit in reiner Form erträgt. Es braucht Verdünnung, Übersetzung, manchmal auch ein Glas Bier. Dass dieses Bier ausgerechnet in den Händen einer Nonne gebraut wird, ist dabei weniger paradox als folgerichtig – ein leiser Hinweis darauf, dass die größten Wahrheiten oft dort entstehen, wo Ernst und Ironie, Askese und Genuss, Himmel und Hopfen eine unerwartete Verbindung eingehen.