und das Verschwinden der Geschichte
Geschichte ist ein unbequemes Fach. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, Menschen daran zu erinnern, dass Ideologien nicht aus abstrakten Theorieseminaren stammen, sondern aus den Trümmern ihrer Folgen. Sie zeigt die Massengräber hinter den Parolen, die Gefängnisse hinter den Utopien und die Leichenberge hinter den Heilsversprechen. Gerade deshalb war Geschichtsunterricht lange Zeit nicht dazu gedacht, moralische Empfindlichkeiten zu pflegen, sondern historische Urteilskraft zu entwickeln. Wer verstehen sollte, wie Freiheit verloren geht, musste lernen, wie sie verloren wurde. Wer erkennen sollte, wie totalitäre Systeme entstehen, musste die Systeme kennenlernen, die bereits entstanden waren. Doch in manchen modernen Lehrplänen scheint sich eine merkwürdige Verschiebung vollzogen zu haben. Geschichte soll nicht mehr in erster Linie erklären, sondern erziehen; nicht mehr analysieren, sondern sensibilisieren; nicht mehr Wissen vermitteln, sondern Haltungen produzieren. Das Ergebnis gleicht bisweilen einer historischen Diät, bei der alles entfernt wird, was intellektuell schwer verdaulich erscheint. Übrig bleibt eine kalorienarme Moralpädagogik, die zwar viele Gefühle erzeugt, aber erstaunlich wenig historisches Verständnis.
Besonders auffällig wird dies dort, wo ganze Kapitel des 20. Jahrhunderts zu Randnotizen schrumpfen. Schüler können mitunter die Sprache kolonialer Verwaltungsbeamter analysieren, ohne jemals die Befehle eines Gulag-Kommandanten gelesen zu haben. Sie lernen ausführlich über Diskriminierungsformen in westlichen Gesellschaften, ohne auch nur annähernd zu begreifen, was geschieht, wenn ein Staat beschließt, Millionen Menschen als Klassenfeinde, Volksfeinde oder Konterrevolutionäre zu definieren. Der Name Stalin erscheint gelegentlich wie ein ungebetener Gast, der den harmonischen Verlauf der pädagogischen Veranstaltung stört. Mao wird häufig auf einige Sätze reduziert, als handle es sich um einen misslungenen Wirtschaftsreformer und nicht um den politischen Architekten einer der größten menschengemachten Katastrophen der Geschichte. Die Gulags verschwinden hinter statistischen Nebelschwaden, während die Opferzahlen kommunistischer Herrschaft oft mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung behandelt werden, die bei anderen historischen Verbrechen völlig zu Recht undenkbar wäre.
Dabei war gerade das 20. Jahrhundert ein gigantisches Laboratorium des Totalitarismus. Es zeigte nicht nur, wie Diktaturen funktionieren, sondern wie sie entstehen. Die erschreckende Erkenntnis lautet nämlich, dass sie selten mit Konzentrationslagern beginnen. Sie beginnen mit moralischer Selbstgewissheit. Sie beginnen mit der Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Sie beginnen mit Menschen, die überzeugt sind, dass ihre Ziele so edel sind, dass ihnen keine Grenzen gesetzt werden dürfen. Genau deshalb schrieb der britische Historiker und Schriftsteller Robert Conquest den berühmten Satz: „Jeder kennt die Verbrechen Hitlers, aber viele betrachten die Verbrechen Stalins als bedauerliche Fehler auf dem Weg zu einer guten Idee.“ In dieser Beobachtung steckt ein ganzes Kapitel politischer Psychologie. Denn Totalitarismus lebt nicht nur von Gewalt. Er lebt von Rechtfertigung. Er lebt von Intellektuellen, die erklären, warum Gewalt notwendig sei. Er lebt von Funktionären, die erklären, warum Freiheit vorübergehend ausgesetzt werden müsse. Und er lebt von Lehrern, Journalisten und Akademikern, die erklären, warum bestimmte Fragen besser nicht gestellt werden sollten.
Wer nie gelernt hat, wie die stalinistischen Säuberungen funktionierten, erkennt möglicherweise nicht, wie schnell politische Gegner zu moralischen Aussätzigen erklärt werden können. Wer nie von den Hungerkatastrophen unter Mao gehört hat, versteht vielleicht nicht, was geschieht, wenn politische Dogmen wichtiger werden als die Realität. Wer nie etwas über die Gulags erfährt, besitzt keinen historischen Maßstab, um staatliche Machtkonzentration kritisch zu betrachten. Geschichte funktioniert nämlich wie ein geistiger Werkzeugkasten. Werden die Werkzeuge entfernt, verschwinden auch die Fähigkeiten. Niemand käme auf die Idee, einen Mechaniker auszubilden, indem man ihm die Hälfte seiner Werkzeuge wegnimmt. Im Bildungswesen scheint diese Methode jedoch gelegentlich als fortschrittliche Innovation gefeiert zu werden.
Die große Moralmaschine
An die Stelle historischer Bildung tritt zunehmend eine Art moralische Verwaltungswissenschaft. Die Vergangenheit wird nicht mehr als komplexes Feld menschlicher Erfahrungen betrachtet, sondern als Lagerhalle für pädagogisch verwertbare Gefühle. Schuld wird katalogisiert, Empörung standardisiert und Betroffenheit in didaktische Einheiten zerlegt. Der ideale Schüler soll nicht unbedingt verstehen, sondern empfinden. Er soll die richtigen Reaktionen zeigen. Er soll die vorgesehenen Schlüsse ziehen. Er soll die vorgeschriebenen Sensibilitäten entwickeln. Der Historiker verwandelt sich dabei schrittweise in einen Moralpädagogen, dessen Aufgabe weniger darin besteht, Fragen zu beantworten, als erwünschte Haltungen zu erzeugen.
Der französische Philosoph Raymond Aron warnte einst vor den „säkularen Religionen“ der Moderne. Gemeint waren politische Ideologien, die dieselben Funktionen erfüllen wie religiöse Glaubenssysteme, allerdings ohne deren transzendente Bescheidenheit. Wer im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein glaubt, neigt dazu, Andersdenkende nicht als Gegner, sondern als Sünder zu betrachten. Genau hier liegt die Gefahr einer Geschichtsvermittlung, die auf Scham statt auf Erkenntnis setzt. Scham ist ein mächtiges Instrument. Sie erzeugt Konformität. Sie diszipliniert. Sie verhindert Widerspruch. Aber sie erzeugt kein Verständnis. Niemand versteht die Französische Revolution besser, weil er sich schuldig fühlt. Niemand begreift den Nationalsozialismus tiefer, weil er Betroffenheitsformulare ausfüllt. Niemand erkennt die Mechanismen des Totalitarismus, weil er gelernt hat, welche Gefühle zu welchem Thema erwartet werden.
Die Ironie besteht darin, dass gerade eine solche Pädagogik selbst Merkmale jener Denkweise reproduziert, die sie angeblich bekämpfen möchte. Totalitäre Systeme lieben moralische Gewissheiten. Sie lieben einfache Kategorien von Gut und Böse. Sie lieben die Einteilung der Welt in Erleuchtete und Rückständige. Sie lieben öffentliche Selbstkritik und soziale Konformität. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt eindrucksvoll, wohin solche Denkweisen führen können. Doch wenn diese Geschichte nicht mehr gelehrt wird, verschwindet auch die Warnung.
Die Abwesenheit der Toten
Besonders bemerkenswert ist die Stille um die Opfer kommunistischer Regime. Millionen Tote scheinen gelegentlich wie eine statistische Unannehmlichkeit behandelt zu werden, die den pädagogischen Erzählfluss stört. Dabei reicht ein Blick auf die historischen Fakten, um die Dimension zu erfassen. Die Zwangskollektivierungen Stalins, die Hungerkatastrophen Maos, die politischen Säuberungen, die Arbeitslager, die Deportationen und die systematische Unterdrückung ganzer Bevölkerungsgruppen gehören zu den größten Menschheitsverbrechen der Neuzeit. Doch ihre Erinnerung besitzt häufig nicht dieselbe kulturelle Präsenz wie andere historische Katastrophen.
Der amerikanische Historiker Richard Pipes bemerkte einmal, dass viele Intellektuelle den Kommunismus nach seinen Absichten beurteilen, während sie andere Ideologien nach ihren Ergebnissen beurteilen. Genau hierin liegt ein Kernproblem. Wenn gute Absichten wichtiger werden als reale Folgen, entsteht eine moralische Blindheit, die jede Ideologie gefährlich macht. Die Toten verschwinden hinter den Versprechungen ihrer Mörder.
Ein Geschichtsunterricht, der diese Zusammenhänge verschweigt oder relativiert, ähnelt einem Brandschutzkurs, in dem ausschließlich über Rauchmelder gesprochen wird, während die Existenz des Feuers als störendes Detail gilt. Er vermittelt vielleicht bestimmte Haltungen, aber keine historische Kompetenz. Und Kompetenz wäre gerade das, was eine freie Gesellschaft benötigt.
Geschichte oder Indoktrination
Geschichte beginnt dort, wo Fragen erlaubt sind. Indoktrination beginnt dort, wo Antworten vorgegeben werden. Geschichte lebt von Widersprüchen, Unsicherheiten und unbequemen Tatsachen. Indoktrination lebt von moralischer Eindeutigkeit. Geschichte verlangt Denken. Indoktrination verlangt Zustimmung.
Deshalb ist ein Lehrplan, der auf Scham aufbaut, letztlich kein Geschichtsunterricht. Er ist eine Form der Charaktererziehung mit historischen Dekorationen. Er mag tugendhafte Gefühle hervorbringen, aber er schafft keine historisch gebildeten Bürger. Wer nie von Stalin, Mao und den Gulags erfährt, besitzt keinen verlässlichen Kompass für die Gefahren totalitärer Herrschaft. Wer die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts nur ausschnittweise kennt, wird ihre Muster in der Gegenwart schwer erkennen können.
Die eigentliche Aufgabe der Geschichte besteht nicht darin, Schuldgefühle zu verwalten. Sie besteht darin, Erinnerung gegen Vergessen zu verteidigen. Sie besteht darin, Macht zu misstrauen, unabhängig davon, unter welcher Fahne sie auftritt. Und sie besteht darin, jene einfache, aber unbequeme Erkenntnis wachzuhalten, die jede Generation neu lernen muss: Der Weg in die Unfreiheit beginnt selten mit offenen Drohungen. Er beginnt meist mit Menschen, die behaupten, genau zu wissen, was gedacht werden soll. Und mit Bildungssystemen, die ihnen dabei helfen.