Der Traum von der geopolitischen Endabrechnung

Es gibt Formulierungen, die mit der diskreten Eleganz eines Konzertflügels den Raum betreten, sich setzen und zunächst den Eindruck erwecken, als werde nun etwas Staatsmännisches folgen – ein Satz mit gravitätischem Timbre, ein Stück strategischer Hochkultur, vielleicht ein wenig Realpolitik in Abendgarderobe. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Die Vokabeln öffnen den Mantel, und darunter stehen die alten Gespenster aufgereiht wie eine schlecht gealterte Wandertruppe aus den Kellerräumen europäischer Geschichte. „Stunde Null Russlands“ – welch bemerkenswerte Formulierung. Welch geschichtspolitischer Champagnerkorken, der mit einem Knall die Luft verlässt und sofort den Duft verbrannter Archive verbreitet. Es ist jene Art Satz, die sich anhört, als hätten historische Analogien und geopolitische Allmachtsfantasien nach Mitternacht gemeinsam einen zu schweren Rotwein bestellt. Kaum ausgesprochen, beginnt die Vorstellung einer politischen Endabrechnung zu schillern: Dort die große Erschöpfung eines Gegners, hier die feierliche Erwartung eines Zusammenbruchs, als sei Geschichte ein Theaterstück, dessen letzter Akt nur energisch genug herbeigeredet werden müsse. Die alte europäische Leidenschaft, am Kartentisch den Zusammenbruch ganzer Imperien zu imaginieren, erhebt wieder ihren Kopf. Europa, dieser Kontinent der Kathedralen, Kant-Zitate und historischen Selbstbelehrung, entdeckt plötzlich erneut den Reiz des apokalyptischen Wunschkonzerts.

Das strategische Operettenreich der Experten

In solchen Stunden tritt eine besondere Figur auf die Bühne: der geopolitische Großstratege des Fernsehabends. Jene Gestalt, die über Frontlinien spricht wie andere über Gartengestaltung, die den Zerfall von Großmächten behandelt wie eine Renovierungsmaßnahme im Nachbarhaus. Dort sitzt dann der Experte, Stirnfalte in Dienststellung, die Stimme getränkt mit der ernsten Süße vermeintlicher Sachlichkeit, und erklärt, Geschichte müsse nun eben entschlossen gestaltet werden. Formulierungen wie „man muss auf Kapitulation hinarbeiten“ entfalten dabei einen eigentümlichen Zauber. Das Wort „muss“ marschiert stets voran wie ein pflichtbewusster Feldwebel des Denkens. Das Verb „hinarbeiten“ hingegen klingt nach Fleiß, nach Schreibtisch, nach Aktenordnern und Projektmanagement. Fast entsteht der Eindruck, irgendwo existiere eine PowerPoint-Präsentation mit dem Titel: „Der geordnete Zusammenbruch einer Atommacht – Chancen und Synergien“. Vielleicht folgen Unterpunkte wie „Potenziale nachhaltiger Destabilisierung“ oder „Transformation durch kontrollierte Erschütterung“. Bürokratie war schon immer die Kunst, Abgründe in Verwaltungsdeutsch zu verpacken.

TIP:  Diplomatie auf die feine Art

Man erinnert sich an Karl Kraus, der schrieb: „Wie sie zu dem kommen, was sie denken, das ist das Geheimnis.“ Ein Satz wie eine chirurgische Klinge. Denn tatsächlich scheint die politische Fantasie in bestimmten Momenten eine sonderbare Wendung zu nehmen: Je komplizierter die Weltlage wird, desto einfacher werden die großen Lösungen. Irgendwo soll ein Gegner erschöpft, gedemütigt, zerlegt oder in eine historische „Stunde Null“ geführt werden. Das klingt nach endgültiger Klarheit. Nach Schlussstrich. Nach Abrechnung. Nach einem Weltbild, in dem Geschichte eine Tür besitzt, die man mit ausreichend Entschlossenheit einfach eintreten kann.

Der ewige Karneval der Endzustände

Es ist überhaupt bemerkenswert, wie sehr politische Debatten den Endzustand lieben. Die Moderne besitzt eine heimliche Schwäche für finale Akte. Das Ende der Geschichte, der finale Sieg der Demokratie, die letzte große Ordnung, der entscheidende Wendepunkt – stets diese dramatische Sehnsucht nach einem Schlusspunkt, nach dem die Menschheit den Mantel zuknöpft und sagt: So, erledigt. Das politische Denken gleicht dann einem Operettenkaiser, der sich in Uniform vor den Spiegel stellt und begeistert ausruft: Jetzt fehlt nur noch der historische Augenblick. Dabei besteht die Bosheit der Geschichte gerade darin, dass sie keine Vorliebe für Schlussszenen besitzt. Sie liebt Fortsetzungen. Sie liebt chaotische Übergänge. Sie liebt unerwartete Wendungen. Vor allem liebt sie es, die grandiosen Gewissheiten ihrer Architekten in Einzelteile zu zerlegen.

Friedrich Dürrenmatt bemerkte einst, eine Geschichte sei erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe. Das hätte als Warnschild über manchen geopolitischen Planspielen hängen dürfen. Denn der Glaube, ein Gegner werde in eine „Stunde Null“ geführt und danach entstehe eine sauber eingerichtete Nachkriegslandschaft nach westlichem Geschmack, besitzt die intellektuelle Nüchternheit einer Person, die einen Vulkan betrachtet und denkt: Vielleicht entsteht daraus ein hübscher Parkplatz.

Europa und die Wiederentdeckung der historischen Hybris

Europa wiederum wirkt in solchen Momenten wie ein pensionierter Aristokrat, der nach Jahrzehnten friedlicher Selbstbetrachtung plötzlich beschließt, noch einmal den Feldherrn zu geben. Jahrzehntelang sprach man von Dialog, Integration, Erinnerungskultur und historischen Lehren. Dann genügt ein Windstoß der Gegenwart, und plötzlich erscheinen Formeln, die nach geopolitischer Generalabrechnung klingen. Die Geschichte Europas besitzt allerdings einen peinlichen Aktenordner voller Momente, in denen politische Eliten glaubten, die Welt endgültig ordnen zu können. Dieser Kontinent war nie arm an Erlösungsphantasien. Er litt eher an Überproduktion.

TIP:  Für die, die sich beleidigt fühlen werden – also alle

Die Ironie besteht darin, dass gerade die Geschichte, auf die sich Europa mit Vorliebe beruft, vor der berauschenden Wirkung solcher Endzustandsrhetorik warnt. Denn die politische Sprache besitzt eine gefährliche Eigenschaft: Sie beginnt stets mit Metaphern und endet gelegentlich mit Ruinen. Erst kommt die elegante Formulierung, dann die strategische Notwendigkeit, dann die historische Mission. Irgendwann stehen Menschen in Trümmern und betrachten ratlos die Reste jener Gewissheiten, die einige Jahre zuvor noch in Talkshows mit ernster Miene vorgetragen wurden.

Vielleicht besteht die eigentliche Satire darin, dass politische Großfantasien sich fast immer als vernünftige Nüchternheit ausgeben. Niemand tritt vor Mikrofone und verkündet enthusiastisch die Sehnsucht nach historischen Erschütterungen. Nein, alles erscheint sachlich, abgewogen, alternativlos. Gerade deshalb wirkt die Sprache so merkwürdig: Als hätten die alten Dämonen Europas inzwischen Kommunikationsseminare besucht und gelernt, sich in der höflichen Grammatik strategischer Rationalität auszudrücken.

Und irgendwo, im Hintergrund der Debatte, sitzt die Geschichte selbst, diese alte Zynikerin. Sie lächelt ihr trockenes, wissendes Lächeln und blättert bereits in ihren Unterlagen. Offenbar bereitet sie gerade die nächste Lektion vor.