Der Professor und die Weltformel in einem Tweet

Es hat eine ganz eigene Komik, wenn ein Mann wie Karl Lauterbach, ausgestattet mit akademischer Gravitas und der Aura des evidenzbasierten Denkens, sich auf die flüchtige Bühne von X begibt und dort in der Lakonie eines digitalen Orakels verkündet: Sieben Länder hätten es geschafft, alle anderen müssten nun folgen. Man spürt förmlich die stille Genugtuung eines Satzes, der zugleich Diagnose, Therapie und moralischer Imperativ sein will. Die Welt als Excel-Tabelle, in der sieben Zeilen grün markiert sind und der Rest offenbar nur noch den Filter „Erneuerbar = 100 %“ aktivieren muss. Dass dieser Satz – wie so viele schöne Sätze – weniger eine Beschreibung der Wirklichkeit als eine Verdichtung politischer Sehnsucht ist, gehört zu jenen kleinen Unschärfen, die im Eifer der Verkündigung gern unter den Tisch fallen. Lauterbach, der sonst Zahlen mit chirurgischer Präzision seziert, gönnt sich hier den Luxus einer Zahl, die alles erklärt und nichts wirklich erklärt.

Die sieben Zwerge der Energiewende

Die Liste selbst hat etwas Märchenhaftes: Albanien, Bhutan, Nepal, Paraguay, Island, Äthiopien, Demokratische Republik Kongo – eine geografische Collage, die weniger wie ein energiepolitisches Konzept als wie die zufällige Auslosung eines UN-Kalenders wirkt. Und doch eint diese Länder ein Merkmal, das im Tweet zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht wirklich erzählt wird: Es handelt sich überwiegend um Staaten mit einem Entwicklungsstand, der mit jenem hochindustrialisierter Volkswirtschaften nur bedingt vergleichbar ist. Einige zählen zu den ärmeren Ländern der Welt, mit entsprechend niedriger Industrialisierung, begrenzter Infrastruktur und – was besonders unerquicklich ist – teilweise eingeschränktem Zugang zu Elektrizität für große Teile der Bevölkerung.

Hier beginnt die eigentliche Pointe: „100 % erneuerbarer Strom“ bedeutet in diesem Kontext nicht zwingend Überfluss, sondern oft schlicht Mangel auf hohem moralischem Niveau. Wo weniger produziert, weniger konsumiert und weniger angeschlossen ist, fällt es naturgemäß leichter, das Wenige vollständig aus erneuerbaren Quellen zu speisen. Es ist die energetische Variante der asketischen Tugend – bewundernswert, zweifellos, aber nicht ohne Weiteres skalierbar auf Gesellschaften, deren Strombedarf nicht bei Sonnenuntergang höflich endet.

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Die diskrete Abwesenheit der Realität

Der vielleicht eleganteste Trick dieses Narrativs besteht jedoch darin, dass es sich auf den Strom beschränkt – jenen Teil des Energieverbrauchs, der sich am besten zählen, darstellen und politisch verwerten lässt. Der Rest, also Wärme, Verkehr und industrielle Prozesse, bleibt höflich im Off, wie ein Statist in einem Theaterstück, der zwar anwesend ist, aber nicht sprechen darf. Dabei umfasst der sogenannte Endenergieverbrauch gerade diese Bereiche in ihrer ganzen Unbequemlichkeit.

In entwickelten Volkswirtschaften zeigt sich denn auch eine gewisse Sturheit dieser Sektoren: Während der Anteil erneuerbarer Energien im Strombereich bereits deutlich gewachsen ist, hinken Wärme und Verkehr sichtbar hinterher. Es ist, als hätte man den Salon frisch gestrichen, während der Rest des Hauses weiterhin renovierungsbedürftig bleibt – und dennoch stolz verkündet, das Gebäude sei nun vollständig modernisiert.

Natur als heimlicher Minister

Ein weiterer, fast schon unhöflich offensichtlicher Faktor ist die Rolle der Natur selbst. Viele der genannten Länder verdanken ihre „100 %“ weniger politischer Genialität als hydrologischer Großzügigkeit oder geologischer Exzentrik. Wasserkraftwerke in Paraguay oder Bhutan, Geothermie in Island – das sind keine politischen Entscheidungen im engeren Sinne, sondern geerbte Privilegien der Erdgeschichte. Die Geografie schreibt hier das energiepolitische Drehbuch, während die Politik lediglich die Regieanweisungen verliest.

Der Vergleich mit weniger begünstigten Regionen bekommt dadurch eine leicht absurde Note. Es ist, als würde man einem Binnenland empfehlen, seine maritime Wirtschaft auszubauen, weil Küstenstaaten damit so gute Erfahrungen gemacht haben. Der Hinweis ist nicht falsch, aber von einer gewissen Realitätsferne umweht.

Die große Gleichung: Weniger ist mehr

Was in der Debatte ebenfalls gern übersehen wird, ist die schlichte Tatsache, dass niedriger Energieverbrauch die Erreichung von „100 % erneuerbar“ erheblich erleichtert. Wo keine energieintensive Industrie existiert, wo Produktionsketten kürzer sind und Konsummuster bescheidener, dort wirkt die Energiewende wie ein Spaziergang – nicht weil sie einfacher wäre, sondern weil der Berg schlicht niedriger ist.

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Die globale Realität ist dabei ernüchternd: Noch immer haben hunderte Millionen Menschen keinen verlässlichen Zugang zu Strom. In diesem Licht erscheint die 100-Prozent-Quote fast wie ein paradoxes Gütesiegel – ein Zeichen nicht nur von Nachhaltigkeit, sondern auch von struktureller Unterentwicklung. Der Gedanke, dass genau diese Länder als Blaupause für hochkomplexe Industriegesellschaften dienen sollen, besitzt daher eine gewisse unfreiwillige Komik.

Der moralische Imperativ als Kurzschluss

Und dennoch endet die Botschaft mit einem kategorischen Imperativ: „Alle anderen müssen folgen.“ Es ist diese kleine rhetorische Volte, die aus einer deskriptiven Feststellung eine normative Forderung macht. Was als Beobachtung beginnt, endet als Anweisung – und genau in diesem Übergang liegt der eigentliche Kurzschluss. Denn das „Folgen“ setzt Vergleichbarkeit voraus, und Vergleichbarkeit wiederum verlangt ähnliche Voraussetzungen.

Die Wirklichkeit aber ist unerquicklich asymmetrisch: unterschiedliche Ressourcen, unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungen. Die Idee, all dies ließe sich durch den Verweis auf sieben Länder überbrücken, wirkt daher weniger wie ein Plan als wie ein Mantra – eines, das umso eindringlicher wiederholt wird, je weniger es sich in konkrete Politik übersetzen lässt.

Epilog: Die Eleganz der Vereinfachung

Am Ende bleibt die Bewunderung für die Eleganz der Vereinfachung. Sieben Länder, hundert Prozent, ein klarer Auftrag – selten war die Welt so übersichtlich. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz: in der Vorstellung, dass sich die widerspenstige Komplexität globaler Energiesysteme auf die Klarheit eines Tweets reduzieren lässt.

Dass diese Klarheit ihren Preis hat, nämlich das systematische Ausblenden von Entwicklungsunterschieden, geographischen Zufällen und sektoralen Realitäten, gehört zu den weniger beliebten Nebenwirkungen. Doch sie lässt sich gut ertragen, solange die Botschaft stimmt und der Tonfall entschlossen bleibt.

So steht am Ende ein Satz im Raum, der zugleich richtig und irreführend ist, inspirierend und naiv, wissenschaftlich anmutend und politisch aufgeladen. Ein Satz, der zeigt, dass selbst im Zeitalter der Daten die größte Energie oft noch immer aus der Vereinfachung stammt – erneuerbar, grenzenlos und erstaunlich resistent gegen Wirklichkeit.