Der Jude war’s!

Es gehört zu den ältesten Reflexen politischer Kommunikation, in Momenten der Überforderung nicht etwa die Wirklichkeit zu ordnen, sondern sie umzuerzählen, mit einem leicht theatralischen Schulterzucken, einem bedeutungsschweren Blick in die Ferne und jenem uralten Trick, der sich quer durch die Jahrhunderte zieht wie ein schmieriger Faden: Schuld ist stets der Andere, vorzugsweise der möglichst Ferne, möglichst Diffuse, möglichst Unüberprüfbare – oder, wenn es ganz klassisch werden soll, gleich eine Kombination aus allem, garniert mit einem Hauch metaphysischer Verschwörung. Dass diese Methode so zuverlässig funktioniert, liegt weniger an ihrer intellektuellen Brillanz als an ihrer anthropologischen Robustheit; sie ist gewissermaßen die Steinzeitkeule der politischen Rhetorik, nur dass sie heute aus Glasfaser besteht und „Desinformation“ heißt.

Die elegante Externalisierung der Realität

So fügt es sich beinahe zwanglos in das dramaturgische Grundmuster der Gegenwart, dass ein Ereignis von schlichter, brutaler Faktizität – Zehntausende Menschen, die innerhalb von zwei Tagen eine Grenze überwinden, ein logistisches, soziales und politisches Ereignis von fast geologischer Wucht – nicht als Ergebnis komplexer Ursachenketten betrachtet wird, sondern als Wirkung einer unsichtbaren Hand, die irgendwo zwischen Moskau, Jerusalem und den algorithmischen Katakomben sozialer Netzwerke ihre Fäden zieht. Mehr als 70.000 Menschen sollen Ende Juli die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta überschritten haben, ein Vorgang, der selbst in einem Zeitalter inflationärer Superlative als außergewöhnlich gelten darf. Dass dabei zugleich von gezielten Desinformationskampagnen die Rede ist, die Migranten durch falsche Versprechen – etwa angeblich garantierte Bleiberechte bei Ankunft über den Seeweg – angelockt hätten, verleiht dem Ganzen eine fast literarische Note: die Masse als Opfer einer Erzählung, die stärker ist als jede Grenze.

Doch die eigentliche Pointe liegt nicht in der Möglichkeit, dass Desinformation eine Rolle gespielt haben könnte – das wäre weder neu noch besonders überraschend –, sondern in der fast schon eleganten Auswahl der mutmaßlichen Urheber. Russland, ohnehin der Universalbösewicht der europäischen Gegenwart, liefert die geopolitische Gravitas; Israel fügt eine zweite Ebene hinzu, die zugleich irritiert und elektrisiert, weil sie in den diskursiven Kurzschlüssen der Öffentlichkeit ein Echo erzeugt, das weit über den konkreten Fall hinausreicht. Beide Staaten haben die Vorwürfe zurückgewiesen, was im Theater der internationalen Politik ungefähr den Status eines routinierten Bühnenakts hat.

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Die Immunität der bequemen Erklärung

Bemerkenswert ist weniger die Behauptung selbst als ihre strukturelle Unwiderlegbarkeit. Denn wie widerlegt man eine Desinformationskampagne, deren Wesen gerade darin besteht, unsichtbar zu sein? Wie misst man den Einfluss eines Gerüchts, das sich in den digitalen Unterströmungen verbreitet, anonym, flüchtig, jederzeit rückbaubar? Der Hinweis auf soziale Netzwerke, auf verzerrte Gerichtsurteile, auf kriminelle Schleuser und „internationale rechtsextreme Bewegungen“ erzeugt ein Geflecht aus Ursachen, das so dicht ist, dass es jede konkrete Verantwortung absorbiert. Die Wirklichkeit wird nicht erklärt, sondern eingehüllt – wie ein Möbelstück unter einer Staubplane, das man nicht mehr sehen, aber auch nicht mehr bewegen muss.

In dieser Logik erscheint es fast zwingend, dass alternative Erklärungen – etwa die Rolle regionaler Akteure oder struktureller Faktoren – mit einer gewissen Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Die offizielle Linie betont die Kooperation mit Marokko und weist jede Mitverantwortung zurück, obwohl genau diese Frage in politischen und medialen Debatten durchaus gestellt wird . Das Resultat ist ein bemerkenswert stabiles Narrativ: Die Ursache liegt außerhalb, die Verantwortung ebenfalls, und das eigene Handeln bewegt sich im Bereich des Reaktiven, nicht des Gestaltenden.

Die alte Versuchung der einfachen Schuld

Hier beginnt der eigentliche satirische Kern, der sich kaum noch verbergen lässt. Denn die Formel „Der Jude war’s!“ – in ihrer historischen Grausamkeit und intellektuellen Armseligkeit kaum zu überbieten – steht exemplarisch für eine Denkfigur, die erschreckend langlebig ist: die Reduktion komplexer Phänomene auf eine personalisierte, moralisch aufgeladene Ursache. Es ist eine Formel, die nicht deshalb funktioniert, weil sie wahr ist, sondern weil sie entlastet. Sie enthebt von Analyse, von Differenzierung, von Selbstkritik. Sie verwandelt Strukturprobleme in Tätergeschichten und ersetzt Erkenntnis durch Empörung.

Dass moderne Varianten dieser Logik sich heute in den Vokabeln von „Desinformation“, „hybrider Kriegsführung“ und „digitaler Manipulation“ kleiden, macht sie nicht notwendigerweise präziser. Im Gegenteil: Je abstrakter die Begriffe, desto größer die Versuchung, sie als universelle Erklärung einzusetzen. Migration wird dann nicht mehr als Resultat ökonomischer Ungleichheit, politischer Instabilität, klimatischer Veränderungen und individueller Entscheidungen verstanden, sondern als Effekt eines extern gesteuerten Informationsrauschens – als wäre der Mensch ein passiver Empfänger, ein Blatt im Wind der Algorithmen.

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Das Theater der geopolitischen Zuschreibung

Natürlich wäre es ebenso naiv, jede Form von Einflussnahme auszuschließen. Staaten betreiben Informationspolitik, nutzen Narrative, instrumentalisieren Ereignisse – das gehört zum Repertoire internationaler Beziehungen wie Diplomatie und Sanktionen. Doch die Frage ist nicht, ob solche Phänomene existieren, sondern welchen Stellenwert sie im Verhältnis zu anderen Ursachen einnehmen. Wenn ein Ereignis von der Größenordnung einer Massenmigration in erster Linie als Produkt externer Desinformation dargestellt wird, verschiebt sich der analytische Fokus in einer Weise, die mehr über die Perspektive des Beobachters verrät als über den Gegenstand selbst.

So entsteht ein eigenartiges Schauspiel: Auf der Bühne stehen zehntausende Menschen, mit konkreten Biografien, Motiven und Entscheidungen; im Orchestergraben aber sitzen unsichtbare Dirigenten, denen die eigentliche Handlung zugeschrieben wird. Das Publikum applaudiert der Eleganz der Inszenierung, während die Statisten – die eigentlichen Protagonisten – im Halbdunkel verschwinden.

Fazit: Die Komfortzone der Schuldzuweisung

Am Ende bleibt ein Eindruck, der sich nur schwer abschütteln lässt: Die moderne Politik hat die Kunst der Schuldzuweisung nicht überwunden, sondern verfeinert. Sie ist subtiler geworden, technischer, globaler – aber im Kern nicht weniger bequem. Die Formel hat sich geändert, das Muster ist geblieben. Wo früher einzelne Gruppen als Sündenböcke dienten, treten heute Staaten, Netzwerke und Algorithmen an ihre Stelle. Der Mechanismus ist derselbe: Komplexität wird externalisiert, Verantwortung diffundiert, und die Wirklichkeit erhält eine Erzählung, die einfacher ist als sie selbst.

Das augenzwinkernde Moment dieser Betrachtung liegt vielleicht darin, dass diese Strategie so offensichtlich ist und dennoch so wirkungsvoll bleibt. Sie funktioniert, weil sie nicht überzeugen muss, sondern entlasten soll. Und genau darin liegt ihre eigentliche Stärke – und ihre größte Schwäche.