Das Steckenpferd als Staatsform

Es gehört zu den eigentümlichsten Leistungen spätmoderner Gesellschaften, dass sie den Ernst der Weltlage mit einer bewundernswerten Konsequenz ignorieren, indem sie sich mit einer Hingabe dem Absurden widmen, die man früher nur in Klöstern oder auf Schlachtfeldern vermutet hätte. Wenn nun ein Land beginnt, Meisterschaften im Hobby Horsing auszurichten – jenem Sport, bei dem Menschen mit einem Stock zwischen den Beinen durch Hallen galoppieren und dabei eine Ernsthaftigkeit an den Tag legen, die selbst dressierte Lipizzaner erröten ließe –, dann ist dies weniger eine Kuriosität als vielmehr ein Symptom. „Die Vernunft hat sich erschöpft“, hätte vielleicht ein resignierter Aufklärer notiert, während im Hintergrund ein Parcours aus Plastikstangen aufgebaut wird.

Denn was bleibt übrig, über ein Gemeinwesen zu sagen, das nicht nur das Spiel institutionalisiert, sondern ihm auch eine Messe widmet? Es ist die Apotheose des Als-ob: Als ob Bewegung ohne Pferd, Wettkampf ohne Risiko, Leidenschaft ohne Gegenstand dieselbe Würde beanspruchen dürften wie ihre historischen Vorbilder. Doch vielleicht liegt gerade hierin die eigentliche Pointe: In einer Welt, in der alles jederzeit verfügbar, austauschbar und simulierbar geworden ist, erscheint das echte Pferd als überflüssiger Luxus. Der Ersatz genügt – und wirkt paradoxerweise authentischer als das Original, weil er seine eigene Künstlichkeit gar nicht mehr verbergen muss.

Die Ästhetik der Ernsthaftigkeit

Der Beobachter, der sich an den Rand einer solchen Veranstaltung stellt, wird unweigerlich von einem eigentümlichen Gefühl ergriffen: einer Mischung aus Belustigung und leiser Beklemmung. Denn die Teilnehmer springen, traben und wenden mit einer Hingabe, die jeden ironischen Abstand zunichtemacht. Hier wird nicht gespielt, hier wird geglaubt. „Es ist nur ein Spiel“, lautet die beruhigende Formel, doch sie zerbricht an der Intensität der Ausführung. Vielleicht war es schon immer so: dass der Mensch seine größten Energien gerade dort entfaltet, wo der Gegenstand am unerquicklichsten ist.

Die Inszenierung folgt dabei den bekannten Mustern: Regeln, Jurys, Bewertungsmaßstäbe, Ranglisten. Alles, was einem Tun Bedeutung verleiht, wird gewissenhaft reproduziert. Nur der Ursprung fehlt – das Tier, die Natur, die Widerständigkeit. Stattdessen bleibt eine glatte Oberfläche, auf der sich die Sehnsucht nach Sinn spiegelt wie in einem schlecht polierten Spiegel. Es ist die Ästhetik der Simulation, die sich selbst genügt.

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Fortschritt als Parodie seiner selbst

Man könnte versucht sein, in dieser Entwicklung eine Fortschrittserzählung zu erkennen: die Befreiung des Sports von materiellen Zwängen, die Demokratisierung des Reitens, die Emanzipation vom Tier. Doch dieser Fortschritt wirkt seltsam entkernt, als habe er unterwegs sein Ziel verloren. „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“, schrieb einst ein berühmter Denker; heute könnte man hinzufügen: und wenn die Ketten verschwunden sind, wird mit erstaunlicher Kreativität Ersatz geschaffen.

Das Hobby Horsing erscheint somit als Parodie des Fortschritts: Es befreit und ersetzt zugleich, es schafft Möglichkeiten und entleert sie im selben Atemzug. Der Parcours wird zur Metapher einer Gesellschaft, die sich selbst Hindernisse aufstellt, um sie anschließend mit großem Aufwand zu überwinden – ein Kreislauf aus Selbstbeschäftigung, der beeindruckend effizient und zugleich vollkommen zweckfrei ist.

Die Ironie der Selbstverwirklichung

Natürlich wäre es billig, dieses Phänomen lediglich zu verspotten. Denn hinter dem Steckenpferd verbirgt sich ein ernsthafter Wunsch: der Wunsch nach Ausdruck, nach Bewegung, nach Gemeinschaft. In einer Welt, die immer stärker digitalisiert, beschleunigt und fragmentiert ist, wirkt das analoge Springen über eine Stange fast wie ein Akt der Rebellion. Doch auch diese Rebellion bleibt harmlos, domestiziert, eingepasst in Hallenordnungen und Teilnahmegebühren.

Hier offenbart sich die Ironie der Selbstverwirklichung: Sie verspricht Individualität und produziert doch standardisierte Formen. Jeder Sprung ist einzigartig und zugleich normiert, jede Bewegung persönlich und doch bewertbar. Der Mensch galoppiert, aber im Takt der Erwartungen. Vielleicht ist das Steckenpferd weniger ein Spielzeug als vielmehr ein Symbol: ein Symbol für die Art und Weise, wie moderne Gesellschaften ihre Sehnsüchte organisieren und gleichzeitig neutralisieren.

Ein Land zwischen Ernst und Karikatur

Was also bleibt zu sagen? Vielleicht dies: Ein Land, das Hobby Horsing Meisterschaften und Messen veranstaltet, hat sich nicht lächerlich gemacht – es hat sich lediglich konsequent zu Ende gedacht. Es zeigt, was geschieht, wenn der Drang zur Organisation, zur Eventisierung und zur permanenten Selbstdeutung keine Grenzen mehr kennt. Das Ergebnis ist keine Katastrophe, sondern eine stille, fast elegante Absurdität.

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Und vielleicht liegt gerade darin ein tröstlicher Gedanke. Denn wenn die Welt schon zur Bühne wird, auf der Menschen mit Steckenpferden über künstliche Hindernisse springen, dann bleibt immerhin die Möglichkeit, darüber zu lachen. Ein Lachen, das nicht zerstört, sondern erkennt: dass im Grotesken oft mehr Wahrheit steckt als in den großen Erzählungen vom Fortschritt, von der Vernunft und vom Sinn.